Jordanien: Ein weinendes Auge

Eine Million Kinder sind bereits aus Syrien geflohen. Sie alle tragen Geschichten mit sich. So auch die achtjährige Hanan.

Hanan zeigt uns ein Bild. Gemalt auf ein Stück zerrissenes Papier. In gewisser Hinsicht ist es das, was man von einem achtjährigen Mädchen erwarten würde. Die Menschen haben lachende Gesichter und große, unförmige Körper. Die Häuser haben spitze Dächer und kleine Fenster.

Schaut man jedoch etwas genauer hin, sieht man schmerzliche Details: Hanan hat einen Panzer in die Mitte des Bildes gemalt. In der oberen Hälfte sind seltsame runde Objekte, die den Anschein erwecken, als würde etwas aus ihnen herauslaufen. Eines über einem Haus, das andere über einem der lachenden Gesichter.

Hanan zeigt auf den Kreis der auf ein Haus tropft und sagt: „Das ist ein weinendes Auge.“

Hanan ist aus Syrien geflohen, wo seit über zwei Jahren Gewalt herrscht. Eine Bombe hat ihren Vater getötet, als dieser Gemüse auf der Straße verkauft hat. Ihr jüngerer Bruder wurde von herabstürzenden Trümmern verletzt. Eine Explosion hatte die Wohnung der Familie getroffen.
Hamans Mutter hat sich mit ihren fünf Kindern aus Syrien gerettet. Sie leben nun in einem armen Viertel von Amman, der Hauptstadt von Jordanien.

Neben den Menschen und Häusern hat die achtjährige Haman einen Panzer gemalt. (Foto:CARE/Laura Sheahen)Die kleine Hanan ist sehr klug. Sie hat zwar ein Jahr in der Schule verpasst, da sie mit ihrer Mutter auf der Suche nach Sicherheit quer durch Syrien reisen musste, kann aber mit Zahlen umgehen, einfache Mathematik rechnen und sie hat den Namen ihres Bruders in Arabisch neben die Zeichnungen geschrieben. Sie ist ein sehr aufgewecktes junges Mädchen und besonders daran interessiert, mehr über die Welt jenseits der kargen Wohnung ihrer Familie zu erfahren.

Es ist September 2013 und die Schule beginnt für Hanan. Sie hat Glück, denn ihre Mutter Rawda besteht darauf, dass sie zur Schule geht. Denn ohne Einkünfte und die Möglichkeit, legal zu arbeiten, müssen viele syrische Eltern ihre Kinder häufig auf die Straßen schicken, um Kleinigkeiten wie Kaugummi zu verkaufen.

Hanan hat auch Glück, denn ihre Mutter hat sich nicht dafür entschieden, dass sie auf ihre vier jüngeren Brüder aufpassen muss. Einer von ihnen, der siebenjährige Izeddin, kann nicht mehr laufen, seit eine Bombenexplosion seinen bereits schwachen Zustand verschlechtert hat. Wenn die verwitwete Mutter einen Job bekommt und Hanan sich dadurch permanent um die kleinen Geschwister kümmern muss, wäre ihre Schulzeit beendet, bevor sie überhaupt begonnen hat.

CARE hilft den Flüchtlingsfamilien, die oft nicht einmal Stifte und Papier für ihre Kinder bezahlen können.

Obwohl die Schule kostenlos ist, können viele Flüchtlingsfamilien sich kaum die Schulausrüstung wie Stifte und Papier leisten. Rawda geht aber trotzdem zur öffentlichen Schule der Stadt, um ihre Kinder Izeddin und Hanan für den Unterricht zu registrieren.

Aber die Schulen in Jordanien sind voll. Bereits seit Jahrzehnten hat Jordanien großzügig hunderttausende Flüchtlinge aus verschiedensten Ländern, wie dem Irak, aufgenommen. In vielen Schulen wurden sogar offiziell zweite Schichten eingerichtet, um den Flüchtlingskindern einen Schulbesuch zu ermöglichen. In den letzten zwei Jahren sind jedoch allein aus Syrien über eine Million Kinder nach Jordanien geflüchtet und es gibt zu wenig Lehrer.

CARE hat Rawda mit Bargeldzahlungen unterstützt. Davon kann sich die Familie Lebensmittel kaufen und die Miete bezahlen. CARE-Flüchtlingsbetreuer leiten Flüchtlinge wie Rawda an andere Organisationen weiter, die sie zu Fragen und Problemen rund um den Schulbesuch ihrer Kinder betreuen. CARE wird auch Familienzentren in Jordanien bauen. Dort werden Kinder wie Hanan und ihre jüngeren Brüder in Sicherheit spielen und Bücher lesen können.

Es ist jedoch nicht sicher, ob Hanan es dieses Halbjahr in die Schule schafft.
Sie wird eine von tausenden klugen und wissbegierigen jungen Mädchen sein, denen der Zugang zur Bildung durch Kriege, Armut, Traditionen oder gezwungene Arbeit verwehrt bleibt.

Hanan beschreibt ihr gezeichnetes Bild weiter. „Das ist einer meiner Brüder. Das ist ein anderes Haus.“
Sie zeigt auf den zweiten Kreis, welcher auf eine menschliche Figur tropft. „Und das ist noch ein weinendes Auge. Das bin ich.“

 

Sie können den syrischen Flüchtlingen helfen. Bitte spenden Sie für die CARE-Nothilfeprojekte in Jordanien!

Nachtrag: Einige Tage nach dem Besuch von CARE erfuhren wir, dass Hanan und ihr Bruder Awad erfolgreich für die Schule ab Mitte September angemeldet wurden.