Gaza-Blog

CARE-Mitarbeiter berichtet aus dem Gaza-Streifen

Jawad Harb ist Palästinenser, der in Rafah mit seiner Frau und sechs Kinder wohnt. Jawad Harb arbeitet für CARE seit 2002. Er ist Manager eines Programms für die Unterstützung von Frauenzentren in Gaza. Seit den israelischen Angriffen, die am 27. Dezember begann, ist Harbs Programm suspendiert.

Übersetzung: Linda Besigiroha

 

Wieso sind meine Freunde gestorben, Papa?

29. Januar 2009. Samstag war der erste Schultag für meine Kinder. Mein zwölfjähriger Sohn, Yazan, geht in die sechste Klasse. Er ging zur Schule und stellte fest, dass er sechs Schulkameraden verloren hatte. Einer der Jungen saß am Tisch hinter Yazan. Wenn er jetzt hinter sich schaut, ist der Junge, mit dem er immer geredet und gelacht hat, nicht mehr da.

Meine Kinder haben die Luftangriffe überlebt, die Gefahren, die Schlaflosigkeit. Doch jetzt ist ihre Welt auch nicht mehr wie früher. Sie verstehen nicht, wieso ihre Kameraden sterben mussten. „Wieso ist mein Freund gestorben, Papa?“ fragt mich Yazan. „Wieso wurde sein Haus bombardiert? Was hat er denn Falsches gemacht?“ Sie wollen verstehen, wieso Kinder sterben mussten. Sie wissen, dass viele Erwachsene umgebracht wurden, aber es ist viel schwieriger für sie zu verstehen, wenn es um Kinder wie sie geht, die verletzt oder umgebracht wurden, oder Schmerzen leiden mussten.

Ziads Schule wurde bei einer Bombardierung zerstört. Man hat bis jetzt keinen anderen Platz für die Kinder gefunden. Sie müssen daher in Zelten sitzen, umgeben von Trümmern. Ich habe Ziad zwei Tage lang in diese Zeltschule geschickt, aber ich hatte ein schlechtes Gefühl dabei. Die Schule liegt draußen, mitten in Glasscherben und Trümmern, und es ist sehr kalt. Ich habe keine Ahnung, was sich in den Trümmern verstecken könnte: Man hört von Waffenüberresten wie weißem Phosphor, abgereichertem Uran, oder sogar Blindgängern – Bomben, die nicht explodiert sind. Es ist nicht sicher, also muss Ziad Zuhause bleiben. Er ging erst seit September in die Schule. Nun wird er sein erstes Schuljahr versäumen. Er hat sich immer so auf die Schule gefreut, aber als ich ihm sagte, dass er von jetzt an zu Hause bleiben musste, hat er kein Wort gesagt. Manche seiner Freunde gehen in die Zeltschule, aber ihre Eltern haben jetzt auch ihre Zweifel.

Es gibt keine provisorischen Räume für die Schulen, gleichzeitig werden keine Baumaterialien nach Gaza eingelassen. So viele Häuser und Schulen wurden zerstört. Die noch stehenden werden von mehreren Familien bewohnt. Bis wir Gaza wieder aufbauen können, bleibt die Situation hier eine Katastrophe. Wie kann man das Land aber ohne Zement, Glas oder einfaches Holz wieder aufbauen?

Ich kann niemandem erklären, wie schmerzhaft die Geschichten sind, die die Kinder erzählen. Sie reden ununterbrochen über den Krieg, darüber, was sie im Fernsehen sahen und über ihre Freunde, die gestorben sind. Sie stellen sich vor, wie sie wohl ums Leben kamen. Die Psychiater in den Schulen führen Aktivitäten durch, die den Kindern helfen sollen, sich mit ihrer Trauer auseinander zu setzen. Ich hoffe, dass diese Maßnahmen eine Wirkung haben. Die Kinder sind sehr traumatisiert. Sie sind noch so jung. Meine Töchter, die älter sind, sind mir gegenüber sehr zurückhaltend. Vielleicht reden sie mit ihrer Mutter darüber. Ich habe immer gedacht, dass Mädchen gerne reden, aber jetzt ist mir klar geworden, dass es manchmal schwierig sein kann, Mädchen zum Reden zu bringen. Sie sehen so traurig aus, aber sie beantworten meine Fragen nur mit „ja“ oder „nein“. Sie befinden sich noch in einem Schockzustand. Sie lächeln weniger als sonst. Eine meiner Töchter probiert das Schreiben von Gedichten aus. Sie schreibt über ihre Erfahrungen im Gazakrieg, und darüber, wie wir Palästinenser uns von der Welt im Stich gelassen fühlten. „Wir riefen nach Frieden“, schreibt sie, „wir schrien nach Hilfe, aber keiner hörte uns“. Meine Tochter ist fünfzehn.

