Japan: Vier Wochen nach der Katastrophe bleibt viel zu tun

In ein paar Tagen verlasse ich Japan. Ich bin zurück in Tokio und werde von hier aus bald ausreisen.


Von Robert Laprade, Nothilfekoordinator von CARE 

Es ist jetzt vier Wochen her, dass eine Tsunami-Welle die Küstenregion im Norden Japans getroffen hat. Es bleibt immer noch sehr viel zu tun. Obwohl die Regierung Straßen räumt, obwohl die Elektrizität wieder funktioniert und die Regierung ihr bestes gibt, die Infrastruktur wieder aufzubauen, ist jedem klar, dass der Wiederaufbau mindestens fünf bis zehn Jahre dauern wird. Überlebende, die nun in Evakuierungszentren oder bei Gastfamilien, untergekommen sind, stehen vor großen Herausforderungen. Es ist nicht absehbar, wann sie wieder in ihre Häuser zurückkehren können – denn von vielen Häusern ist nicht mehr übrig als ihr Fundament. Andere Häuser sind nur teilweise zerstört: Die Türen oder Fenster fehlen, Matsch, Dreck und Müll stapelt sich meterhoch im Inneren.

Nach dem ersten Schock kann die Situation erst richtig begriffen werden

Nachdem der erste große Schock der Katastrophe überwunden ist, realisieren die meisten Menschen nun, wie schwierig ihre Situation tatsächlich ist. Sie begreifen, dass sie erst in einiger Zeit – oder gar nicht – in Häuser zurückkehren können. Es ist eine große Herausforderung für die Regierung. In den ersten Wochen nach der Katastrophe stand die Suche nach Überlebenden im Mittelpunkt, die Errichtung von Notunterkünften, die Wiederherstellung der Infrastruktur. Jetzt aber muss die Regierung entscheiden, wie die betroffenen Menschen für eine längere Zeit untergebracht werden können, wo und wann wieder dauerhafte Häuser gebaut werden können. In Fischerorten wie Yamada und Otsuchi sind fast alle Gebäude zerstört worden. Nur das Holz, Metall und vereinzelte Häuserteile sind noch da, kilometerweit von ihren Ursprungsorten entfernt. Die Küstenregion, die der Tsunami traf, ist sehr bergig. Es gibt also nicht viele Plätze, an denen Übergangshäuser für all die Evakuierten aufgebaut werden können. 

Viele starren einfach nur ins Leere

Als ich die Evakuierungszentren besuchte, sah ich viele Überlebende, die nichts zu tun hatten. Viele saßen stumm und starr vor sich herblickend herum. Andere unterhielten sich mit ihren Verwandten und Freunden. Mit so vielen Menschen auf so engem Raum zu schlafen, zu essen, immer mit den gleichen Menschen zu sprechen, kann nach einer Zeit sehr anstrengend werden. Viele Menschen trauern um Angehörige oder leben noch in Ungewissheit, wissen, dass sie manche ihrer nahen Verwandten oder Freunde nie wieder sehen werden. In manchen der Zentren wollen wir deshalb Freizeitmöglichkeiten schaffen, die helfen, den Stress von den Menschen zu nehmen. Vor allem das Leben der älteren Menschen, deren Bewegung eingeschränkt ist, wird sonst zunehmend monoton. Es müssen Beschäftigungen sein, mit denen die Menschen vertraut sind, auch kulturell, und die ihnen tatsächlich Erleichterung und etwas Spaß bieten. 

