Haiti: Eine Schule fürs Leben

„Ich möchte die Welt entdecken“

Von Mildrède Béliard, Medienreferentin von CARE Haiti. Übersetzt aus dem Englischen von Marlies Binder

„Ich kenne CARE. CARE hilft Menschen in Not.“ Mit diesen Worten begrüßt uns die 12-jährige Gabriella Gabeau. Sie ist Vorsitzende einer Schüler-Gruppe an der Mädchenschule Anacaona in Léogâne, die CARE ins Leben gerufen hat. Ihre Aufgabe nimmt Gabriella sehr ernst.

„Durch CARE wissen wir, wie wichtig es ist, dass wir Schüler uns gegenseitig helfen. Wir helfen einander bei den Hausaufgaben und sorgen für Disziplin, wenn der Lehrer nicht im Klassenzimmer ist. Seit die Cholera in Haiti ausgebrochen ist, achten wir besonders darauf, dass die Schule sauber ist und sich alle an die Hygiene-Regeln halten.“ Gabriella und die sechs anderen Schüler, die ihr dabei helfen, tragen viel Verantwortung. Aber sie machen ihre Arbeit wirklich gut.

Gabriella erzählt, dass sie ihren Mitschülern auch dabei hilft, ganz offen über ihre Träume und Ängste zu sprechen. „Die Schüler-Gruppe zu gründen, war das Beste, das CARE für uns tun konnte. Die Tasche, die uns CARE gegeben hat, ist zwar auch schön. Aber mit der Gruppe können wir noch viel bewirken!“


„Wir spielten Verstecken, als die Erde bebte“

Gabriella verlor beim Erdbeben am 12. Januar 2010 ihre Tante und ihre Cousine. Bis heute plagen sie die Erinnerungen an das Beben und die Angst, dass so etwas wieder passieren könnte. „CARE hat Treffen für uns und unsere Lehrer organisiert, um uns zu zeigen wie wir unsere Ängste und Traumata bewältigen können. Aber immer wenn ich an den Tag denke…“, sie hält inne, atmet tief ein und lächelt traurig.

Gabriella ist nicht die einzige, die sehr traurig wird, wenn sie sich an den 12. Januar 2010 erinnert. Die 13-jährige Marie-Christine Destin verlor ihre beste Freundin. „Wir haben Verstecken gespielt. Sie versteckte sich in einem Haus; Ich hatte die Augen geschlossen und zählte bis zehn. Plötzlich begann der Boden zu beben und ich fiel hin. Als ich wieder aufstand, war das Haus weg. Das einzige, was ich sehen konnte, war ein Haufen aus Schutt, der den Körper meiner Freundin unter sich begraben hatte“, erzählt sie. Ihre Augen füllen sich mit Tränen.

Der Schock des Bebens sitzt immer noch tief


Marie-Christine hört auf zu sprechen und reibt sich die Augen. Dann versucht sie, zu lächeln. Es gibt Orte, zu denen sie früher gemeinsam mit ihrer Freundin gegangen ist. Jetzt macht es ihr keine Freude mehr, dort hinzugehen. Es tut ihr jedes Mal sehr weh, wenn sie die Schwester ihrer Freundin trifft.

„Meine Lehrer und ich waren bei den Treffen von CARE. Seither sprechen unsere Lehrer viel offener mit uns. CARE hat dafür auch ganz gute Unterrichtsmaterialien in öffentlichen Schulen verteilt.“

Im Internet die Welt entdecken

Aber Marie-Christine reicht das noch nicht. Sie ist sehr wissbegierig. „Es wäre toll, wenn CARE uns helfen könnte, unsere Schule wieder aufzubauen und einen Computerraum einzurichten. Nur Schüler einiger privilegierter Schulen haben Zugang zu Computern. Sie sind sehr stolz darauf, was sie alles im Internet lernen können. Ich möchte auch gerne die Welt entdecken. Das wäre das größte Geschenk, das CARE uns machen könnte!“

Die Wörter „Computer“ und „Internet“ kannte Marie-Christine nicht. Sie hat sie so umschrieben, dass wir wussten, was sie meinte. Aber sie hat den großen Wunsch und Willen, zu lernen, was um sie herum in der Welt passiert. Genau so groß wie der Wunsch, in eine „bessere und schönere Schule“ zu gehen. Das wiederum geht ihr ganz leicht über die Lippen.

 

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Blog der CARE-Mitarbeiterin Sabine Wilke, die insgesamt sechs Monate für CARE in Haiti war

Audioblog, eine Video-Retrospektive aus Haiti.