Ich gehe wieder arbeiten. Ich habe immer eine halbe Stunde zur Arbeit gebraucht, jetzt dauert es eine Stunde. Der Asphalt ist beschädigt und wir müssen daher langsam fahren. Es gibt überall Schlaglöcher. Zuerst war ich schockiert, besonders als ich Gaza Stadt zum ersten Mal wieder sah und das Ausmaß der Zerstörung von Häusern, Schulen, und Gebäuden wahrnahm. Ich konnte kaum arbeiten in den ersten Tagen. Ich saß mit meiner Kollegen da und versuchte herauszufinden, wer gestorben ist, da es bei den Auseinandersetzungen nicht möglich war, Informationen zu bekommen. Eines hatten wir in den schweren Zeiten alle vermisst: Das ruhige Schlafen nachts. Wir können jetzt zumindest wieder gut schlafen und hoffen alle, dass es so bleibt.

Viel Arbeit liegt jedoch noch vor uns. CARE verteilt weiter Lebensmittel, Hilfsgüter und Medizin. Gaza muss wieder aufgebaut werden, und Kinder, wie die meinen, werden Hilfe brauchen, um sich von diesem Trauma zu erholen.

 

Heute bin ich voller Hoffnung

15. Januar 2009, 10 Uhr. Das erste was mir auffiel, war die Stille. Es waren zum ersten Mal seit drei Wochen weder Bomben noch Schreie zu hören. Waffenstillstand. Letzte Nacht war das erste Mal seit drei Wochen, dass ich sechs Stunden ohne Unterbrechung schlafen konnte. Unsere Kinder haben ruhig geschlafen. Sie waren nicht besorgt und hatten keine Angst. Jetzt kann ich ihnen nachts beim Schlafen zusehen, ohne Angst zu verspüren, dass eine Bombe jeder Zeit auf das Haus fallen könnte. Ich fühle mich wieder wie ein Mensch.

Die Menschen fingen langsam an, durch ihr Viertel zu gehen, um das Ausmaß der Zerstörung einzuschätzen. Sie waren am ersten Tag immer noch sehr vorsichtig, nicht ganz entspannt, besonders als man hörte, dass es im Norden Angriffe gab. Außerdem konnten wir immer noch Flugzeuge über uns sehen. Ich bin das erste Mal seit drei Wochen mit meinen Kinder in die Stadt gegangen. Sie waren wirklich traurig wegen ihres Spielplatzes. Er wurde in der ersten Woche zusammen mit einigen Häusern zerstört. Jetzt haben die Kinder keinen anderen Ort zum Spielen. Der Spielplatz war der einzige in der Gegend.

Wir haben meine Schwester in Rafah City besucht. Wir sprachen über gemeinsame Bekannte, die starben. Unsere Kinder spielten zusammen, und meine Schwester und ich konnten ihre unschuldigen Kinderfragen hören. “Hast du geweint? Ich habe nicht geweint. Ich war sehr stark. Warst du stark? Habt ihr nachts gut schlafen können? Wo habt ihr geschlafen. Unser Vater war die ganze Zeit zu Hause. Er hat uns Geschichten vorgelesen. Hat euer Vater euch Geschichten vorgelesen?” Es war irgendwie lustig, wie sie ihre Erlebnisse verglichen. Aber ich mache mir Sorgen um sie, darum, wie sie das alles verarbeiten werden.

Heute ist es sehr ruhig. Ich bin in der Stadt einkaufen gewesen. Ich habe Benzin, Gemüse, Tomaten und Gurken gekauft. Ich habe sogar Fleisch finden können. Es gab nicht viel Obst, aber ich habe ein paar Orangen gefunden. Alles ist so teuer. Ich habe Glück, dass ich ein  Job habe, und dass ich Geld abhob, bevor der Konflikt anfing. Viele meine Nachbarn haben nicht so ein Glück. Es gibt kein Geld in den Banken.

Wir hatten letzte Nacht um 21 Uhr das erste Mal seit Tagen wieder Strom. Die Techniker müssen direkt nach der Waffenstillstand mit den Reparaturen angefangen haben. Die Kinder haben Zeichentrickfilme geschaut, wie früher. Meine Söhne nahmen heute Morgen den Fußball und gingen die Treppe runter um andere Kinder zum Spielen einzuladen.  

