Japan: Betrachte die Situation und benutze deine Vorstellungskraft

„Notleidenden zu helfen ist eine Bereicherung“

Von Mariko Ikeda, Freiwillige für CARE Japan. Übersetzt aus dem Englischen von Marlies Binder 

Der 16. April 2011 war der letzte Tag an dem wir Mahlzeiten am Minami Gymnasium verteilt haben. Als das neue Schuljahr in Japan anfing, mussten wir alle Räumlichkeiten, die wir als Küchen und Lagerhäuser verwendet hatten, wieder den Schülern überlassen. Heute wird nur noch die Sporthalle als Teil des Evakuierungszentrums genutzt.

An einem Tag hatten CARE-Mitarbeiter und Freiwillige ein gemeinsames Treffen. Dies war eine gute Möglichkeit, um sich auszutauschen und um Ideen für das umgesiedelte Evakuierungszentrum zu sammeln. Alle im Team waren sich einig: Am wichtigsten ist es, den betroffenen Personen dabei zu helfen, wieder ein normales Leben zu führen. „Betrachtet die Situation und die Gemüter der Menschen und entwickelt gemeinsam mit ihnen etwas“, sagten unsere Teamleiter. Dieser Satz beeindruckte mich. Freiwillige können nämlich meist nicht vom Anfang bis zum Ende eines Projekts unterstützend mitarbeiten.
Auch die direkte Arbeit mit Opfern ist eher selten. Unter solchen Umständen ist es schwierig zwischen den Zeilen zu lesen, die Vorstellungskraft zu erweitern und sich dann selbst einzubringen. 

Der Kranich soll Glück und ein langes Leben bringen

Der 15. April war einer der wichtigsten Tage für mich. Das komplette Team besuchte das Evakuierungszentrum, um sich zu verabschieden und überreichte jedem Evakuierten einen handgefalteten Origami-Kranich. Wir hatten absichtlich die letzten zwei Schritte beim Falten übersprungen, weder hatten wir den Kopf gebogen, noch die Flügel des Kranichs aufgespannt. Wir hofften die Evakuierten würden diese beiden Schritte selbst machen, wenn sie das Evakuierungszentrum verlassen. Während wir arbeiteten kam eine Frau zu uns in die Küche, um uns Lesezeichen in Form von Püppchen zu geben, die Menschen in den Evakuierungszentren für uns in Handarbeit selbst gemacht hatten. Jedes Lesezeichen war einmalig und mit viel Liebe zum Detail versehen.

Dann begann unser Teamleiter mit seiner Abschiedsrede für die Evakuierten in der Sporthalle. Wir erhielten von den Evakuierten einen herzlichen Applaus. Ihr Klatschen bestätigte uns, dass ihnen das zehn Tage dauernde Programm dabei geholfen hatte, ihre Kräfte wiederzufinden. Außerdem wurden zahlreiche anerkennende Worte an uns gerichtet, als wir die Origami-Kraniche übergaben. Besondere Worte und Lob kamen uns entgegen, wie: „Eure warmen Mahlzeiten haben uns unsere Energie zurück gebracht“, oder „Bitte kommt uns eines Tages besuchen, um unsere Kabeljausuppe zu essen.“

CARE will sich auch in Zukunft den Sorgen der Überlebenden annehmen

Andererseits berichteten sie uns auch idavon, wie wichtig es ihnen sei, bald wieder selbst Mahlzeiten zu kochen. Auch die Unsicherheit über ihre unvorhersehbare Zukunft, ihre Häuser und ihre Arbeit ist den Menschen im Evakuierungszentrum anzumerken. CARE nimmt diese Sorgen ernst und will sie so schnell wie möglich angehen. 
Auf unserem Weg zurück besuchten wir Tarocho, eine Stadt vier Kilometer nördlich von unserer Unterkunft. Die Stadt hatte eine dreischichtige Hochwasserschutzanlage von zehn Metern Höhe errichtet. Unglücklicherweise ist die Mehrheit vom Tsunami fortgespült worden. Als wir auf den Überresten der Anlage standen, sahen wir eine zerstörte Fischauktionshalle und zerstörte Fabriken. Die Möglichkeit, den Überlebenden zu helfen, war eine wertvolle Erfahrung für mich. Ich habe mich dem Wiederaufbau des Landes gewidmet. Wir werden alles tun, das in unserer Macht steht, um den Menschen auch weiterhin zu helfen.