Jeden Tag ein bisschen mehr sterben….

Über die Hungerkrise und den Überlebenskampf der Afghanen

Auf dem Markt von Kabul bieten unzählige Kleinhändler ihre Waren an. „Jeden Morgen komme ich mit meiner Gemüse zum Markt in der Hoffnung etwas verkaufen zu können. Doch nur wenige Menschen haben noch genug Geld, um sich Nahrungsmittel zu leisten“, sagt Farhad, ein Gemüsehändler aus Kabul. „Auch ich frage mich jeden Abend, wie ich meine Kinder noch ernähren kann.“

Am 09. Juli 2008 hat die afghanische Regierung gemeinsam mit den Vereinten Nationen einen Hilfsappell über 400 Millionen Dollar veröffentlicht, um die hoffnungslose Ernährungslage der Afghanen zu verbessern. Die Ursachen für die jetzige Situation sind die weltweiten Preissteigerungen für Nahrungsmittel und Treibstoffe, Dürren und die damit verbundenen geringen Ernteerträge.

 

Täglicher Überlebenskampf

Afghanistan steht vor einer akuten Hungersnot, die viele Familien in ihrer Existenz bedrohen. In einem Land, das zu den ärmsten Ländern Asiens gehört, war eine warme Mahlzeit pro Tag bereits vor der Hungerkrise für viele Familien keine Selbstverständlichkeit. „Die Nahrungsmittelpreise haben sich verdoppelt, teilweise sogar verdreifacht. Es geht nun für die meisten Familien darum, wie sie den nächsten Tag überstehen“, sagt Lex Kassenberg, CARE-Länderdirektor in Afghanistan. „Die Bauern verkaufen ihr Saatgut, um Nahrungsmittel für ihre Familien zu kaufen. Andere verschulden sich dafür, ohne Aussicht diese Schulden jemals zurückzahlen zu können“, so Kassenberg weiter.

 

Steigende Preise, stagnierende Löhne

Die Menschen in Afghanistan sehen einer düsteren Zukunft entgegen. Es ist nicht zu erwarten, dass die Preise für Lebensmittel wieder auf das Vorjahresniveau sinken. Gehälter und Löhne werden jedoch nicht steigen. Diese Entwicklung beunruhigt auch Abdul Shakor, der Schulmacher in Kabul ist: „Ich verdiene noch immer soviel, wie vor fünf Jahren“, sagt er. Kurzfristige Nahrungsmittelhilfe ist nun dringend notwendig. Doch auch die grundlegenden Probleme des Landes, wie die vorherrschende Armut, schlechte Infrastruktur, die nur schlecht zu kultivierenden Böden und die ethnischen Konflikte müssen nachhaltig gelöst werden.

Die kommende Ernte wird voraussichtlich um ein Drittel schlechter ausfallen als die des Vorjahres. Amaanullah, ein 75-jähriger Bauer beobachtet schon seit Jahren, wie die Ernteerträge immer geringer ausfallen. „Die einzige Möglichkeit um die Böden wieder kultivierbar zu machen, ist die Installation von Bewässerungssystemen“, betont er. „Ich ernte jedes Jahr weniger auf meinem Land. Daher werde ich wohl bald jede Art von Arbeit annehmen müssen, um den Lebensunterhalt für meine Familie zu verdienen.“

 

Fatima muss betteln

Die steigenden Nahrungsmittelpreise tragen zu einer Verschlechterung der ohnehin schwierigen Lebenssituation in Afghanistan bei. CARE arbeitet bereits seit mehr als zehn Jahren in Afghanistan und unterstützt Gemeinden zum Beispiel bei der Gründung von Kleinunternehmen. „Familien, die sich in den letzten Jahren eine erfolgreiche Existenzgrundlage aufbauen konnten, werden nun durch die Preissteigerungen wieder zurückgeworfen“, erklärt CARE-Länderdirektor Kassenberg. CARE hat nach dem Sturz der Taliban ein erfolgreiches Berufsbildungsprogramm zur Unterstützung von Witwen und benachteiligten Frauen aufgebaut. „Jene Frauen, die durch das Projekt eine finanzielle Selbstständigkeit erlangten, sind nun wieder auf soziale Fürsorge angewiesen“, so Kassenberg weiter.

Wie auch Fatima, eine afghanische Frau, die jeden Tag auf dem Markt von Kabul betteln muss. Voller Trauer schaute sie in die Zukunft: „ Mein trostloses Schicksal lässt mir nur zwei Auswege: entweder bringe ich mich um oder ich bleibe am Leben und sterbe jeden Tage ein bisschen mehr.“