In der Warteschleife in Thessaloniki

Eyman musste alles verkaufen, um die Flucht seiner Familie aus Syrien zu bezahlen. Jetzt sitzen sie mit etwa 44.000 anderen Menschen unter unerträglichen Bedingungen in Griechenland fest.

Eyman war leidenschaftlicher Klavierspieler. Zuhause in der syrischen Stadt Aleppo spielte er jeden Tag. Vor einigen Monaten musste er all seine Besitztümer, darunter auch das Klavier, verkaufen, um seine Familie in Sicherheit zu bringen. Heute leben Eyman, seine Frau Sana und ihre sechs Kinder in einer kleinen Straße in Thessaloniki, der zweitgrößten Stadt Griechenlands. Die syrische Familie wohnt in dem Keller eines Mehrfamilienhauses. Kaum Sonnenlicht fällt durch die Fenster. Das Paar und seine Kinder im Alter zwischen sechs Monaten und elf Jahren waren auf dem Weg nach Nordeuropa, als im März die Grenze zu Mazedonien geschlossen wurde. Nun sitzen sie in Griechenland fest, wie etwa 44.000 andere Menschen aus Kriegsgebieten wie Syrien, Afghanistan und dem Irak. Am 29. Februar kamen sie auf der kleinen Insel Megisti an, ein paar Kilometer vom türkischen Festland entfernt. „Wir haben unser ganzes Geld für die Flucht ausgegeben. Als wir Griechenland erreichten, waren nur noch 350 Euro übrig. Allein für die Bootsfahrt von der Türkei nach Griechenland musste ich den Schmugglern für die ganze Familie 5.500 Euro bezahlen. Ich wollte, dass unser Boot so sicher wie möglich ist“, erzählt der 37-jährige Eyman.

Leben in ständiger Angst

Seit der Krieg in Syrien ausbrach, hat die Familie in neun verschiedenen Wohnungen gelebt. „Jede einzelne Wohnung wurde von einer Bombe getroffen. Wir waren Vertriebene in unserer eigenen Stadt und mussten ständig um unser Leben fürchten. Es fühlte sich an wie in einer Geisterstadt. Wir konnten in den leerstehenden Häusern von Freunden, Verwandten und Fremden leben, die Syrien bereits verlassen hatten“, berichtet die 32-jährige Sana, Eymans Frau. Die Nachrichten über die aktuellen Angriffe auf Aleppo beunruhigen die Familie sehr. Weil die Grenzen geschlossen sind, haben in der Stadt zurückgebliebene Freunde und Verwandte keinen Zufluchtsort mehr. Eyman ist gelernter Friseur, aber in Syrien gab es keine Arbeit für ihn. Um seinen Lebensunterhalt zu verdienen und seine Familie zu ernähren, ging er vorübergehend in die Türkei. Bei seiner Rückkehr verlief die Kriegsfront quer durch die Stadt. Zwei Monate lang konnte er nicht zu seiner Familie zurückkehren – dabei trennten sie nur wenige Kilometer. Zu dieser Zeit war Sana hochschwanger und musste sich alleine um sich und die fünf Kinder kümmern. „Es war eine schwierige Zeit. Jeden Tag, jede Sekunde hatte ich Angst, dass etwas passieren könnte. Als ich sie endlich wiedersehen konnte, wusste ich, dass wir das Land sofort verlassen müssen, bevor noch mehr schlimme Dinge passierten“, erinnert sich Eyman.

Bei ihrer Ankunft im griechischen Idomeni war die Grenze geschlossen und sie wurden nach Cherso, eines der offiziellen Flüchtlingscamps, gebracht. Hier leben etwa 4.000 Menschen, obwohl es nur für 2.500 Menschen ausgelegt ist. Alles war nass und voller Schlamm. Das Badezimmer war hunderte Meter von ihrem Zelt entfernt. Veta, eine griechische Freiwillige, sah wie sehr sie kämpften und wie schwierig es mit einem neugeborenen Kind in Cherso war. Sie besitzt einen Kindergarten in Thessaloniki und bat die Eltern darum, ihre Herzen und Wohnungen für die Flüchtlinge zu öffnen. Seit 40 Tagen leben Eyman, Sana und ihre Kinder nun im Keller einer Familie, deren Kinder in Vetas Kindergarten gehen. „Wir sind sehr dankbar, dass wir jetzt nicht mehr im Flüchtlingscamp leben müssen“, sagt Sana. „Aber wir sind ständig auf die Hilfe angewiesen, die wir von Nachbarn und Hilfsorganisationen wie CARE und Solidarity Now bekommen.“

Besetzte Leitungen und kurze Sprechzeiten

Wochenlang haben Eyman und seine Frau versucht, in das Umsiedlungsprogramm der EU aufgenommen zu werden. Um einen Termin zu vereinbaren, müssen sie über Skype mit den Behörden telefonieren. Sie haben kein Geld für Handyguthaben, aber die Bäckerei auf der gegenüberliegenden Straßenseite hat ihnen ihr WLAN-Passwort gegeben. Während der wenigen Stunden, in denen die Nummer in der Woche erreicht werden kann, klebt Eyman am Kellerfenster; das ist der einzige Ort, an dem er Empfang hat. „Ich habe vergeblich versucht, jemanden zu erreichen. Nur einmal meldete sich jemand mit ,Hallo‘, aber dann war die Verbindung wieder unterbrochen. Wir würden gerne nach Deutschland gehen, weil mein Bruder und andere Verwandte schon dort wohnen. Mehr als alles andere wünsche ich mir, dass meine Kinder endlich zur Schule gehen können. Die Schule meiner neunjährigen Tochter wurde ein paar Tage nach ihrer Einschulung von einer Bombe getroffen.“

Nach Schätzungen der EU haben in Griechenland rund 35.000 bis 40.000 Flüchtlinge Anspruch auf eine Umsiedlung. Diese Zahlen sind wichtig, denn sie werden viel zu oft für politische Zwecke manipuliert. In der EU leben etwa 500 Millionen Menschen. 20.000 Flüchtlinge hätten bis Mitte Mai umgesiedelt werden sollen - eine Aufgabe, die sich die EU selbst auferlegt hat, und die für die stärkste Wirtschaftsregion der Welt wirklich keine unüberwindbare Hürde darstellen sollte. Trotzdem wurden bis dahin weniger als 1.000 Menschen umgesiedelt. Wenn Eyman zu seiner Situation befragt wird, bleibt er diplomatisch, kann seine Frustration aber nicht vollständig verbergen – wie könnte man ihm das auch übel nehmen? „Es ist schwer zu verstehen, warum es unmöglich ist, die Behörden zu erreichen, obwohl sich die Länder bereiterklären, uns aufzunehmen. Ich würde lieber drei Tage lang Schlange stehen als wochenlang versuchen, die Hotline zu erreichen.