Gewalt gegen Frauen in Sambia - das „versteckte Verbrechen“

Interview mit Rudo Chingobe Mooba, die sich in Sambia als Sozialarbeiterin gegen Gewalt an Frauen engagiert

Rudo Chingobe Mooba ist 34 Jahre alt und lebt in Lusaka, Sambia. Seit sie 19 Jahre alt ist, arbeitet sie als Sozialarbeiterin. Seit mehreren Jahren engagiert sie sich gegen Gewalt an Frauen, aktuell mit ihrer Organisation „Women and Law in Southern Africa“ (WLSA), die eng mit CARE zusammenarbeitet. Rudos Traum ist es, dass eines Tages Frauen in ihrem Land ihre Rechte uneingeschränkt genießen können und von ihren Ehemännern, Vätern und Brüdern als gleichberechtigt angesehen werden.


Gewalt gegen Frauen – ist das sambischer Alltag?

Leider gibt es keine verlässlichen Zahlen darüber, wie viele Frauen betroffen sind. Ich schätze, dass etwa eine von fünf Frauen in Sambia Opfer physischer oder sexueller Gewalt ist. Dabei spielen ethnische oder religiöse Faktoren allerdings keine Rolle. Auch Armut erhöht nicht die Gefahr für Frauen, solcher Gewalt zum Opfer zu fallen. Der Hauptgrund, warum Männer ihren Frauen Gewalt antun, liegt in unseren traditionellen Werten und Sitten, also unserer Kultur. Gewalt gegen Frauen hat nichts mit Armut zu tun, sondern mit unserer Denkweise, und vor allem mit der Machtverteilung zwischen Männern und Frauen.

Unter dem Titel „Human Rights in a Globalized World – Challenges for the Media” fand vom 20.-22. Juli das Global Media Forum der Deutschen Welle statt. CARE organisierte in diesem Rahmen den Workshop „Global patterns and Challenges for the Media dealing with Women’s Rights Violation“, bei dem Rudo Chingobe Mooba einen Vortrag zur Situation in Sambia hielt. Alle Beiträge des Forums kann man hier anhören.


Wer sind die Täter in solchen Fällen?

Interessanterweise stammen die Täter fast ausnahmslos aus dem engen Umfeld der Frauen, es handelt sich zum Beispiel um ihre Ehemänner oder andere Männer in ihrer eigenen Familie. Man muss verstehen, dass Frauen in der sambischen Kultur den Männern untergeordnet sind. Lassen Sie mich ein Beispiel dafür geben. In meinem Land bezahlen Männer bei der Hochzeit „lobola“, den traditionellen Brautpreis. Die Zahlung dieses Brautpreises macht die Braut automatisch zum Besitz des Mannes, und dies bedeutet, dass die Frau ihrem Mann gehorchen muss. So fördert „lobola“ die Gewalt gegen Frauen. Letzten Endes geht es eben immer um Macht, und in Sambia haben Männer normalerweise die Macht in Beziehungen. Deshalb ist Gewalt gegen Frauen auch ein verstecktes Verbrechen in Sambia, denn sie passiert innerhalb von Ehen oder Familien, und wird in unserer Gesellschaft als „normal“ angesehen.


Wie reagiert die Gesellschaft in Sambia, wenn Opfer von sexueller Gewalt
öffentlich über ihre Erfahrungen sprechen? Gibt es ein öffentliches Bewusstsein für dieses Problem?


Wenn sich eine Frau in Sambia ihren Ehemann wegen physischer oder sexueller Gewalt anzeigt, wird dies so wahrgenommen, als würde sie den sambischen Traditionen und unserer Kultur nicht gehorchen und sich diesen öffentlich widersetzen. Zum Beispiel werden unverheiratete Frauen ab einem bestimmten Alter, oder gar geschiedene Frauen, von der Gesellschaft nicht als Personen akzeptiert, die ihre Rechte frei ausüben dürfen. Stattdessen werden sie in der Öffentlichkeit erniedrigt, beschimpft oder nur noch als „die Geschiedene“ angesprochen werden.
Ich gebe aber nicht den Männern die Schuld dafür, denn sie wurden so erzogen und sind sich gar nicht bewusst, dass sie Unrecht begehen, wenn sie ihre Frau schlagen oder sie zum Geschlechtsverkehr zwingen. Für sie sind Frauen eben ihr Eigentum. Deshalb müssen wir daran arbeiten, unsere traditionellen Werte zu ändern und den Leuten bewusst machen, dass unsere Traditionen keine Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen fördern.

