Fluten in Benin: “Die Menschen hier leiden genauso wie überall anders“

Interview mit CARE-Länderdirektor Rotimy Djossaya über die Fluten und warum die Katastrophe in dem kleinen Land kaum Aufmerksamkeit bekommt

In Benin gab es in den letzten Monaten schlimme Überflutungen. Wie sieht es heute aus?
Seit Anfang Oktober hat es im Norden Benins nicht mehr geregnet. Die Überschwemmungen gehen langsam zurück. Deshalb konnten einige vertriebene Menschen in ihre Dörfer zurückkehren. Aber das Schlimmste ist noch nicht überstanden: Das Wasser ist immer noch hoch und man kann sich oft nur mit einem Motorboot fortbewegen. Viele geflohene Menschen finden bei ihrer Rückkehr komplett zerstörte Häuser vor. Im Süden dauert der Regen noch an. Drei Gemeinden sind immer noch überflutet. Zudem rechnen wir mit weiteren saisonalen Überschwemmungen im November, also wird es wohl wieder Flutwellen geben.

Was brauchen die Menschen jetzt am meisten?
Viele Familien sind in den letzten beiden Monaten aus ihren Häusern vertrieben worden und haben bis jetzt sehr wenig Hilfe erhalten. Sie brauchen vor allem Nahrung. Die Überschwemmungen haben den Großteil der Ernte vernichtet, die im Dezember eingeholt werden sollte. Die Hälfte der Reis- und Getreidefelder ist zerstört worden. Viele Gemeinden haben ihre gesamten Ersparnisse in den Reisanbau gesteckt: Für Wasserpumpen, Benzin, Saatgut. Einige haben Kredite aufgenommen, andere ihre Rinder verkauft. Dabei hatten sie immer die Hoffnung, dass die Ernte ihnen ein gutes Einkommen bringen würde. Jetzt haben die Menschen das meiste davon verloren.

Wenn nichts getan wird droht bald Hunger. Die Menschen, deren Lagerbestände von den Fluten zerstört wurden, haben keine Rücklagen um sich selbst vor einer Hungersnot zu schützen. Bei einer Untersuchung vor Ort fiel den CARE-Teams auf, dass viele Säuglinge und junge Kinder bereits Zeichen einer mittleren bis schweren Unterernährung aufweisen. Viele Menschen berichten, dass sie eine Mahlzeit am Tag gestrichen haben. Viele müssen nun schon ihr Hab und Gut verkaufen, um sich Essen leisten zu können.

Viele Menschen haben ihr Zuhause verloren. 16 Dörfer sowie 55 kleine Ortschaften und Felder wurden überflutet. Haben die Menschen ein Dach über dem Kopf?
Nein, ganz und gar nicht. Unterschlupf zu finden gehört immer noch zu den größten Sorgen der Flüchtlinge. Viele Familien wurden aus ihrer Heimat vertrieben und leben am Straßenrand. Sie bauen provisorische Camps, in denen es keine sanitären Anlagen und kein sauberes Wasser gibt. Da die Überflutungen zurückgehen, konnten einige Familien schon in ihre Dörfer zurückkehren. Allerdings hat das Wasser hier enorme Schäden angerichtet. Die Menschen haben ihre Häuser mit Erdblöcken gebaut, die Wände sind komplett zerstört. Auch die Dächer aus Holz sind kaputt. Die meisten Häuser müssen komplett neu gebaut werden. Ein weiteres großes Problem besteht darin, dass nicht genügend sauberes Wasser da ist. Die Menschen müssen das Wasser aus dem Fluss oder aus Pfützen für alles benutzen: Zum Waschen, Trinken und Kochen. Einige Menschen, hauptsächlich Kinder, berichteten von Bauchschmerzen. Zum Glück haben viele Menschen Seife, Reservekanister und Tabletten, mit denen sie das Wasser reinigen können, bekommen. Das hilft schon. Aber wir müssen den Zugang zu trinkbarem Wasser verbessern um Krankheiten zu verhindern.

Warum erhält Benin in dieser Katastrophe keine ausreichende humanitäre Hilfe?
Bis jetzt haben die betroffenen Gemeinden sehr wenig Hilfe erhalten. Sie brauchen Essen, sie brauchen sauberes Wasser, sie brauchen eine Unterkunft. Benin ist ein sehr kleines Land in Westafrika und die Fluten gehören nicht zu den größten Notsituationen, die es zurzeit auf der Welt gibt. Viele Menschen wissen nicht einmal, dass Benin existiert. Aber die Menschen hier leiden genau so wie jeder Mensch, der sein Zuhause, seine Lebensgrundlage und sein Vermögen verloren hat. Sie verdienen unsere Hilfe und wir sollten sie nicht vergessen. Auch wenn wir von ihnen nichts in den Nachrichten hören.

Was tut CARE, um die betroffene Bevölkerung zu unterstützen?
CARE verteilt Hilfsgüter an 22.500 Menschen in den Gemeinden Malanville und Karimama. Jede Familie erhält Seife, Reservekanister und Tabletten zum Filtern des Wassers. Zusätzlich stellen wir schwangeren Frauen Moskitonetze zur Verfügung, um sie vor Malaria zu schützen. CARE Benin/Togo hat viel Erfahrung mit Katastrophenhilfe. Bei den Fluten im Jahr 2010 haben wir Nothilfe geleistet. Zusammen mit Partnern vor Ort haben wir 150.000 Menschen mit Wasser, Hygieneartikeln, Nahrung und Unterkunft versorgt. Wir würden gerne mehr Menschen erreichen, aber wir brauchen Mittel, um unsere Hilfe auszubauen.


Dies ist jetzt die dritte ernste Flut in Benin in den letzten fünf Jahren. Sind Fluten ein immer wiederkehrendes zerstörendes Ereignis?
Ja, Fluten kommen in dieser Gegend immer wieder vor. Deswegen ist es so wichtig den Familien dabei zu helfen, sich besser auf eine solche Notsituation vorzubereiten. Einige Gemeinden haben den Wunsch geäußert, in höher gelegene sichere Gebiete umzusiedeln. Tatsächlich sind viele Familien schon umgezogen. In mehreren Gebieten finden Verhandlungen mit den Ortsvorstehern betroffener Gemeinden statt, um neue Wohngebiete zu finden. Wir müssen diese langfristigen Strategien unterstützen, um den Menschen eine nachhaltige Hilfe bieten zu können. Dann können sie sich in Zukunft selbst vor Katastrophen schützen und verlieren nicht immer wieder ihre Lebensgrundlage.