„Jeder von uns kann sich stark machen“

Der CARE-Millenniumspreisträger Ashok Bharti im Interview

Ashok Bharti wurde am 23. November mit dem diesjährigen CARE-Millenniumspreis in Berlin ausgezeichnet. Er setzt sich seit mehreren Jahren für die Rechte der Dalits ein, einer diskriminierten Kaste am Rande der Gesellschaft in Indien. Mit seiner Dachorganisation NACDOR (National  Confederation of Dalit Organisations) kämpft er seit 2001 für die Anerkennung und Gleichstellung der so genannten „Unberührbaren“, stellvertretend für alle anderen Kasten, und verleiht damit den Unterdrückten der indischen Gesellschaft eine Stimme. Doch Ashok Bhartis preisgekröntes Engagement reicht weit zurück. Selbst in eine Familie mit sechs Geschwistern in die Kaste der Dalits hinein geboren, wird er schon als Student  der Elektrotechnik für die Anerkennung der Rechte von rund 200 Millionen Menschen aktiv und ist seit dem unermüdlich in seiner Arbeit. 

Interview mit Ashok Bharti 

Herr Bharti, Sie kennen das Leben der Dalits aus eigener Erfahrung. Können Sie es uns kurz beschreiben?

Ja, ich nehme dafür das Beispiel eines Schulkindes. Junge Dalits werden bereits in der Schule diskriminiert: sie werden von den Lehrern aufgefordert, die Böden zu putzen oder müssen sich möglichst weit weg vom Lehrertisch platzieren. Auch während der Mittagspause werden sie oft von ihren Mitschülern gemieden und sitzen beim Essen fernab der anderen. Man liest auch häufig in den lokalen Zeitungen von gewalttätigen Übergriffen auf Dalits.

Sie entstammen selbst aus sehr einfachen Lebensverhältnissen, haben viele Geschwister, ihr Vater war Schneider. Sind Sie mit Ihrem beeindruckenden Lebenslauf und Ihrem langen Bildungsweg ein Einzelfall?

Nein, da gibt es einige Dalits mit derselben Ausbildung und mindestens genau so viel Erfahrung. Natürlich ist der Weg für uns, die Unberührbaren, beschwerlicher, weil uns einfache Rechte verwehrt bleiben. Aber wenn wir kämpfen und aktiv sind, dann kann sich jeder von uns stark machen. Ich würde mich selbst auch nicht als besonders gebildet bezeichnen. Ich bin einfach ein sehr aktives Mitglied unserer Gesellschaft.

Was sind die größten Erfolge, die Sie der Arbeit Ihrer Organisation NACDOR zuschreiben?

Am wichtigsten ist es, dass wir es geschafft haben, den Dalits eine Plattform zu geben, die von der Regierung offiziell anerkannt ist. Die Dalits werden gehört und treten gemeinsam für Ihre Rechte ein. Außerdem war ich als Repräsentant zu einer UN-Konferenz über die Millenniumsentwicklungsziele (MDGs) nach New York eingeladen. Das war ein großer Meilenstein für die internationale Anerkennung unserer Arbeit.

Was bedeutet Ihnen die Auszeichnung mit dem CARE-Millenniumspreis?

Viel. Auf der einen Seite beweist die Auszeichnung, dass unsere Arbeit in der Gesellschaft Anklang findet. CARE ist eine bedeutende Organisation, die internationale Anerkennung genießt. Somit wird auch die Thematik der Dalits in gewisser Weise prominent. Auf der anderen Seite hoffe ich natürlich, dass das Thema der sozialen Exklusion der Dalits auf die internationale Agenda und damit in den Fokus der globalen Politik rutscht. 

Herr Bharti, eine indische Gesellschaft ohne den Ausschluss der Dalits und anderer Kasten- ist das eine Utopie?

Nein, das ist definitiv keine Utopie. Indien ist traditionell geprägt vom System der Kasten. Es wird also eine lange Zeit brauchen bis von diesem System endgültig Abschied genommen wird. Aber vor ein paar Jahren noch war es undenkbar, dass ein Dalit ein politisches Amt besetzt. Heute gibt es bereits mehrere hochrangige, nationale Politiker aus den Reihen der Dalits. Vielleicht haben wir irgendwann auch mal einen „unberührbaren“ Premierminister. 

Weitere Informationen über Ashok Bhartis Arbeit:
- CARE-Millenniumspreis für den Inder Ashok Bharti, Gründer der Dalit-Organisation NACDOR 
- Video: Ashok Bharti gibt den "Unberührbaren" eine Stimme
- Offizielle Webseite von NACDOR