Sie arbeiten derzeit bei der Organisation Women and Law Southern Africa, die sich für die wirtschaftliche, soziale und rechtliche Förderung von Frauen einsetzt. Arbeiten Sie in ihren Projekten mit Männern?

Ja, das tun wir, denn das ist sehr wichtig, wenn wir Veränderungen in Sambia bewirken wollen. Wir müssen einige unserer traditionellen Werte grundlegend ändern, und dazu brauchen wir die Unterstützung der Männer. Zum Beispiel arbeiten wir bei WLSA mit lokalen traditionellen Führern zusammen, um diese für das Problem zu sensibilisieren, denn diese Führer haben immer noch sehr viel Macht in den Gemeinden. Ein anderes Beispiel ist der Bereich Müttergesundheit. Hier spielt Gewalt gegen Frauen eine große Rolle, denn die negativen Auswirkungen auf die Müttergesundheit können erheblich sein.


Wie hängen denn das Thema Müttergesundheit und Gewalt gegen Frauen miteinander zusammen?


Frauen, die Opfer von Gewalt sind, haben oft eine deutlich schlechtere Gesundheit während ihrer Schwangerschaft. Zum Beispiel erhöht sich in Fällen, wenn Ehemänner ihre Frauen zu Geschlechtsverkehr zwingen, das Risiko der Frauen, sich mit HIV/Aids oder anderen Geschlechtskrankheiten anzustecken. Dazu kommen auch chronische Probleme, wie zum Beispiel Blutungen, Depressionen, Drogenmissbrauch, und der mangelnde Zugang zu Gesundheitsvorsorgemaßnahmen während der Schwangerschaft. Deshalb ist es sehr wichtig, die Männer in die Projekte einzubeziehen, denn sie müssen verstehen, dass ihre Frauen während der Schwangerschaft medizinische Begleitung brauchen, und auch eine ausgewogene Ernährung. Deshalb müssen Ärzte und Krankenschwestern vor Ort mit den Paaren, also mit den Männern und ihren Ehefrauen gemeinsam, arbeiten.

 

Was ist Ihr größter Erfolg in ihrer bisherigen Arbeit?

Es gibt da einen Fall, an den ich mich bis heute erinnere. Es ging um einen Mann, der an einem meiner Workshops zum Thema Gewalt gegen Frauen teilgenommen hatte. Ich hielt meinen Workshop in einer lokalen Gemeinde ab, und dieser Mann war verpflichtet worden, daran teilzunehmen. Ich weiß noch, wie er mich am ersten Tag die ganze Zeit ansah. Am zweiten Tag begann er dann plötzlich ein Gespräch mit mir und erzählte, dass er bislang das Thema Gender und Gewalt gegen Frauen als eines betrachtet hatte, das nicht unterstützt werden sollte, da es gegen die Bibel verstieße, an die er fest glaubte. Deshalb hatte er ursprünglich nicht vorgehabt, an meinen Workshop länger als einen Tag teilzunehmen. Nach dem zweiten Tag hatte sich seine Sicht auf dieses Thema verändert. Am folgenden Sonntag hielt der Mann, der übrigens Priester war, eine Predigt über das Thema Gewalt gegen Frauen in seiner Kirche. Dieses Gespräch werde ich nie vergessen und es motiviert mich auch heute noch in meiner Arbeit, denn ich habe gemerkt, dass meine persönliche Arbeit die Ansichten dieses Mannes verändert hatte, und dass die Veränderung unserer traditionellen Werte und Kultur tatsächlich möglich ist.


Woher nehmen Sie ihre Motivation, tagtäglich gegen Gewalt gegen Frauen anzukämpfen und die Opfer zu unterstützen?

Meine Motivation rührt aus meinem Traum, dass wir Frauen in Sambia eines Tages aufwachen und unsere vollen Menschenrechte genießen können. Und dass unsere Gesellschaft uns den gleichen Respekt und die gleichen Ansprüche wie Männern zugesteht und Frauen als gleichberechtigte Partner im Entwicklungsprozess ansieht.