Die Kinder sollten am Samstag in die Schule gehen, aber die Schulen werden zurzeit als Schutzräume benutzt. Meine ältesten Töchter fragen mich, „Papa, wo werden wir in die Schule gehen?“ Sie wollen, dass ich im Bildungsministerium nachfrage, wann sie wieder in die Schule können.

Ich bin jetzt auf dem Balkon und betrachte die ganze Nachbarschaft. Die Menschen sitzen draußen, genießen die Sonne beim Teetrinken und lächeln. Es sieht alles so normal aus. Jeder ist froh, dass der Waffenstillstand begonnen hat, aber viele sind auch wegen des Leidens der Menschen und des Schades an der Infrastruktur besorgt. Viele Menschen in Gaza fühlen sich von der ganzen Welt verlassen. So viele Sachen wurden zerstört.
Man entdeckte gestern hundert Leichen unter der Steinbrücke. Es ist so schockierend, sie lagen seit Wochen da. In der Stille reden die Menschen über ihre Trauer. Sie rufen ihre Qual ins Gedächtnis.

Es ist nicht einfach, die Augenblicke des Kriegs zu vergessen. Wir freuen uns auf den Waffenstillstand, aber noch gibt es keine Feste. Wir wollen endgültigen Frieden. Die Blockade des Gazastreifens muss aufgehoben werden. Wir hoffen, dass der Gazastreifen eines Tages geöffnet wird für den Rest der Welt und dass wir wie alle anderen einfach arbeiten und leben können,

Wir warten auf was als Nächstes passiert. Aber heute bin ich voller Hoffnung.

 

Bombardierte Schule

11. Januar 2009, 12 Uhr. Die Schule meines Sohnes wurde heute bei einem Luftangriff zerstört. Ziad ist erst sechs. Er fing im September mit der Schule an. Er liebt es, zur Schule zu gehen. Seine Lieblingsfächer sind Sport und Kunst, da er das Zeichnen besonders mag.

Aber seit den letzen 16 Angriffstagen hat er nicht zur Schule gehen können. Er hat seine Freunde deshalb seither nicht gesehen. Das einzige, worauf er mitten in all der Angriffe und schlaflosen Nächte sich gefreut hatte, war, wieder in die Schule zu gehen. Nun ist seine Schule jetzt auch komplett zerstört.

Zur meinen Erstaunen stand Ziad, der die Neuigkeiten von seinen Brüdern erfahren musste, sprachlos und still wie eine Statue. Dieser muntere kleine Junge konnte fünf Minuten lang kein Wort reden. „Papa, werde ich meine Freunden in der Schule nicht mehr treffen können?“ fragte er mich endlich. „Waren meine Freunde in der Schule, als sie bombardiert wurde?“ fragte er mit Schmerzen.

Ich habe alles versucht, um ihn zu beruhigen, aber er brach in Tränen aus und weinte fast eine Stunde lang. Dann war es Nacht, wieder das Leiden, die Zeit die wir alle fürchten, die andauernden Luftangriffe. Als die Bomben fielen, stieg Ziads Temperatur. Er übergab sich in seinem Bett, und er sah kranker aus, als ich mich je erinnern konnte.

Es war 3 Uhr Morgens als ich meinen Cousin, der auch Arzt ist,  anrief. Er stellte jedoch nichts Schlimmes bei Ziad fest. Ziad machte seine Augen um 8 Uhr auf. Er sagte, „Papa ich gehe nie wieder in der Schule. Ich habe Angst, dass man sie wieder bombardieren wird.“

Ich habe geweint, weil ich mich genau so hilflos und schikaniert wie meine Kinder fühlte. Seit zwei Wochen kann ich meinen Kindern nicht zeigen, dass ich sie verstehe. Nichts in der Welt tut mehr weh, als das schreckliche Gefühl, die eigenen Kinder vor deinen Augen zu verlieren.

 

Ali Baba und der Gazakrieg

9.Januar 2009, 4:00 Uhr. Heute ist der 14te Angriffstag. Es ist vier Uhr Morgens. Meine sechs Kinder sind so besorgt. Sie sind unruhig und können nicht schlafen. Das Haus wird mit jedem Angriff von links nach rechts gerüttelt, und die Kinder greifen nach einander, wie frierende Kaninchen, die nach die Wärme suchen. Wir fühlen uns hilflos und schikaniert. Es gibt nichts schlimmer als, die eigenen Kinder nicht schützen zu können.

