„In Katastrophen müssen wir funktionieren“

Zum Tag der humanitären Hilfe: Interview mit Loïc Cohen, Cheflogistiker im Sekretariat von CARE International in Genf

Loïc Cohen ist Cheflogistiker im Sekretariat von CARE International in Genf. Bei Katastrophen koordiniert er die Beschaffung und Verteilung von Hilfsgütern.

Am 19. August wird erstmals der Tag der humanitären Hilfe gefeiert. Die Vereinten Nationen und privaten Hilfsorganisationen wollen damit das Scheinwerferlicht auf die Menschen lenken, die weltweit humanitäre Hilfe leisten. 

1.)    In der Öffentlichkeit erfährt man meistens aus den Nachrichten von Naturkatastrophen oder anderen Krisen. Woher bekommen Sie die Informationen und was passiert dann in der Koordinierungsstelle von CARE International?

Wir erhalten die Informationen von den Länderbüros vor Ort. Es gibt auch eine gute Koordinierung und einen Informationsaustausch zwischen den verschiedenen Hilfsorganisationen. Zusätzlich kümmert sich das UN-Büro für die Koordinierung der humanitären Hilfe (OCHA) darum, Informationen zu sammeln und zu verteilen, um die vor Ort arbeitenden Teams zu unterstützen. Auf diese Weise können wir zusammenarbeiten, Lücken füllen und Doppelungen vermeiden. Auf der Basis all dieser Informationen wird entschieden, was am Dringendsten gebraucht wird und welche Ressourcen dafür notwendig sind.


2.)    Was ist die größte Herausforderung in den ersten 24 Stunden einer Katastrophe?


Wir müssen herausfinden, was benötigt wird und schnell Geld mobilisieren, um die Hilfe in die Tat umzusetzen. Am ersten Tag ist es auch sehr schwierig, überhaupt an den Ort des Geschehens zu kommen und die Menschen zu erreichen. Oft ist die Sicherheitslage schlecht, weil viel zerstört ist und die Wege blockiert sind. Nach einer Naturkatastrophe sind beispielsweise oft alle Straßen unbefahrbar, und dann müssen wir andere Möglichkeiten finden, um zu den Menschen zu gelangen.                                                                                                                                                      Loic Cohen (Foto: CARE)

 
3.)    Hilfsorganisationen wie CARE haben häufig Warenlager in verschiedenen Teilen der Welt. Wo sind diese Lager und was befindet sich dort?

Wir sind Partner des UN-Depots für humanitäre Angelegenheiten (UNHRD). Das ist ein Netzwerk von fünf regionalen Logistikzentren mit Warenlagern, Verladungs- und Transportvorrichtungen. Die Zentren befinden sich in Dubai, Ghana, Panama, Malaysia und Italien. CARE hat derzeit 1,5 Millionen Wasserreinigungstabletten in drei Zentren gelagert. Gerade bemühen wir uns um finanzielle Mittel, um weiteres Material für Unterkünfte und Sanitäranlagen einzukaufen und zu lagern. Damit könnten wir auf die Schnelle 20.000 Haushalte nach einer Katastrophe versorgen.


4.)    Gibt es bestimmte Hilfsgüter für verschiedene Kontinente und Katastrophen?


Das hängt wirklich davon ab, welche Katastrophe wo passiert. In kalten Gebieten müssen wir die Menschen zügig mit warmen Unterkünften versorgen und in den meisten Regionen gibt es bestimmte Ernährungsgewohnheiten, die wir beachten müssen. In einem Malariagebiet verteilen wir Moskitonetze. Bei Naturkatastrophen gilt allgemein, dass zunächst die grundlegendsten Dinge benötigt werden: Nahrung, Unterkunft, sauberes Wasser und medizinische Versorgung. Unterschiedlich ist oft nur das Ausmaß der Katastrophe. In jedem Fall müssen wir darauf achten, Hilfe zu leisten, die der lokalen Kultur und den Gebräuchen angepasst ist und sie respektiert.


5.) Können Sie mit diesem Job eigentlich auch mal abschalten oder haben Sie ihr Handy auch im Urlaub dabei?

Bei einer Katastrophe muss man natürlich ständig wachsam und konzentriert sein. Auf lange Sicht ist das sehr stressig und ermüdend. Wir arbeiten dann von morgens bis abends in teils schwierigen Umständen, etwa ohne Strom und sauberes Wasser. Oder aber in Kriegsgebieten und Regionen, die von Erdbeben oder Vulkanausbrüchen bedroht sind. Aber selbst in Krisensituationen müssen wir Zeit freischaufeln, um uns auszuruhen. Sonst kann man nicht mehr funktionieren.


6.)    Nach dem Tsunami 2004 gab es viele Menschen, die spontan helfen wollten und auf eigene Faust nach Südostasien kamen. Was empfehlen Sie Leuten, die selber im Bereich der humanitären Hilfe arbeiten wollen?

Die humanitäre Hilfe ist gut strukturiert und es gibt eine große Anzahl von sehr professionell arbeitenden Organisationen. Wenn Personen individuell Hilfe leisten wollen, haben sie zwar gute Absichten. Aber häufig führt das zu Überschneidungen und Problemen. Bei großen Katastrophen wie dem Tsunami können solche Alleingänge sogar schädlich sein. Wer sich einbringen möchte, sollte die bestehenden Organisationen ansprechen und sich dort bewerben. Denn die beste Hilfe ist die, die professionell organisiert ist.


7.)    Was war bis jetzt Ihre prägendste Erfahrung als Logistiker für humanitäre Hilfe?

Wir mussten in Angola eine Luftbrücke mit Nahrungsmitteln für 25.000 Menschen organisieren, die von Kämpfen eingekesselt waren. Das war eine sehr komplexe logistische Operation, die über sechs Monate gedauert hat. Es gab kaum Nahrungsmittel und unsere Luftbrücke hat die Situation für die Menschen deutlich verbessert.


8.)    Am 19. August wird zum ersten Mal der internationale Tag der humanitären Hilfe gefeiert, den die Vereinten Nationen ausgerufen haben, um die Arbeit von Nothelfern weltweit zu würdigen. Wenn Sie fünf Minuten Sendezeit etwa bei CNN hätten, was wäre Ihre Botschaft?


Es wird immer schwieriger, zu den hilfsbedürftigen Menschen zu gelangen. Es gibt zu wenig Geld, zu wenig öffentliches Interesse und die sogenannten humanitären Korridore – also der freie Zugang von Nothelfern in Konfliktgebieten - werden immer kleiner. Das macht die Arbeit vor Ort immer gefährlicher. Trotzdem verlieren die Organisationen und ihre Mitarbeiter nicht ihren Mut und ihr Engagement für die Menschen, die in Not sind. Wir müssen einfach unsere Arbeit machen können. Denn gerade weil sich die Lage auf der Welt nicht verbessert, gibt es immer mehr Menschen, die unsere Hilfe benötigen.