Jordanien: Auch kleine Gesten helfen

Der Fastenmonat Ramadan geht zu Ende. CARE-Länderdirektorin Salam Kanaan beobachtet in Jordanien, was Mitmenschlichkeit und Teilen bedeutet

Dieser Tage endet der Fastenmonat Ramadan. Viele der weltweit 1,6 Milliarden Muslime werden das Zuckerfest feiern und damit den Abschluss einer Zeit des Fastens, Betens und Teilens. In meinem Heimatland Jordanien wird an Ramadan abends gemeinsam mit den Nachbarn das Essen geteilt. Viele von ihnen sind Flüchtlinge aus Syrien, geflohen vor den seit über zwei Jahren anhaltenden blutigen Auseinandersetzungen.

Als der Konflikt 2011 begann, lebten diese Familien noch in ihrer Heimat. Heute sind 1,9 Millionen Syrer geflohen – in Nachbarländer oder nach Europa. 5000 werden in Deutschland aufgenommen. Gleichzeitig benötigen sieben Millionen Menschen – ein Drittel der Bevölkerung – in Syrien selbst humanitäre Hilfe. Hilfsorganisationen fehlt es an sicherem Zugang zu den Gebieten in Syrien, aber auch an finanziellen Mitteln, um die Flüchtlinge zu unterstützen. Die Mehrheit der geflohenen Familien, über 70 Prozent, leben nicht in organisierten Flüchtlingscamps, sondern im städtischen Raum oder in spontanen Siedlungen am Stadtrand. Sie haben Unterschlupf gesucht in Wohnungen, bei Gastfamilien oder in leerstehenden Baracken. Hilfsorganisationen brauchen Personal, Transportmittel und Zeit, um sie zu finden und bedarfsgerechte Unterstützung zu organisieren. Die meisten Flüchtlinge benötigen nach eigenen Aussagen vor allem Bargeld, da sie im Gastland nicht legal arbeiten dürfen. Wie sollen sie also ihre Miete, die Nahrungsmittel und die ärztliche Versorgung zahlen?

Ich bin in Jordanien als Tochter einer palästinensischen Flüchtlingsfamilie aufgewachsen, dies ist meine Heimat. Nun bin ich nach einigen Jahren im Ausland zurückgekehrt und sehe, welche Last auf der jordanischen Bevölkerung liegt. Gleichzeitig machte es mich froh von syrischen Familien zu hören, dass ihre Nachbarn sie unterstützen: mit Lebensmitteln, etwas Bargeld. Die Flüchtlinge bringen unvorstellbare Erlebnisse von Gewalt und Furcht mit sich.

„Das Zuckerfest war für uns immer ein glückliches Fest in Syrien“, erzählte mir eine Frau neulich. „Nicht so in diesem Jahr. Mein Ehemann ist noch in Syrien, mein Sohn hat Krebs und meine kleine Tochter ist so traumatisiert, dass sie nicht mehr sprechen kann.“ Nach offiziellen Angaben sind über 600 000 syrische Flüchtlinge in Jordanien und die Zahlen steigen an, genauso wie die Preise für Mieten und Nah Nahrungsmittel. Wohnraum wird knapp. In den vergangenen Jahrzehnten hat Jordanien immer wieder Flüchtlinge aufgenommen, Palästinenser, Iraker, und nun Syrer. Man stelle sich vor, in Deutschland würden in kürzester Zeit zehn Prozent der Bevölkerung – das wären acht Millionen Menschen – hinzukommen. Die jordanische Gastfreundschaft macht mich stolz. CARE ist ein nicht-konfessionelles Hilfswerk und wir arbeiten unabhängig von Weltanschauungen und Religionen.

Aber als ich in den letzten Tagen abends durch die Straßen von Amman schlenderte und Familien, Nachbarn und Freunde beim Fastenbrechen sah, kam mir ein Gedanke: Ist Ramadan nicht ein willkommener Anlass, um uns alle an das gemeinsame Band der Menschlichkeit zu erinnern? Daran, dass das Teilen das beste Mittel gegen Verzweiflung und Ohnmacht ist? Niemand von uns kann den Konflikt in Syrien lösen. Wir können und müssen weiterhin Druck auf die Politik machen, damit endlich ein Friedensprozess in Gang gebracht wird. Aber wir können noch etwas anderes tun: Ob es eine warme Mahlzeit ist oder eine Tasse Tee, die jordanische Nachbarn den syrischen Flüchtlingen anbieten, oder eine kleine Spende an CARE oder eine andere in der Region tätige Hilfsorganisation – jede Geste der Menschlichkeit zählt. Nicht nur während des heiligen Monats Ramadan.

Für ein Leben in Würde: Helfen Sie mit Ihrer Spende syrischen Familien in Jordanien