Haiti: Mehr als nur eine Pflicht

Die Diagnose Cholera übertraf in Haitis Krankenstationen die schlimmsten Befürchtungen

von Mildrède Béliard, CARE Haiti

Als die Cholera Ende Oktober 2010 in Haiti ausbrach, wussten die Krankenstationen zunächst nicht, um welche Krankheit es sich handelt. Sie beobachteten die Zeichen und Symptome und verglichen sie mit anderen Erkrankungen. Dass die Patienten an Cholera erkrankt waren, übertraf ihre schlimmsten Befürchtungen. In der Region Artibonites, wo die Epidemie begann, hatte CARE bereits ein Freiwilligenteam im Kampf gegen HIV/AIDS im Einsatz. Die Freiwilligen mussten von heute auf morgen lernen, wie man mit Cholera umgeht und wie sich Menschen am besten vor ihr schützen können.

Im Norden Haitis gibt es kaum Zugang zu sauberem Trinkwasser

In dieser abgelegenen und armen Region im Norden Haitis gibt es kaum Zugang zu sauberem Trinkwasser und somit kaum Schutz gegen die Epidemie. CARE hat direkt nach dem Ausbruch der Epidemie damit begonnen, Krankenstationen besser auszustatten, die Gemeinden zu informieren und zu betreuen.  
„Anfangs war es total beängstigend. So viele Menschen kamen zur Behandlung und so viele starben. Zum ersten Mal in meinem Leben sah ich, wie dramatisch schnell sich der Gesundheitszustand eines Menschen verschlechtern kann“, sagt die Krankenschwester Rose Luzette Charles.

Jeden Tag wurden mehr als 500 Menschen behandelt

Als die Cholera ausbrach, arbeitete Rose Luzette im Cholera-Zentrum in Cap-Haitien. Sie berichtet, dass jeden Tag etwa 500 Menschen behandelt wurden.
"Cholerapatienten zu behandeln, bedeutet auch, sich aufzuopfern. Menschen laden dich nicht mehr zu sich nach Hause ein und Freunde und Kollegen meiden Dich. Morgens zur Arbeit zu gehen ist fast immer eine Überwindung." Aber die Menschen, die Cholera-Kranke von ihrem Erbrochenen oder Exkrementen reinigen, sind eine Ermutigung, auch für Ärzte, Pfleger und Sanitäter. „Sie waren unermüdlich. Dank dieser Leute konnten wir das Leben sehr vieler Menschen retten. Ich konnte meinen Eltern erklären, warum meine Arbeit keine Gefahr für sie bedeutet. Natürlich habe ich mich an die Hygienemaßnahmen gehalten, um zu verhindern, dass ich – und damit meine Familie – mich anstecke“, sagt Rose Luzette.

Cholera war in Haiti völlig unbekannt

Nachdem sie in verschiedenen Cholerazentren gearbeitet hatte, kam Rose Luzette schließlich in eine kleine Gemeinde namens Marmelade in der Region Artibonites. „Der Druck lässt jetzt endlich langsam nach. Wir müssen uns bei den internationalen Hilfsorganisationen bedanken. Alle Menschen haben vor dem Unbekannten Angst. Die Cholera war so etwas Unbekanntes in Haiti. Sicher, die Menschen kannten Durchfallerkrankungen auch vorher. Aber sie haben die Augen davor verschlossen, dass jemand daran auch sterben könnte.“

Für Rose Luzette gibt es keinen Zweifel daran, dass man ohne den Einsatz der Hilfsorganisationen die Cholera niemals so schnell in den Griff bekommen hätte. „Die massiven Informationskampagnen im ganzen Land waren sehr hilfreich,“ sagt sie. „CARE und andere Hilfsorganisationen haben alles dafür getan, dass die Menschen über die Cholera und wie man sich am besten vor ihr schützt, informiert sind. Das hat sich ausgezahlt. Selbst die Kinder, die normalerweise anderes im Kopf haben als sich die Hände zu waschen, halten sich an die Hygiene-Regeln.“

Im ganzen Land wurden wichtige Infos zum richtigen Umgang mit Cholera verbreitet

„Viele Familien haben ihre Angehörigen ins Cholera-Zentrum begleiteten, um sie zu versorgen. Das gab es vorher nur selten“, erzählt Rose Luzette. Im Radio, bei  Gemeindetreffen, auf öffentlichen Versammlungen und durch Hausbesuche: Überall wurden Informationen darüber verbreitet, wie man sich die Hände richtig wäscht, was man beim Kochen beachten sollte und wie man Obst und Gemüse richtig putzt. Aber es ist viel mehr, als nur Informationen: Die Freiwilligen verteilen Seife, Wasseraufbereitungstabletten und verbringen ganze Tage an Wasserverteilstationen, um das Wasser, das in den Haushalten verwendet wird, zu reinigen.

„Ich habe die Epidemie von ihrer hässlichsten Seite gesehen. Es war eine große Belastung, Kinder und Erwachsene sterben zu sehen und ich weiß aus eigener Erfahrung, dass Informationen Leben retten können. Ich weiß, wie wichtig Rehydrierungszentren sind, die von CARE und anderen Hilfsorganisationen aufgebaut wurden – vor allem für entlegene Gebiete. Ich habe gesehen, wie sich das Verhalten der Menschen verändert hat. Und das ist der Beweis: Heute gibt es im Cholerazentrum in Marmelade nur noch eine Patientin, die 7-jährige Widlène Philistine. Aber auch sie ist bald geheilt und kann nach Hause gehen.“