Jemen: Zu durstig, um Fußball zu spielen

Theo Alexopoulos, Stellvertretender Sicherheitsdirektor bei CARE, war im Jemen und schreibt über die Situation vor Ort.

Ein Jahr lang wütet der Krieg im Jemen jetzt schon. Das ist zu einem unsicheren und schwierigen Arbeitsplatz für die Helfer von Organisationen wie CARE geworden. Dennoch besuchte ich das Land vor Kurzem und sah mit eigenen Augen, wie verzweifelt die Situation für Millionen von Menschen ist. Im Norden begegnete ich vielen kleinen Kindern, die dringend Wasser benötigen. Sie hatten Durst. Diese Kinder verpassen häufig ihren Schulunterricht und reihen sich in lange Warteschlangen für Wasser ein, das in ihre Dörfer gebracht wird.

Ein kleiner Junge stand einsam und verloren etwas abseits der Menschenmenge. Sein Name war Mohammad und er war krank. Aber warum? War es wegen des Wassermangels? Hatte er Hunger? Oder litt er unter einer anderen unbehandelten Krankheit? Es kann jeder dieser Gründe gewesen sein. Doch als ich mich hinkniete, um seine Hände zu küssen und in zu begrüßen, schenkte er mir ein gewinnendes Lächeln. Ich konnte nicht anders als mich zu fragen, was auf ihn und die anderen Kinder im Jemen noch zukommen wird. Ich bin selbst Vater von zwei Mädchen und die Not dieser Kinder traf mich sehr. Es macht mich sehr wütend, dass kein Ende des Konfliktes abzusehen ist und erwachsene Menschen damit beschäftigt sind, sich um die Macht zu streiten, anstatt ihre wunderbaren Jungen und Mädchen zu beschützen.

Während ich mit den Kindern auf die Verteilung des Wassers wartete fragte ich sie, was ihr Lieblingsspiel ist. „Fußball“, war die sofortige und einstimmige Antwort. Eigentlich wollte ich die Kinder zum Fußballspielen ermutigen, aber dann stoppte mein jemenitischer Kollege mich: „Theo, als ich noch ein Kind war, gab es auch kein Wasser. Meine Trinkwasserration wurde streng von meiner Mutter überwacht. Ich bekam ein halbes Glas am Tag. Einem Ball bei dieser Hitze hinterher zu laufen macht zu durstig. Selbst wenn man das Glück hatte, einen Ball zu besitzen, war es nicht immer die beste Idee, damit zu spielen.“ Der Jemen ist ein Land, in dem Wasser immer schon eine knappe Ressource war. Doch seit dem Beginn des Konflikts haben mehr als 19 Millionen Menschen nicht ausreichend sauberes Wasser. So sehr es mir in den Füßen juckt: ich werde besser nicht versuchen, mit den Kindern Fußball zu spielen.

Was können wir tun?

Kämpfe toben im Jemen und man bekommt davon nur wenig mit. Unsere Mitarbeiter leben und arbeiten trotz täglicher Bombenangriffe unter Hochdruck. Fenster gehen zu Bruch und die Gebäude werden durch die Explosionen erschüttert. Erschwert werden die Bedingungen außerdem durch Diebstähle, Plünderungen, Entführungen und Festnahmen. In dieser Situation ist es nicht nur eine große Herausforderung, unsere Mitarbeiter zu schützen, sondern hindert uns auch daran, alle hilfsbedürftigen Menschen zu erreichen.

CARE arbeitet schon seit vielen Jahren im Jemen und hat trotz des Konflikts die Hilfe fortgesetzt. Wir verbessern den Zugang zu sauberem Wasser, in dem wir etwa Tanks zur Verfügung stellen. So müssen Frauen und Kinder nicht mehr weite Strecken laufen, um Wasser zu holen. Darüber hinaus unterstützt CARE die Menschen mit der Verteilung von Nahrungsmitteln oder Gutscheinen, mit denen die Familien auf den Märkten Nahrungsmittel und Hygieneprodukte einkaufen können.

Die Zahlen sind überwältigend: über 21 Millionen Menschen benötigen lebensrettende Unterstützung – das sind mehr als 80 Prozent der gesamten Bevölkerung. Diese Zahl muss man sich einmal vorstellen. Humanitäre Hilfe kann den Konflikt nicht beenden. Es muss dringend eine politische Lösung gefunden werden, die der Gewalt im Jemen ein Ende setzt und Frieden ins Land bringt. Im Nahen Osten gibt es im Moment viele Konflikte mit ihren jeweils eigenen Herausforderungen. Wir dürfen trotzdem nicht zulassen, die Katastrophe im Jemen zu ignorieren. Ein Jahr nach Beginn des Konfliktes ist es zu einer Katastrophe mit epischen Ausmaßen geworden.

Die Kinder, die ich gesehen habe, die sich nach Wasser, Bildung und einer Zukunft sehnen, verdienen eine Chance, eine Zukunft. Es ist an der Zeit, die Gewalt zu stoppen und das jemenitischen Volk und seine Jugend in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft zu unterstützen. 

 

Hier finden Sie unser Factsheet mit den wichtigsten Zahlen zur Krise.