„Gut, dass die Welt jetzt hinschaut“

CARE-Nothelfer berichtet über die Situation am Horn von Afrika

Axel Rottländer ist stellvertretender Nothilfekoordinator von CARE Deutschland-Luxemburg. Er arbeitete unter anderem schon in Sri Lanka, Simbabwe, Kenia, Chile und anderen Katastrophen und Krisenherden der Welt.

Dürre und Hunger sind ja in Ostafrika nichts Neues. Was ist dieses Mal anders?

Wir erleben gerade in einigen Regionen am Horn von Afrika die schwerste Dürre seit 60 Jahren. Die Lebensmittel werden knapper und damit teurer, auch weil durch den steigenden Benzinpreis der Transport mehr kostet. Die Menschen können also weniger Vorräte kaufen und haben Probleme, ihre Tiere zu füttern. Ganze Herden sterben weg. Und damit ist dann auch das gesamte Einkommen einer Familie verloren.

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Natürlich kommt das nicht plötzlich, und sowohl die Vereinten Nationen als auch Hilfsorganisationen wie CARE haben bereits vor Monaten vor einer langen Hungerperiode gewarnt. Aber leider erhalten solche schleichenden Katastrophen im Gegensatz zu plötzlichen Unglücken weniger Aufmerksamkeit und wir damit auch weniger finanzielle Unterstützung, um rechtzeitig helfen zu können. Die Situation ist jetzt aber wirklich dramatisch geworden. Es ist gut, dass die Welt nun ihren Blick auf das Horn von Afrika richtet und ich hoffe, dass diese Aufmerksamkeit noch anhält.

Sie fahren morgen wieder in das Flüchtlingslager Dadaab. Wie oft waren Sie in den letzten Jahren da und was hat sich verändert?

Seit 2007 bin ich sechs Mal in Dadaab gewesen, um die Arbeit unserer Kollegen zu unterstützen. Jedes Mal, wenn ich von Nairobi nach Dadaab fliege, gibt mir der Blick auf das Lager mitten in der Wüste einen Schlag in die Magengrube. Man kann sich an das Elend einfach nicht gewöhnen. Ganze Familien leben hier schon seit zwei Jahrzehnten, Kinder sind in Dadaab geboren, Menschen sterben hier. Gleichzeitig ist es nach wie vor eben ein Flüchtlingslager, das niemals die Sicherheit und die Lebenswürde bieten kann, die eine Dorfgemeinschaft oder eine Stadt schafft. 

Dadaab liegt inmitten der Regionen, die von der Dürre und Nahrungsmittelknappheit betroffen sind. Aber die Probleme hier sind noch komplexer. Das Flüchtlingslager besteht seit 1991, als die ersten Menschen aus Somalia über die Grenze flohen, um dem Bürgerkrieg und der Gewalt zu entkommen. Anfangs wurde mit 90.000 Menschen geplant.

Vor zwei Jahren überschritt Dadaab dann die Marke von 300.000 Flüchtlingen, das war schon dramatisch und CARE hat seine Arbeit dort noch verstärkt. Seit Anfang dieses Jahres aber nehmen die Flüchtlingsströme so stark zu wie seit langem nicht mehr. Rund 1.500 Menschen kommen täglich in Dadaab an, inzwischen sind hier rund 380.000 Flüchtlinge, die Hilfe brauchen. Sie fliehen natürlich vor der politischen Unsicherheit in Somalia, aber eben inzwischen auch vor dem Hunger.

Welche Herausforderungen sind die größten für humanitäre Helfer in Dadaab?

Man muss sich einfach mal die Zahlen vor Augen halten: In Dadaab leben rund 380.000 Menschen auf engstem Raum, das ist eine Zahl größer als etwa die deutsche Stadt Wuppertal. Jeder dieser Mensch braucht Essen, Wasser, produziert Abfall, muss medizinisch versorgt werden und benötigt einen sicheren Platz zum Schlafen.