Die Luftangriffe werden brutaler und furchtbarer. Sie scheinen sehr nah zu sein, als ob sie uns jagen, und wir uns nirgendwo von ihnen verstecken können. Das psychologische Trauma, dem die Kinder in Gaza ausgesetzt sind, ist unerträglich und unheilbar.

Mein einziges Ziel und die unmögliche Aufgabe als Vater ist es, meine Kinder ins Bett zu bringen. Ich habe all die Gutenachtgeschichten, die meine Mutter mir einst erzählte, in den vergangenen 13 Tagen schon erzählt.

Die einzige Geschichte, die ich noch nicht erzählt habe ist „Ali Baba und die vierzig Räuber“. Meine Kinder sind gespannt darauf, sie zu hören.

Ich erreiche den Teil: „Dann stieg Ali Baba herab, er ging zur in den Gebüsch verbogenen Tür, und sagte, ‚offne, Sesam!’. Die Tür flog auf.“

Mein sechs-jähriger Sohn öffnet plötzlich seinen Augen, und fragt mich: “Papa, wieso kann Ali Baba nicht einfach nach Gaza kommen, und sagen, „endet den Krieg, endet den Krieg!’, damit es keinen Krieg mehr geben würde?“

 

Nachts nur Schreie und Weinen

8. Januar 2009, 4:45 Uhr. Heute ist der dreizehnte Angriffstag. Es ist wirklich fürchterlicher, als wir es jemals beschreiben könnten. Wir haben das Gefühl, als greife uns der Himmel an. Es gibt nichts Schlimmeres, als todmüde zu sein, den Schlaf dringend zu brauchen, aber nicht schlafen zu können. Wir fürchten, unsere Augen zu schließen und nie wieder aufwachen zu können. 

Es ist 4:45 Uhr. Mein sechs-jähriger Sohn ist gerade aufgestanden und hat mich gefragt: „Papa, wieso ist es heute Nacht so laut?“ Bis jetzt hatte er die Bomben im Weiten gehört, daher sind sie nicht so laut gewesen. Er weiß nicht, dass näherliegende Häuser heute Nacht angegriffen werden.

Das Weinen der Kinder in der Nachbarschaft bei jedem Bombenanschlag schmerzt uns am meisten. Es ist kaum zu glauben, und das ist die erste Nacht, dass wir so einen Schreien und Weinen gehört haben. Wir sind alle einfach erschöpft.

Ich konnte es nicht lassen und ging die Treppen herunter auf die Strasse. Ich war überrascht, fast alle meine Nachbarn da zu sehen. Sie haben sich alle neben ihren Häuser auf der Strasse versammelt.  

„Es ist sicherer hier draußen“ meinte einer meiner Nachbarn. „So werden wir wenigstens nicht unter einen zertrümmerten Haus begraben werden“. 

Ein weiterer Bombenanschlag geschah, als ich auf der Strasse war. Die Menschen hoben ihre Hände gleichzeitig. Sie sahen auf zum Himmel und hofften auf Gottes Hilfe. Es sah aus, als ob es geplant war, diese Geste gleichzeitig zu machen. 

Die Angriffe gingen weiter, einer nach dem anderen. Die Menschen sahen immer wieder hinauf und baten Gott um Hilfe. Die Kinder schrien und weinten immer noch nach jedem Anschlag. Die Wörter meines Sohnes gingen durch mein Kopf; „Papa, wieso ist es heute Nacht so laut?“

 

Ein paar Stunden Normalität

7. Januar 2009, 16 Uhr. Meine Kinder schlafen alle. Sie sind vor drei Stunden ins Bett gegangen, als die Bomben für einen Waffenstillstand aufgehört hatten. Es war ganz still für drei Stunden. Keine Bomben. Die Kinder sehen so friedlich aus.

Keiner von uns schaffte es, letzte Nacht zu schlafen. Die Bomben fielen alle fünf Minuten. Es war eine furchtbare Nacht. Keiner kann während eines Krieges schlafen.

Sobald der Waffenstillstand begann, öffneten die Laden in meine Nachbarschaft. Meine Nachbarn stürmten draußen an, um Essen zu kaufen. Sie liefen, weil niemand glaubte, dass der Stillstand die ganzen drei Stunden anhalten würde. Sie hatten Angst, dass ein neuer Angriff jede Minute beginnen könnte. Die Menschen kauften Reis, Makkaroni, Käse, Salz, Zucker und Eier ein. Das ist alles was es in den Geschäften noch zu kaufen gibt. Das Essen ist jetzt sehr teuer. 

