Gaza: drei Monate nach dem Krieg

Viel muss wieder aufgebaut werden, vor allem Kinder sind traumatisiert/ Blog von Jawad Harb

Jawad Harb ist Palästinenser und wohnt mit seiner Frau und sechs Kindern in Rafah. Er arbeitet seit 2002 für CARE als Manager eines Programms für die Unterstützung von Frauenzentren in Gaza.

Vor drei Monaten fielen die ersten Bomben auf Gaza, und ich sehe nun, dass dieser Krieg viel mehr zerstört hat als nur Häuser. Die letzten zwei Monate habe ich damit verbracht, Gemeinden zu besuchen, mir ihre Erfahrungen berichten zu lassen und ihre Ängste. Ich stellte fest, dass der Krieg bei den Frauen und ihren Familien sehr tiefe Wunden hinterlassen hat. Er hat ihren Lebensalltag verändert, die Art, wie sie denken und miteinander leben, wo sie schlafen, wie sie mit der Situation klarkommen. Alles hat sich verändert.

Bei den Treffen erzählen die Frauen ihre Geschichten. Die Leser wären überrascht davon, was die Frauen darüber sagen, wie ihre Kinder sich im Krieg verhalten haben, wie sich ihre Einstellungen und ihr Verhalten zu Hause und in der Schule verändert haben. Die meisten Frauen sagen, dass ihre Kinder nicht alleine herumlaufen wollen. Und nicht in ihren eigenen Zimmern schlafen. Die Kinder spielen nicht mehr draußen wie früher, es gibt keinen Fußball mehr auf den Straßen. Denn jemand hat ihnen erzählt, dass andere Kinder draußen bei einem Luftangriff getötet worden sind.

Nachrichten statt Cartoons und Kinderfilmen

Aufregung, Furcht, Schlafstörungen, Bettnässung – das gibt es sogar bei 14- und 15-jährigen Teenagern. Einige Kinder wurden gewalttätig und aggressiv, sie wollen unbedingt die Nachrichten sehen und wissen, ob es einen weiteren Krieg gibt.

Die Mütter müssen mit all diesen Verhaltensweisen umgehen, obwohl sie dafür nicht die nötige Ausbildung haben. CARE arbeitet deshalb mit Frauen in Gemeindegruppen überall in Gaza, um ihnen und ihren Kindern psychosoziale Unterstützung zu geben. Die Mütter lernen dabei auch, wie sie ihre eigenen Kinder psychologisch behandeln können.

Vor dem Krieg waren die meisten Aktionspläne von Frauengruppen nicht auf psychosoziale Unterstützung ausgerichtet. Man fand darin eher Projekte für den Lebensunterhalt, wie Kaninchenzucht, Unterstützung für weibliche Landwirte und Nähgruppen. Aber nach dem Krieg haben sich die Prioritäten verändert. Das psychosoziale Trauma der Menschen muss schnell behandelt werden.

Mir geht es nicht anders. Ziad, mein sechsjähriger Sohn, schläft mindestens drei Tage die Woche in meinem Schlafzimmer, und ich kann ihm nicht Nein sagen. Meine anderen Söhne sind zwölf und zehn. Sie bleiben in meinem Schlafzimmer, bis sie eingeschlafen sind. Dann trage ich sie in ihr Bett und schaue nachts noch einmal vorbei. Meine Kinder machen ihre Hausaufgaben nicht mehr so gerne wie früher. Inzwischen ist es wie Zähneziehen. Das sagen viele Lehrer über die Schüler. Sie sind abwesend und erledigen ihre Aufgaben nicht. Sie wollen immer nur die Nachrichten sehen und mit anderen Kindern darüber reden.

Die Mädchen sind einfach still
Die Mädchen verhalten sich auf den ersten Blick besser und machen ihre Hausaufgaben. Aber sie reden nicht viel. Ich versuche, mich zu ihnen zu setzen, wenn ich Zeit habe. Aber sie werden zu stillen Menschen. Traumatisiert. Und wissen nicht, was sie sagen sollen. Ich will mit ihnen nach draußen gehen, aber wir können Gaza nicht verlassen. Wir sind davon umgeben, jeden Tag. Ein Spaziergang durch die Stadt oder ein Mittagessen, dabei reden sie manchmal und lächeln sogar. Aber dann sehen sie die Zerstörung um sich herum. Wie können dem nicht entkommen.

Es gibt noch keinen Wiederaufbau. Überhaupt nicht. Wie können die Leute nach vorne blicken, wenn wir nichts wiederaufbauen können? Wird Gaza jemals wieder so aussehen wie früher? Wie können wir die Zeichen der Zerstörung überall loswerden? Die Trümmer liegen noch überall. Ein bisschen hat man von den großen Straßen weggeräumt, aber sonst liegen sie noch überall.

In meinem Projekt haben die Frauen trotz aller Schwierigkeiten entschieden, eine Kampagne zur Beendigung von Gewalt gegen Frauen zu starten. Sie wollen die Regierung dazu bringen, sichere Orte für Frauen und Kinder zu schaffen, wo sie Beratung und Unterstützung erhalten. Ihre eigene Lebensgrundlage wurde zerstört, aber sie bauen Brücken zwischen den unterschiedlichen Gruppen in der Gemeinde, um andere Frauen und ihre Familien zu schützen.

Bena’a, der Name unseres Projektes, ist arabisch und steht für Bauen. Denn unser Ziel ist es, die Fähigkeiten von Frauen aufzubauen und ihnen dabei zu helfen, für ihre Rechte aufzustehen. In Gaza muss heute viel aufgebaut werden. Nicht nur Häuser.

Seit drei Monaten im Einsatz: CARE-Nothilfe für Gaza

CARE hat unmittelbar nach dem Ausbruch des Konfliktes reagiert und die Nothilfe gestartet: Mit Nahrungsmitteln, Medizin und anderen Gütern an Familien, Krankenhäuser und Waisenhäuser erreichte CARE mehr als 211.894 Menschen.

Das „Fresh Food”- Projekt wird von der Generaldirektion Humanitäre Hilfe der Europäischen Kommission (ECHO) finanziert und versorgt 60.000 Menschen in Gaza wöchentlich mit frischen Lebensmitteln.

CARE unterstützt auch die Bauern in Gaza, die Vieh und Weideland verloren haben. 280 Bauern erhielten neues Saatgut und können damit Gemüse für mehr als 40.000 Menschen produzieren. Dazu erhalten 1.400 Kleinbauern Unterstützung, um das produzierte Gemüse zu verteilen und die lokale Wirtschaft anzukurbeln. 800 Bauern, Viehzüchtern und ländlichen Haushalten hat CARE Werkzeuge und Materialien zur Verfügung gestellt, damit die Produktion wieder aufgenommen werden kann.

Während des Krieges brach auch das Gesundheitssystem in Gaza zusammen. Krankenhäuser wurden beschädigt und Medikamente konnten nicht beschafft werden. Deshalb belieferte CARE 13 Krankenhäuser mit Medikamenten und Gerätschaften. Um der Gefahr von Seuchen und Durchfallerkrankungen vorzubeugen, verteilt CARE Trinkwasser an mehr als 20.000 Menschen. Dazu werden bestehende Leitungen repariert.