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Im Moment erweitern wir die Wasserversorgung und setzen Leitungen instand. Im trockenen Wüstenklima und mit wenig technischen Gerätschaften ist das eine riesige Herausforderung. Auch die Verteilung von Essen muss gut organisiert werden, denn wir wollen lange Warteschlangen vermeiden aber müssen eben auch schauen, dass jeder Flüchtling etwas Hilfe erhält und es nicht zu Ausschreitungen kommt. 

Was leistet CARE konkret vor Ort?

CARE arbeitet bereits seit Beginn der Flüchtlingsbewegung 1991 in Dadaab. Wir sind die Hauptverantwortlichen für die Bereiche Wasser, Nahrung und Bildung. Konkret setzt CARE die Wasserleitungen instand und stellt große Tankwagen und Wassertürme auf, damit die Flüchtlinge wenigstens ihren Grundbedarf an Wasser zum Trinken und für die Körperhygiene stillen können.

CARE verteilt natürlich auch Essen an die Neuankömmlinge und organisiert die Registrierung. Viele Menschen müssen leider mehrere Tage vor dem Lager warten, bis sie aufgenommen werden können. Der Ansturm ist momentan einfach zu groß. Und wir dürfen auch nicht vergessen, dass gerade für die Kinder ein stabiler Alltag geschafft werden muss.

Deshalb hat CARE in Dadaab Schulen errichtet. Viele Kinder hier haben das Lager noch nie verlassen und kennen nichts anderes als den Alltag als Flüchtling. Der Unterricht gibt ihnen Halt und eine Perspektive für die Zukunft.

Warum fliehen die Menschen nach Dadaab und wann können sie nach Hause zurückkehren?

Somalia ist nach wie vor von gewaltsamen Auseinandersetzungen und extremer Armut geprägt. Dazu kommen die klimatischen Verhältnisse, die sich in den letzten Jahren extrem verschlechtert haben. Die Dürreperioden sind länger, der Regen kommt nicht mehr regelmäßig.

Damit ist die Existenz von Millionen Menschen, die von der Viehzucht und vom Ackerbau mehr schlecht als recht leben, wirklich unmittelbar bedroht. Und das nicht nur in Somalia, sondern eben auch im Norden Kenias und in Äthiopien. 

Solange sich die Lage in Somalia nicht verbessert, gibt es für die Flüchtlinge keine Rückkehrperspektive. Es fehlt an lokalen Verwaltungsstrukturen, an Sicherheit, an Einkommensmöglichkeiten. Die Weltgemeinschaft hat die Aufgabe, Somalia nicht zu vergessen und darauf hinzuarbeiten, dass sich die Situation in dem Land stabilisiert.

Warum hilft man nicht vorher, um solche Katastrophen zu vermeiden?

CARE arbeitet in mehreren Ländern am Horn von Afrika, und zwar nicht erst seit einigen Wochen, sondern oft schon seit Jahrzehnten. Natürlich konzentrieren wir uns gerade auf die Nothilfe, die ja relativ konkret ist: Wasser, Nahrung, Unterkünfte. Aber wir dürfen auch hier in Deutschland nicht vergessen, dass die Herausforderungen komplexer sind und langjähriger Arbeit bedürfen.

Neben der politischen Instabilität der Region ist eben auch der Klimawandel am Horn von Afrika bereits deutlich zu spüren. CARE arbeitet mit Gemeinden daran, sich besser auf Dürren vorzubereiten. Mit Spargruppen, mit der Entwicklung von anderen Einkommensmöglichkeiten, mit Saatgutbanken und dem Management von Nutztieren.

Die Herden müssen geimpft und Tiere rechtzeitig geschlachtet werden, bevor sie während einer Dürre verhungern. Gegen den Hunger der Menschen wiederum hilft, das Fleisch zu konservieren. Dieses Trockenfleisch heißt im Norden Kenias Nyirinyiri. Diese Tradition ging in letzter Zeit aber mehr und mehr verloren, weshalb CARE nun hilft, sie wieder aufleben zu lassen.