Georgien: Ein Jahr nach dem Krieg

Drei Menschen erzählen, wie es ihnen heute geht.

Nino Bibiluri, 22, kommt aus einem Dorf namens Kvemo Artsevi in der Nähe von Gori:

 „Ich war im fünften Monat schwanger als der Konflikt anfing. Unser Dorf liegt in der Nähe von Zchinwali und die Schüsse haben unser Dorf vom ersten Tag an erreicht. Mein Mann und ich haben nicht gewartet, bis sich die Situation verschlimmert hat und sind gleich in das Dorf meiner Mutter gefahren. Neben mir hat meine Mutter noch vier weitere Kinder und das jüngste ist gerade einmal zwei Jahre alt. Nur sehr selten hatten wir genug Essen für alle. Aber die Hilfe von CARE kam zur richtigen Zeit. Die Mitarbeiter haben uns mit Lebensmitteln und weiteren wichtigen Dingen unterstützt, auch Bettwäsche. Die Eltern von meinem Mann sind in das Dorf zurück gekehrt und er besucht sie ab und zu. Aber ich habe immer noch Angst zurück zu gehen. Was ist, wenn der Krieg wieder beginnt? Mein Sohn Matt ist sieben Monate alt, ich möchte auf gar keinen Fall eine Flucht organisieren müssen. Die örtliche Stadtbehörde hat uns einen Gefallen getan, indem sie uns in dem früheren Polizeigebäude wohnen lässt. Die Bedingungen hier sind schrecklich – es gibt kein Wasser, keine Abwasserentsorgung. Aber es ist viel sicherer als in Kvemo Artsevi. Mein Mann hat jetzt einen neuen Job in Tiflis gefunden, so haben wir wenigstens genug Geld um unser Baby zu füttern.

 

Shalva Gabrielashvili, 78, stammt aus einem Dorf namens Kheiti und wohnt nun einem Siedlungsgebiet für Vertriebene:

„Ein Jahr ist vergangen und trotzdem fühlt es sich an, als wäre es erst gestern passiert. Ich bin ein alter Mann und habe viele gute und schlechte Dinge in meinem Leben gesehen. Aber ich hätte mir nie vorstellen können, dass mich jemand in den letzten Jahren meines Lebens zwingt, mein Haus zu verlassen. Ich musste mein Haus verlassen, als der Krieg vorbei war. Unsere Feinde haben nicht nur unsere Häuser geräumt, sie haben uns auch unsere Rinder genommen, alles was wir zum Leben brauchen. Aber selbst wenn uns jemand Kühe schenken würde, wären wir nicht in der Lage sie zu behalten. Denn dieser Platz ist nutzlos für die Rinderzucht. Hier gibt es kein Gras und keine Bäume, die Schatten spenden. Die einzigen Dinge, die man hier sehen kann, sind Häuser. Meine fünfjährige Enkeltochter Tsotne, so wie viele andere hier, ist andauernd krank wegen den schlechten hygienischen Verhältnissen. Auch die Wasserversorgung ist miserabel und die Temperaturen steigen auf über 40 Grad im Sommer. Krankenhäuser sind zu weit weg und wir haben noch nicht einmal Geld, um die Ärzte zu bezahlen.“

 

 Shalva Gabrielashvili hat sein Haus durch den Krieg verloren.

 

Tsira Terterashvili, 41, aus dem Gori-Bezirk, Karaleti:

„Als der Krieg angefangen hat, sind wir aufgebrochen, um in das Haus von meinem Bruder in Tiflis zu ziehen. Nun sind wir zurück in unserem Dorf, das halbwegs zerstört wurde. Augrund der zahlreichen Schäden können wir immer noch nicht in unserem Haus leben und versuchen, unser Leben neu zu organisieren. Aber heute bin ich eine kranke Frau. Nach dem Krieg ist es mit meinem Gesundheitszustand rapide bergab gegangen.  Ich fühle meine schwachen Nerven und kann mein Land nicht so bewirtschaften, wie ich es früher immer tat. Obwohl CARE uns mit Feuerholz und Essen sehr geholfen hat – und das brachte uns durch den Winter – ist es schwierig über die Runden zukommen. Unsere Familie besteht aus fünf Personen und es gibt einfach nicht genug Essen für alle Familienmitglieder. Normalerweise gehen mein Mann und ich hungrig ins Bett, um ein bisschen Essen für unsere Enkelkinder und unsere schwangere Schwiegertochter zu sparen. Das einzige Geld, das der Familie zur Verfügung steht, ist der Lohn von meinem Sohn Archil, der – Gott sei Dank – den  Krieg im August überlebte und noch im Militärdienst ist. Ich habe große Angst, dass der Krieg wieder anfängt und mein Sohn dann nicht mehr zurück kommen wird.

 

 Tsira Terterashvili ist seit dem Krieg psychisch krank und kann nicht mehr arbeiten.