Haiti: Eine Zukunft außerhalb des Flüchtlingscamps

CARE unterstützt Frauen in Haiti, sich eine eigene Zukunft aufzubauen. In Kleinspargruppen leihen sie sich gegenseitig Kredite und sind so wirtschaftlich unabhängig.

Hoch oben auf einem Berg über Léogâne gelegen, bietet die Ortschaft Tiawa einen außergewöhnlichen Blick auf die atemberaubende Landschaft. Aber auch das ganze Ausmaß der Zerstörung ist von hier oben zu sehen. Laut offiziellen Schätzungen wurden bei dem verheerenden Erdbeben in Haiti vor zwei Jahren 80 bis 90 Prozent der Gebäude in Léogâne zerstört. Kein Gebiet in Haiti wurde stärker zerstört als diese Gegend. 

1.500 Menschen mussten in Tiawa in Notunterkünfte flüchten. Viele Menschen haben ihre Angehörigen und all ihr Hab und Gut verloren. CARE hat die Familien in Tiawa und anderen Orten Haitis unmittelbar nach dem Erdbeben mit dem Lebensnotwendigsten unterstützt. Jetzt hilft CARE ihnen beim Wiederaufbau ihrer Lebensgrundlage. 

Viele Einwohner haben zwei Jahre nach dem Erdbeben ihre Häuser wiederaufgebaut. Andere sind in instand gesetzte Häuser umgezogen, die mit Unterstützung von CARE und anderen Hilfsorganisationen wiedererrichtet wurden. 

Frauen sparen und leihen sich gegenseitig Geld 

CARE unterstützt die Menschen in Haiti, ihre eigenen wirtschaftlichen Aktivitäten zu entwickeln. Im Herbst startete CARE die erste Kleinspargruppe in Tiawa. Die Mehrheit der Teilnehmer sind Frauen. Aus dem gemeinsamen Guthaben können sie kleine Darlehen für Anschaffungen oder zum Aufbau eines kleinen Geschäftes bekommen. Mit den Zinsen kann die Spargruppe dann weiteren Mitgliedern Geld leihen. 

Neben einem Job und mehr Geld steigt aber vor allem das Ansehen der Frauen in ihren Gemeinden. Denn von ihrem besseren Einkommen profitieren auch ihre Männer und Söhne. 

Als ich die Kleinspargruppe in Tiawa das erste Mal traf, sangen die Teilnehmer ein Lied, das der Gruppenleiter Yves komponiert hat. "Wo Kleinspargruppen entstehen, da ist kein Platz für Elend", sangen sie. "Wo Kleinspargruppen entstehen, haben Frauen die Eigenständigkeit erreicht." 

Die Kleinspargruppe gibt Frauen die Möglichkeit, wirtschaftlich von ihren Männern unabhängig zu sein und eine eigene Existenz aufzubauen.

CARE unterstützt die Kleinspargruppen, auch durch Zusammenarbeit mit lokalen Unternehmen 

Damit die Kleinspargruppen innerhalb Haitis besser vernetzt werden, stellt CARE eine Verbindung zu örtlichen Unternehmen her. Bald werden die Kleinspargruppen etwa mit Earthpark International zusammenarbeiten, eine Firma, die regenerative und saubere Energie in den Gemeinden von Haiti vermarktet. Erhaltung und besserer Umweltschutz sind wichtig für die nachhaltige Entwicklung Haitis. 

Und um sicher zu gehen, dass das Ersparte der Gruppe sicher aufbewahrt wird, arbeitet CARE bald mit einem lokalen Mobilnetzanbieter zusammen. Ziel ist eine "mobile Geldbörse" für Kleinspargruppen zu entwickeln. So können die Mitglieder sicher elektronisch Geld sparen und überweisen. 

Lesen Sie den Blog der CARE-Pressesprecherin Sabine Wilke, die insgesamt sechs Monate für CARE in Haiti war und ihren Audioblog, eine Video-Retrospektive aus Haiti. Weitere Videos, Fotos und aktuelle Meldungen finden Sie hier.

Kleinspargruppen sind nicht neu in Haiti 

Obwohl das Kleinspargruppen-Modell in den vom Erdbeben betroffenen Gebieten neu ist, ist es nicht neu für Haiti. Schon vor dem Erdbeben unterstützte CARE Frauen in Grand Anse, im Südwesten Haitis, sich in Kleinspargruppen zu organisieren. Während des Erdbebens zeigten sich die Erfolge: Kleinspargruppen-Mitgliedern, die vom Erdbeben betroffen waren, konnten ihre Situation besser bewältigen, als andere, die nicht Teil einer solchen Gruppe waren. 

"Eltern mussten ihre zurückgekehrten Kinder oder Enkelkinder unterbringen und ernähren", erzählt Léonne Rochas, Vorsitzende einer regionalen Kleinspargruppe in Grand Anse. "Die finanzielle Unabhängigkeit, die sie durch die Kleinspargruppen hatten, half ihnen sehr." 

"Wir haben dieses Möglichkeit nicht beworben. Sie hat sich selbst vermarktet", erzählt Rochas. "Die Frauen um uns herum haben gesehen, wie wir durch unsere Einsparungen mehr Respekt in unseren Familien und Gemeinden gewonnen haben. Wir sind nun Vorbilder."