Mit Beginn des neuen Schuljahrs, kehrt auch ein Stück Alltag zurück

Das Evakuierungszentrum in Yamada, wo CARE zweimal täglich warme Mahlzeiten verteilt, ist in einer Schule untergebracht. Aber in ein paar Wochen beginnt die Schule wieder – auch das ist eine weitere Herausforderung. Uns wurde schon mitgeteilt, dass wir unsere Küche und unseren Lagerraum aus den Klassenzimmern herausverlagern müssen. Die Bewohner des Evakuierungszentrums schlafen in der Turnhalle – wenigstens da können sie bleiben. Meine Kollegen von CARE Japan müssen jetzt Alternativen gefunden, wo wir die Nahrungsmittel aufbewahren und Essen zubereiten können. Wir müssen so handeln, dass es für die betroffenen Menschen am besten ist. In diesem Fall bedeutet das, dass die Kinder wieder zur Schule gehen können, Menschen ohne Obdach einen Platz zum schlafen haben und auch, dass wir weiterhin nährstoffreiches Essen an die Bewohner verteilen. Wir müssen flexibel sein, Wege finden, den Überlebenden zu helfen und ihren Bedürfnissen gerecht zu werden. 

Solidarität unter den Menschen

Die letzten Wochen in Japan haben mir gezeigt, wie zerbrechlich das Leben ist. Es ist egal, ob wir in einer Industrienation oder einem Entwicklungsland leben, in einer Stadt oder einem Dorf – wir können uns nie vollkommen sicher führen. Ich bin überzeugt, dass wir von einer Katastrophe betroffenen Menschen helfen müssen, egal, wo sie leben – auch, wenn sie in einem „reichen“ Land zuhause sind. Der Tsunami in Japan zeigt auch, wie wichtig Frühwarnsysteme und Katastrophenschutz sind. Ohne diese Systeme hätten noch mehr Menschen ihr Leben verloren. Es war beeindruckend zu sehen, wie sich die Menschen gegenseitig geholfen haben. Die Japaner haben alle am gleichen Strang gezogen, jeder hat seinen Teil dazu beigetragen, und jeder hat auf seine Art und Weise obdachlose Überlebende unterstützt. Die Bereitschaft, Obdachlose aufzunehmen und ihnen zu helfen, ist groß.

Glitter und Glamour werden von wichtigeren Dingen abgelöst

Die Bewohner von Tokio geben ihr Bestes, Energie zu sparen. Das Hotel, in dem ich in Tokio untergekommen bin, macht das Licht in der Lobby gleich nach dem Frühstück aus. Tokio ist nicht mehr die Stadt mit Glitter und Glamour, wie wir sie alle kennen. Selbst exzessive Feierlichkeiten in dieser sehr wichtigen Zeit des „Cherry Blossom Festivals“ werden missbilligt. Die Mitarbeiter von CARE Japan arbeiten fast rund um die Uhr, bis 10 Uhr jeden Abend. Es scheint, als wenn sie alle gerne ein Opfer bringen, wissend, dass sie auf ihre Art und Weise den Schicksalen der Bewohner der Küstenregion im Norden damit gerecht werden und das Leben der Überlebenden zumindest ein bisschen einfacher machen. 

Erneutes Erdbeben an der Nordostküste Japans
CARE Japan stockt Personal auf, um Herausforderungen gerecht zu werden 

Am Donnerstag erschütterte erneut ein starkes Erdbeben die Ostküste von Honshu, 117km nördlich von Fukushima, mit 7.4 auf der Richterskala. Eine herausgegebene Tsunami-Warnung für die Region konnte kurze Zeit später wieder zurückgezogen werden.

Die Lage für die betroffenen Menschen ist nach wie vor schwierig. Die japanische Regierung gibt an, dass über 170.000 Haushalte ohne Wasser, 228.000 ohne Gas- und mehr als 164.000 ohne Stromversorgung auskommen müssen. 

In Yamada  hingegen, wo CARE Japan 650 Menschen mit warmen Mahlzeiten auf einem intakten Schulgelände versorgt, können die Kinder und Jugendlich wieder zur Schule gehen und bekommen somit ein Stück Alltagsroutine zurück. CARE muss daher seine Lagerräume verlegen. 

CARE Japan stockt in den nächsten Wochen sein Personal auf, um den großen Versorgungsbedarf der Menschen in Yamada, aber auch in der benachbarten Stadt Otsuchi zu decken. Ein Begutachtungsteam wird ab nächster Woche auch den psycho-sozialen Hilfebedarf in der Region einschätzen und auswerten.