Ich bin ein Nothelfer - und ein Flüchtling

Fatuma Adan Mohammed arbeitet für CARE und hilft im Flüchtlingslager Dadaab Menschen, die Opfer sexueller Gewalt wurden.

Vor zwanzig Jahren - ich war drei Jahre alt – kam ich mit meiner Familie ins Flüchtlingslager Dadaab. Wir mussten vor den Kämpfen in unserer Heimat Somalia fliehen. Die Menschen hier im Camp haben uns gezeigt, was es heißt, herzlich und offen zu Fremden zu sein. Sie gaben uns Wasser und Medizin. Ich konnte hier auch zur Schule gehen. Als ich sah, dass neue Flüchtlinge aus Somalia kommen, schwach und verängstigt, wollte ich ihnen helfen, wie die Menschen damals uns geholfen haben.

Ich bin jetzt 23 Jahre alt, also nur drei Jahre älter als das Camp, das 1991 eröffnet wurde. Mein ganzes Leben habe ich hier verbracht, als Flüchtling. Ich lebe im Dagahaley Camp in einer Hütte mit meiner Schwester, meiner Mutter und meiner Schwägerin.

Ich bin als Flüchtling gekommen, aber jetzt bin ich beides, Flüchtling und Nothelferin. Um den Frauen zu helfen, die Opfer sexueller Gewalt wurden, arbeite ich bei CARE. Seit ich hier aufgewachsen und zur Schule gegangen bin, weiß ich, dass Frauen von sexueller Gewalt stark betroffen sind. Ich wollte tun, was ich kann, um diesen Frauen zu helfen.


“Die Grenzen des Lagers sind die Grenzen meiner Welt”
Seit zehn Monaten arbeite ich jetzt hier und ich bin immer noch jedes Mal traurig, wenn mir die Frauen erzählen, was ihnen passiert ist. Seit Anfang dieses Jahres haben sich die Meldungen sexueller Übergriffe vervierfacht. Wenn die Frauen aus Somalia fliehen, werden sie oft auf dem Weg hierher überfallen. Einige Frauen haben mir Geschichten darüber erzählt, wie sie vor ihrem Mann und ihren Kinder vergewaltigt wurden. Andere Frauen wurden von mehreren Männern gleichzeitig vergewaltigt.

Diese Frauen sehen mich und fragen sich, wie ihnen denn eine so junge Frau helfen kann. Aber mit der Zeit wurde ich selbstbewusst und zeigte ihnen, wie ich sie unterstützen kann.

Derzeit leben mehr als 400.000 Flüchtlinge hier, wie ich. Das Camp war einmal für 90.000 Menschen ausgelegt. Weil ich ein Flüchtling bin, sind die Grenzen des Lagers auch die Grenzen meiner Welt.

Als Flüchtling habe ich keinen kenianischen Ausweis und kann mich also nicht einfach in den Bus setzen und das Camp verlassen. Die Busse, die das Camp verlassen oder ins Camp kommen, werden kontrolliert. Dadaab habe ich in meinem Leben nur einmal verlassen, um meinen Neffen nach Kijabe in Zentralkenia ins Krankenhaus zu begleiten. Dafür brauchte ich eine Erlaubnis des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR), die das Camp und die Klinik leiten. Ansonsten bleibe ich hier, im Camp.

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Wir müssen die Frauen erst finden, die dringend Hilfe benötigen
Teil meiner Arbeit ist es, zum Aufnahmezelt zu gehen, wo die neu Angekommenen geduldig auf Lebensmittel und Wasser warten. Gestern sah ich eine Frau, die den Staub von ihrem Handgelenk geleckt hat, weil sie so hungrig war und es nicht mehr aushielt. Ihr Mann und ihre Kinder waren auch dort. Sie haben mir sehr leid getan. Sie gingen tagelang ohne Nahrung und ohne Wasser, um hierher zu kommen.

Wir halten Ausschau nach Gruppen von Frauen oder Frauen, die alleine mit ihrer Familie in der Schlange am Aufnahmezelt stehen. Sehr diskret und vorsichtig fragen wir sie dann, ob eine von ihnen auf ihrem Weg nach Dadaab angegriffen oder vergewaltigt wurde, oder ob sie sonst ein traumatisches Erlebnis auf dem Weg hatte.

“Sie verstehen, dass wir den Frauen helfen”
Wenn eine Frau ja sagt, helfe ich ihnen, die Registrierung schnell hinter sich zu bringen, da sie derzeit 30 Tage dauern kann. Sie werden von mir dann nach vorne in die Schlange begleitet. Was wir machen ist bekannt und unsere Partnerorganisationen sind nicht böse, wenn wir jemanden vorne einreihen. Sie verstehen, dass wir den Frauen helfen müssen.

Dann unterstützen wir sie dabei, Lebensmittel, Wasser, Hilfsgüter und ihr Registrierungs-Armband zu bekommen. Ich bringe sie zum CARE Büro, wo ich einem Berater von CARE die Geschichte der Frau schildere, damit wir die medizinische Betreuung organisieren und einen Bericht an die Polizei schicken können. Ein professioneller Berater bleibt bei den Frauen und betreut sie psychologisch.

Danach kehre ich zum Camp zurück, um mehr Überlebende von Vergewaltigung und Gewalt zu finden. Es gibt immer mehr. Das ist mein Job, Tag für Tag.

Die Zukunft als Flüchtling und Nothelfer
Später möchte ich eine professionelle Beraterin sein, weil ich spüre, dass ich mehr für die Frauen und Mädchen tun könnte, aber ich bin nicht qualifiziert. Ich möchte mehr verändern, als ich es jetzt schon tue und Menschen helfen, die Opfer psychischer Gewalt geworden sind.

Als Flüchtling hoffe ich, dass ich eines Tages nach Großbritannien oder Kanada gehen kann, wo sie Flüchtlinge wie uns aufnehmen.

Als Nothelfer werde ich weiter machen, anderen Flüchtlingen so gut ich kann zu helfen, damit sie zurückblicken und sagen können, dass sie hier gut aufgenommen wurden und ihnen geholfen wurde, als sie es am dringendsten brauchten. Nach den schrecklichen Erfahrungen, die sie gemacht haben, sollen sie wissen, dass Freundlichkeit auch von Fremden kommen kann.