Jemen: Kunst gegen den Krieg

Roqaia schafft Kunstwerke aus Glassplittern. Dem Krieg im Jemen zum Trotz.

Stolz präsentiert die junge Frau eines ihrer ersten Werke. Es zeigt eine Frau, die Geige spielt.  „Das ist mein liebstes Stück“, sagt sie, „Ich malte es, kurz nachdem die Luftschläge begannen. Diese Geigerin ist ein Symbol. Dem Krieg zum Trotz werden wir Musik spielen und Kunst machen. Wir werden leben.

Die 26-jährige Roqaia lebt davon, Krieg zu Kunst zu machen. Sie durchstreift ihre Stadt, sammelt zerbrochenes Glas auf und verwandelt es dann in wundervolle Bilder.

Gegen alle Widerstände

Roqaia träumte schon immer davon, Künstlerin zu werden. Als sie älter wurde, liebte sie vor allem das Zeichnen, doch die Kultur im Jemen verpönt solche künstlerischen Ausdrucksformen, insbesondere bei Frauen. Auch ihre Familie war dagegen, dass Roqaia ihre künstlerische Betätigung zum Beruf macht, also versteckte sie ihre Pinsel und Zeichenblöcke sechs lange Jahre.

Nach einer anhaltenden Periode der Arbeitslosigkeit jedoch, besann sie sich auf ihren Traum zurück. In einem lokalen Trainingsprogramm für Kleinunternehmer lernte Roqaia, wie sie mit dem Verkauf ihrer Kunst ein Einkommen erzielen konnte. Darüber hinaus unterstützte das Programm sie beim ersten Kauf ihrer Malutensilien. Doch gerade als Roqaia auch ihren Vater hatte überzeugen können, sie ihren Traum der Kunst verfolgen zu lassen, brach der Krieg los.
Das tat ihrer Motivation jedoch keinen Abbruch.

Aus Zerstörung wird Kunst

Eines Tages traf ein Luftschlag Roqaias Wohnviertel und brachte die Scheiben im Badezimmer zum Bersten. „Anstatt das zerbrochene Glas wegzufegen, rannte ich aus dem Schlafzimmer, voller Angst und auch Enttäuschung darüber, was wir erdulden müssen“, sagte sie. „Ich ließ die Scherben dort tagelang liegen und schaute ständig darauf.“

Eines Tages traf Roqaia einen Mann in ihrer Nachbarschaft, der alles in einem Luftangriff verloren hatte; auch seine Familie. Der Schmerz dieses Mannes, davon zu hören und ihn zu spüren, inspirierte Roqaia, etwas zu erschaffen was seine Geschichte erzählen würde und der Nachwelt als Lehre dienen könnte. Sie nahm die Bruchstücke ihres Fensterglases und begann darauf zu malen. Am Ende war die Geschichte des Mannes als Kunstwerk festgehalten, und sie gab es ihm als Geschenk.

Roqaia gestaltete weitere Glasbilder aus den Scherben und begann sie zu verkaufen, viele davon an Ausländer. Dank ihrer Kunst brachte die junge Frau für ihre Familie nun Geld nach Hause, sodass ihr Vater schließlich einen Raum im Haus freiräumte, den sie als Atelier nutzen konnte.
Viele ihrer Bilder senden starke Botschaften in die Welt. Roqaia will gehört werden.
„Ich will, dass ihr unseren Schmerz seht und versteht. Krieg zerstört nicht nur Fenster. Er bricht Herzen, tötet Kinder, begräbt Träume und verwüstet das Leben vieler Menschen“, sagt Roqaia. „Ich möchte mein Werk in Häusern auf der ganzen Welt sehen. Und ich möchte Leben und Freiheit für alle Jemeniten.“

Mehr Informationen zum Einsatz von CARE im Jemen finden Sie hier.