Interview: "Es geht auch um die Würde der Flüchtlinge"

Kurz vor seinem Rückflug von Jordanien nach Deutschland hat Thomas Schwarz mit dem dortigen Länderdirektor Kevin Fitzcharles über die Arbeit von CARE mit und für die Flüchtlinge aus Syrien gesprochen.

Die Flüchtlingswelle aus Syrien nach Jordanien dauert jetzt schon lange. Wann hat CARE damit begonnen, ihnen zu helfen?

Wir konnten im April damit beginnen, obwohl wir noch keine finanziellen Mittel aus Spenden hatten oder solche von institutionellen Gebern. Wir erhielten zunächst etwa 70.000 Euro aus unserem eigenen Nothilfe-Fonds von CARE International. Sonst hätten wir gar nicht mit der
Arbeit beginnen können. Damit konnten wir jemanden einstellen, der die „Starthilfe“-Projekte verantwortete. Und wir begannen dann auch sehr rasch damit, dieses „Startgeld“ an syrische Flüchtlinge auszuzahlen.

Für manche mag es irgendwie merkwürdig klingen, den Flüchtlingen Geld zu geben, anstatt Essen, Kleidung und solche wichtigen Dinge. Warum haben Sie sich zu dieser Form der Hilfe entschieden?


Wir machen das schon seit sechs Jahren genauso mit den irakischen Flüchtlingen, die hier in Jordanien sind. Es geht ja hier vor allem um die, die nicht im Flüchtlingslager sind. Es geht um die, die in Städten und Dörfern leben. Zunächst kamen sie bei Verwandten oder Freunden unter.
Irgendwann mussten sie dann aus diesen Wohnungen raus, zum Teil nach mehreren Monaten. Sie müssen ja Kleidung und Nahrung kaufen und ihre Arztrechnungen bezahlen. Die einzige Möglichkeit für diese Menschen, das zu tun, ist Geld zu haben. Das ist normal.
Es geht bei dieser Form der Unterstützung auch um die Würde der Flüchtlinge. Sie können dann selbst entscheiden, wofür sie ihr Geld ausgeben anstatt sich das von uns vorschreiben zu lassen. Es gibt dafür natürlich klare Kriterien. Wir verteilen das Geld einmalig und natürlich nicht an jeden.

Sie haben von den Flüchtlingen gesprochen, die in den Städten leben. Warum zögern doch viele, in das Lager „Zaatari“ zu gehen?

Nun, bei den ersten Flüchtlingen handelte es sich etwa zur Hälfte um Syrer, denen es einigermaßen gut ging. Jedenfalls so gut, dass sie keine Unterstützung benötigten. Sie hatten genügend Mittel, sich selbst zu helfen oder bei Familien und Freunden unterzukommen. Die andere Hälfte waren einfache Leute, die zuhause Bauern oder Tagelöhner waren. Die, die dann nicht irgendwo unterkamen, wurden in Übergangslagern untergebracht.
Das ging ein Jahr lang so. Viele haben keine Papiere, weil die syrische Regierung ihnen ihre Pässe abgenommen hat. Einmal sind 5000 Flüchtlinge in einer einzigen Nacht gekommen, manchmal sind es 2000 oder 1500 - jede Nacht. Im Moment sind es weniger, aber es geht ja weiter. Man kann einfach so viele Menschen nicht alle in ein Lager führen. Sie müssen registriert werden, man muss die Voraussetzungen für ihre Versorgung haben und so weiter.

CARE arbeitet ja nicht nur hier eng mit dem UNHCR (Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen) zusammen, auch in vielen anderen Ländern. Sie arbeiten nicht im Flüchtlingslager, sondern außerhalb. Können Sie sich vorstellen, dass CARE zukünftig im Lager arbeiten wird?

Solange so viele Flüchtlinge weiterhin in Städten leben und Unterstützung brauchen, werden wir das auch weiterhin so tun wie bisher - gemeinsam mit dem UNHCR. Natürlich kann es sein, dass wir in einem möglicherweise neu zu errichtenden Lager arbeiten. Wenn die UN uns darum
bittet, könnten wir in den Bereichen Wasser und Hygiene oder der Unterbringung helfen (das, was man „shelter“ nennt). Das tun wir ja bereits in anderen Flüchtlingslagern weltweit.

Wenn wir einmal in die Zukunft schauen: Ich werde oft gefragt, wie lange diese Flüchtlingskatastrophe wohl noch dauern wird, wann der Bürgerkrieg in Syrien zu Ende gehen könnte. Haben Sie eine Vorstellung davon, irgendeine zeitliche Idee, wie lange das dauern wird?

Wie lange? Nein, ich habe keinerlei Vermutung. Als die Iraker nach Jordanien gekommen sind, hätte auch niemand gedacht, dass sie so lange hier bleiben würden. Ich sage es nicht gern und ich mag auch die Vorstellung nicht, aber es kann sein, dass diese Flüchtlingssituation sehr
lange dauern könnte.

Die derzeitige Lage im Flüchtlingslager Zaatari ist ja nicht so, dass man sie als perfekt bezeichnen könnte. Es wird viel getan, es geht auch voran. Das kann man sicher sagen. Wie schätzen Sie die Lage dort ein? Was muss dort noch getan werden?

Es ist sicher, dass wir schon jetzt an den Winter denken müssen. Hier in Jordanien sind die Temperaturen dann zwischen null und fünf Grad. Dazu kommt, in der Gegend um Zaatari, der kalte, teils eisige Wind. Dann helfen Zelte nicht mehr viel.