Haiti: „Hast Du geerbt, Alice?“

Alice ist Mitglied einer Spargruppe von CARE in Haiti. Hier erzählt sie, was das genau ist und wie sich ihr Leben dadurch verändert hat.

Nach einer einstündigen Fahrt auf holprigen und schlechten Straßen, erreiche ich endlich die Gemeinde „Nan Sapou“ in Grande-Anse, einem von zehn Departments in Haiti. Als ich aus dem Auto aussteige, begrüßt mich eine lebendige Frau. Sie erinnert mich an eine Biene, die ständig hin und her schwirrt. Sie kann kaum still stehen und tritt hibbelig von einem Fuß auf den anderen. Alice ist eine sehr beschäftigte Frau. Sie bringt alles unter einen Hut: Sie ist Hausfrau, leitet ein kleines Geschäft und arbeitet gleichzeitig noch an ihrem Traum, ein Haus zu bauen. Sie ist außerdem Mitglied in einer Kleinspargruppe von CARE, einer sogenannten „Village Savings and Loans Association” (VSLA). Trotz all ihrer Arbeit nimmt sie sich heute Zeit, um mir ihre Geschichte zu erzählen.

Alices Geschichte:

„Früher war ich vor allem Hausfrau und Mutter eines kleinen Sohnes. Nur während der Mango-Ernte habe ich gearbeitet, und einige Körbe davon auf dem Markt verkauft. Mein Lebenspartner arbeitet auf dem Feld und wir kämpften darum, genügend Essen auf den Tisch zu haben und unseren Sohn zur Schule schicken zu können. Schließlich mussten wir auch irgendwie die Miete unserer Wohnung bezahlen können.

Spenden Sie online, damit CARE weitere Kleinspargruppen für Frauen wie Alice ins Leben rufen kann!

Vor einiger Zeit bekam ich Besuch von zwei Männern. Sie sprachen mit mir über sogenannte Kleinspargruppen. Ich muss zugeben, ich war zunächst skeptisch. Es klang alles zu gut, um wahr zu sein. Aber ihr Enthusiasmus war ansteckend und ich stimmte zu, zu ihrer Präsentation zu kommen – ich hatte ja schließlich nichts zu verlieren.

Als ich zu diesem Treffen ging, war ich fasziniert von dem, was ich lernte – ich entschloss mich, mitzumachen. Ich kaufte mit dem Geld, das ich durch den Mango-Verkauf verdient hatte, „Anteile“. Dann nahm ich ein Darlehen auf und eröffnete ein kleines Geschäft. Zu Beginn verkaufte ich Süßigkeiten vor meinem Haus. Anschließend zahlte ich mit meinem Gewinn das Darlehen zurück und erweiterte mein Angebot um Nudeln, Reis und Bohnen.

Nach der Mitgliedschaft in der Kleinspargruppe kommen die Erfolgserlebnisse

Mein Gewinn am Ende des Jahres konnte sich sehen lassen. Ich hatte noch nie vorher so viel Geld in meinem Leben. Ich fühlte mich selbstbewusst genug, um es in etwas Größeres zu investieren: Ich baute ein Haus. Um dafür mehr Geld zu sparen, zogen wir aus unserer Mietwohnung aus. Wir kauften ein Zelt und setzten es auf ein kleines Stück Land, das meiner Familie gehört. Wir lebten dort für einige Monate. Mit einem Darlehen vergrößerten wir unser Geschäft und kauften weitere VSLA-Anteile. Mit dem Gewinn begannen wir sofort Blech, Planen und Holz zu kaufen. Das Fundament des Hauses stand sehr schnell. Jetzt müssen wir noch die Planen-Wände durch Holzwände ersetzen. Ob der Kauf von Nägeln oder ein einzelnes Holzbrett: alles, was ich  mit meinem Geschäft verdiene, stecke ich in den Hausbau.     

Was ist Dein Geheimnis, Alice?

Unsere Nachbarn waren erstaunt, sie konnten nicht glauben, wie schnell wir unser Haus bauten. „Meine Güte, Alice, was ist dein Geheimnis, fragten sie, hast du Geld geerbt?“ Ich erzählte ihnen von der Spargruppe und wie auch sie mit ein wenig Disziplin ihre Ziele erreichen und finanziell sicherer sein können.

 

Wie funktioniert denn so eine Spargruppe?

Spargruppen unterstützen arme Menschen auf dem Land dabei, wirtschaftlich unabhängiger zu sein. Jede Gruppe hat etwa 30 Mitglieder. Alle Mitglieder zahlen wöchentlich einen Geldbetrag ein. Die Summen, die dabei zusammen kommen, reichen von 10 Cent bis zu 4,50 Euro. Mitglieder können sich aus dem gemeinsamen Topf Geld leihen. Das Darlehen beinhaltet einen Zinssatz, den die Gruppe festgelegt. Die Laufzeit des Darlehens beträgt ein bis drei Monate. Die Höhe des Darlehens hängt davon ab, wie viel Geld verfügbar ist, wie viel nachgefragt wird und wie schnell der jeweilige Kredit zurückgezahlt werden kann. Am Ende jeder Laufzeit wird das gesparte Geld und die Zinsen zwischen den Mitgliedern aufgeteilt – dabei wird die Summe, die ausgezahlt wird, daran angepasst, wie viel die Mitglieder jeweils eingezahlt haben.

Meine Nachbarn waren begeistert von der Idee und wollten auch Teil einer Spargruppe werden. Bald leite ich meine eigene Spargruppe.

Ich möchte, dass es in jeder Ecke Haitis Spargruppen gibt. Die Spargruppe hat mir ermöglicht, ein Haus zu bauen. Sie erfüllte mich mit Hoffnung für die Zukunft. Ich glaube wahrlich, dass das der Schlüssel zu einem besseren, vielversprechenderen Haiti ist und das ist alles, was ich für die Zukunft meiner Kinder will.“