Japan: Ohne Gemeinden kein Wiederaufbau

Viele Überlebende haben seit dem Tsunami neue Nachbarn. CARE hilft ihnen, neue Freundschaften zu schließen und sich kennenzulernen

Es ist so sicher wie das Amen in der Kirche: Jeden Mittwoch hört man Frauen in Yamada miteinander sprechen und lachen. In der kleinen Gebirgsstadt sitzen sie in einem kleinen Café neben Übergangshäusern, die seit dem Erdbeben im März ihr Zuhause sind.

Unter dem Vordach des kleinen, behelfsmäßig errichteten Café, traf ich Kiyoko Abe. Sie ist 79 Jahre alt und kommt regelmäßig zu den Gesprächsrunden, die von CARE unterstützt werden. Sie lebt seit ihrer Geburt in Yamada, wo sie bereits vor 40 Jahren einen Tsunami miterlebte, ausgelöst durch ein Erdbeben in Chile. Es war ein großer Schock damals, allerdings überhaupt nicht mit dem zu vergleichen, den sie im März erlitt.

Mit dem besten Kimono ins Evakuierungszentrum

Dem Tod entkam sie am 11. März nur knapp. Sie war gerade in ihrem Badezimmer, als Wasser durch die Tür hindurch floss. Sie dachte zuerst, dass vielleicht ein Rohr geplatzt ist. Aber es dauerte nur wenige Sekunden, als ihr klar wurde, dass sie zum zweiten Mal in ihrem Leben einen Tsunami miterleben muss.

Das Wasser stieg schnell bis zur Decke. Sie schaffte es, über die Treppe hinüber in den oberen Teil ihres Hauses zu schwimmen und zu klettern. In der Eiseskälte zog sie schnell ihre vollkommen durchnässte Kleidung aus, warf einen Kimono über und wartete, bis die erste Welle zurückwich und abebbte. Sie rettete sich aus dem Haus auf höher gelegenes Land und dann in eines der Evakuierungszentren.

"Wenn wir nicht lachen, müssen wir weinen"

Als sie mir ihre Geschichte erzählte, lachten ihre Freunde: „Deinen besten Kimono hast Du getragen, als Du ins Evakuierungszentrum kamst – den trägst Du doch sonst nur für besondere Anlässe!“ „Ich muss ziemlich kümmerlich ausgesehen haben“, erzählt Kiyoko.

„Wir können jetzt darüber lachen, aber es war einfach nur schrecklich. Aber wenn wir nicht lachen, dann müssen wir weinen.“ Kiyoko floh mit nichts als ihrem Kimono am Leibe – all ihr Hab und Gut ließ sie zurück. Schließlich dachte sie, dass sie irgendwann nach Hause zurückkehren könnte. Aber Tage später sah sie, dass Bauschutt, große Boxen und sogar riesige Getränkeautomaten aus dem Supermarkt nebenan durch die Wände ihres Hauses geschmettert wurden. Es ist vollkommen zerstört.

"Im Evakuierungszentrum ist man wenigstens nicht alleine"

Für die ersten drei Monate fand Kiyoko in dem Evakuierungszentrum Zuflucht. Vor ein paar Wochen zog sie in ein Übergangshaus. „Das Leben im Evakuierungszentrum war nicht einfach. Aber wenigstens ist man nicht alleine. Ich hatte große Angst, hier alleine hinzuziehen. Schließlich kannte ich niemanden. Aber ich liebe das Café.

Es ist toll, andere Menschen zu treffen, zu quatschen, sich auszutauschen. Wir haben alle ähnliches durchgemacht – das verbindet. Ein bisschen Tratsch und Klatsch hält einen jung!“ Während sie erzählt, durchforstet sie ein paar Fotos im Schutt, in der Hoffnung, ein paar Fotos von ihr zu finden.

CARE weiß, dass Verwandte, Freunde, Bekannte und teilweise ganze Gemeinden in der Iwate Präfektur durch den Tsunami voneinander getrennt wurden. Wie Kiyoko haben viele Überlebende ihre Nachbarn verloren und wissen nicht, wo ihre Freunde leben. Neue Gruppen schlissen sich in den Zentren zusammen, die in einer Art Lotterieverfahren den verschiedenen Übergangsunterkünften zugeteilt wurden.

Neue Nachbarn per Lotterieverfahren

Vorher hat sich kaum einer von ihnen gekannt. Gerade für ältere Leute sind diese vielen Veränderungen natürlich nicht einfach: Weder körperlich, noch emotional. Aus ähnlichen Situationen haben wir gelernt, dass die Selbstmordrate nach solchen Katastrophen vor allem bei Älteren sehr hoch ist. Nicht nur, weil sie vorm finanziellen Abgrund stehen, sondern auch, weil sie depressiv werden und sich einsam fühlen.

Deshalb ist die Arbeit in und mit den Gemeinden eine Herzensangelegenheit von CARE. In Iwate unterstützt CARE deshalb Menschen dabei, sich körperlich und emotional wieder besser zu fühlen. Wir unterstützen Gemeinden, in dem wir Orte schaffen, in denen sie sich treffen können – wie eben das kleine Café, in dem Kiyako ihr Lachen wiedergefunden hat.

Aber auch kleine Feste oder Zeitungen, in denen Überlebende ihre Geschichten erzählen und Tipps geben, organisiert und unterstützt CARE. Es sind kleine, aber wichtige Schritte, das Erlebte zu verarbeiten und wieder zur Normalität zurückzufinden. Die Arbeit mit den Gemeinden ist der Schlüssel hierzu.