„Jemand, der nichts zu essen hat, denkt nicht mehr ans Sparen.“

Bisher konnte die Gruppe äthiopischer Frauen um Kedija der extremen Dürre trotzen: durch gemeinsames Sparen. Doch langsam aber sicher sind auch ihre Ressourcen erschöpft.

von Anders Nordstoga, Medienkoordinator von CARE International

Seit Monaten sorgt das Wetterphänomen El Niño in Äthiopien für eine extreme Dürre und konfrontiert die Menschen in weiten Teilen des Landes mit Ernteausfällen und Wasserknappheit. Mehr als zehn Millionen Menschen sind abhängig von den Lebensmittellieferungen der Regierung und Hilfsorganisationen wie CARE.

Die sechsfache Mutter Kedija Abra Umer lebt in einer der von der Trockenheit am stärksten betroffenen Regionen, im östlichen Hararghes. Kedija ist Leiterin einer Kleinspargruppe für Frauen, die mit Unterstützung von CARE vor einigen Jahren gegründet wurde.

„Einer Dürre dieser Dimension waren wir noch nie ausgeliefert“, erklärt sie. „Wir stehen vor ganz neuen Herausforderungen: Es gibt weder genug Lebensmittel für uns und unsere Kinder noch können wir unser Vieh ausreichend versorgen. Bis auf einen sind in unserem Dorf alle Brunnen ausgetrocknet. Das Wasser reicht nicht aus, um unsere Felder zu bewässern, sodass sie vertrocknen und wir kein Gemüse ernten können. Damit verlieren viele Menschen hier ihre Haupteinnahmequelle.“

Das Sparen in Kleingruppen ist für Menschen, die keinen Zugang zum formalen Finanzsektor haben, von großer Bedeutung. Es ist ihre einzige Möglichkeit, Geldbeträge zu leihen. Vor der momentanen Dürre konnte Kedijas Kleinspargruppe regelmäßig Erfolge bei der Verwendung ihrer Ersparnisse aufweisen. „Die Dürre ist ein harter Rückschlag, was aber nicht bedeutet, dass wir bei null anfangen. Seit wir in Gruppen organisiert sind, hat sich viel geändert. Gruppenmitglieder können in Notfällen auch kurzfristig Kredite bekommen. Wer das Geld erhält, entscheiden wir gemeinsam und so erhält es derjenige, der es am dringendsten benötigt, um seine Familie vor dem Hunger zu bewahren“, erklärt Kedija.

Kleinspargruppen als Sicherungsnetz 

„Früher lebten wir in Hütten mit Dächern aus Heu. Weil wir keinen Zugang zu Kleinkrediten hatten, verkauften wir unsere Rinder sehr früh und konnten dann auch nur sehr wenig für sie verlangen“, erzählt Kedija.  „Seit wir uns in Gruppen zusammen tun und uns gegenseitig Kredite finanzieren, können wir die Rinder behalten bis sie größer und dicker sind. Durch den Erlös des Rinderverkaufs können wir dann wiederum besseres Baumaterial für unsere Häuser kaufen.“ Sie erinnert sich: „Einige Zeit vor der Dürre nahmen wir gemeinsam einen Kredit auf und pflanzten Kartoffelwurzeln an. Unsere Ernte war sehr ertragreich  und wir konnten etwa 430 Euro erwirtschaften. Von diesem Geld kauften wir daraufhin Vieh, das mittlerweile sogar Nachkommen bekommen hat. Es war ein großer Erfolg, aus dem unsere gesamte Kleinspargruppe einen Nutzen zog. Davon ließen sich dann auch andere Gruppen in der Umgebung inspirieren und auch sie waren erfolgreich. Das alles war nur möglich, weil wir Frauen gemeinsam gespart haben. Unseren Kindern legen wir deswegen schon jetzt das System der Kleinspargruppen ans Herz. Wir wollen, dass auch sie in Zukunft von den Vorteilen profitieren.“

Das Sparen wird immer schwieriger

Doch nach zwei Missernten in einem Jahr gehen auch die Ersparnisse von Kedijas Gruppe zur Neige. Den Frauen fehlt es an zu vielem, um auch nur einen kleinen Betrag beiseitelegen zu können. „Das Sparen wird immer schwieriger. Viele Menschen, auch Gruppenmitglieder, verlassen unser Dorf und gehen zu Verwandten, die in anderen Regionen wohnen. Jemand, der nichts zu essen hat, denkt nicht mehr ans Sparen“, sagt Kedija mit Nachdruck. „Solange wir noch Nahrung für uns und Futter für unser Vieh haben, können wir nach Lösungen suchen und uns den Herausforderungen stellen. Aber wenn die Dürre weiter anhält, werden sich die Probleme und der Hunger verschlimmern. Dann gibt es keine Lösungen mehr.“

CARE hilft Betroffenen in Äthiopien durch die Versorgung mit Lebensmitteln und sauberem Wasser. Darüber hinaus erhalten sie Unterstützung dabei, Vorkehrungen zum Schutz vor der nächsten Dürre zu treffen. Kedija weiß: „Wir brauchen auch weiterhin den Zugang zu Krediten und Unterstützung bei der Viehzucht. Denn wenn wir in unsere Tiere und deren Mästung investieren, können wir unser Einkommen vergrößern. Die Dürreperioden könnten wir dann besser überstehen.“

Lernen Sie Kedija und die tapferen Frauen ihrer Kleinspargruppe in diesem Video kennen.  

Mehr Informationen zu dem Wetterphänomen El Niño und seinen Auswirkungen auf den Süden und das Horn von Afrika finden Sie hier.