Heute hatten wir Strom für vier Stunden, was heißt, dass wir auch Wasser hatten. Wir haben die Wäsche erledigt, Wasser gepumpt und die Kinder gebadet. Zum ersten Mal war ich über Wäsche waschen so aufgeregt gewesen! Das Leben war für ein paar Stunden normal. 

Die Luftangriffe haben eben wieder begonnen. Ich kann den Rauch, der ein paar hundert Meter von hier aufsteigt, durch das Fenster sehen. Der schwarze Rauch ist genau vor mir und ich habe Angst.

Bei den Bomben ist es nicht das, was man hört, sondern was man fühlt, entscheidend. Es ist wie bei einem Erdbeben. Das Haus wird geschüttelt und gerüttelt, vom links nach rechts. Es ist, als sich ob eine unterirdische Welle unter den Häusern hindurch bewegen würde. 

Meine Kinder werden langsam wach. Der Waffenstillstand ist vorbei. Wir hoffen auf den morgigen Stillstand. Dann können wir wieder schlafen. Doch jetzt wird es wieder ein lange Nacht werden.

 

Vorübergehene Ewigkeit

5. Januar 2009, 16:30 Uhr. Ich schreibe meine eigene, sehr persönliche Geschichte, während der Gaza-Streifen einige der schwersten Herausforderungen durchmacht. Meine Geschichte ist aber auch die Geschichte von 1.6 Millionen Palästinensern, die in Gaza leben.

Der 28. Dezember ist ein Tag, den man nie vergessen wird. Es war 16:30 Uhr, nachmittags. Ich saß in meinem Haus mit meinen sechs Kindern, 500 Meter von der ägyptische Grenze entfernt. Die Dunkelheit umgab uns wie ein Ungeheuer, und ein paar Kerzen leuchteten uns den Weg zur Küche und zum Badezimmer. Es war eine pechschwarze Nacht voll unvorhersehbarer und unbekannter Angst. Ich war dabei, meinen Kindern Geschichten zu erzählen, um sie abzulenken – als es sich plötzlich wie bei einem Erdbeben angefühlt hat.

Das Haus wurde von sechs aufeinander folgenden Luftangriffen geschüttelt und gerüttelt. Das Haus war wie ein Blatt Papier vom Winde verweht. Die Kinder versuchten, dem Chaos der Angriffe zu entgehen; sie schrien und liefen in alle möglichen Richtungen. Unkontrollierbare Panik herrschte überall. 

Die Situation wurde durch die Schreie der Kleinen aus dem Viertel noch komplizierter. Alle Kinder aus der Nachbarschaft liefen weinend und schreiend die Treppen hinunter auf die Hauptstrasse; auf eine Art und Weise, die ich noch nie erlebt habe. Die Strasse war voll mit Eltern, die versuchten, ihre Kinder zu finden und sie nach Hause zurück zu bringen. In diesem Chaos schaffte ich es kaum noch, meine eigenen Kinder zu mir zu holen und ging dann nach Hause. 

Wir saßen schon wieder im Dunkeln, und ich begann aufs Neue, mit ihnen zu reden, damit sie sich beruhigen konnten.Mein zwölfjähriger Sohn Yazan fragte mich plötzlich, „Papa, werden wir jemals wieder Frieden haben?  Ich klettere gern, ich mag es, wie ein Affe zu schaukeln … und ich würde gerne wie ein Vogel fliegen. Wieso können wir nicht frei spielen wie die Kinder, die wir jeden Tag im Kindersendungen sehen?“

Eine brennende Träne lief mein Gesicht herunter, und ich konnte auf einmal kein Wort mehr sagen.

„Ist es im Moment nicht Weihnachten, Papa?“ fragte er. „Sollten wir nicht feiern und Kuchen essen?“

Als ich ihm zu antworten versuchte, schüttelte ein weiterer Luftangriff das Haus, und diesmal schmiegten sie sich an mich wie kleine Vögel. Kleine Hände griffen überall an meinem Körper, und ich wünschte, ich hätte zehn Hände, um sie alle umarmen zu können. Denn genau dies brauchten sie in diesem Moment.

„Es ist nur vorübergehend“ sagte ich. 

„Ja, aber es ist doch ewig vorübergehend Papa“ antwortete meine 16-jährige Tochter. 

 

 CARE leistet seit 1948 Hilfs- und Entwicklungsarbeit in der Westbank und Gaza. Seit dem Ausbruch der neusten Angriffe versorgt CARE Hospitale und der Red Cresecent Society in Gaza mit Essen und Sanitätsartikel. CARE fördert beide Seiten auf die Unruhen zu beenden und einen unbeschwerten humanitären Einsatz in Gaza zu ermöglichen.