Jordanien: Ein Zelt unter vielen

Seit Beginn des Syrien-Konfliktes verließen über zwei Millionen Menschen ihre Heimat, so auch Fawsa und ihr Ehemann Sadr. Seit einem Jahr leben die beiden mit ihren fünf Kindern in einem improvisierten Zelt in der Nähe von Amman, Jordaniens Hauptstadt.

Ali liegt auf dem Boden, auf einem braunen, mit Blumen bestickten Kissen. Seine Augen sind zwar offen, aber regungslos. Seine Arme und Beine liegen dünn und kraftlos neben ihm, als wären sie nicht Teil seines kleinen Körpers. Seine Mutter Fawsa sitzt neben ihm, massiert ihm liebevoll die Unterschenkel, streicht ihm über den Kopf. Ali rührt sich nicht. Noch nicht mal die Fliegen, die sich auf seine Augenlider setzen, lassen ihn blinzeln. Fawsas Blick wandert durch das kleine Zelt, das seit einigen Tagen ihr Zuhause ist, auf die weißen Plastikplanen, den leeren Raum, in dem nichts außer ein paar Matratzen und Kissen liegen. In der anderen Ecke des Zeltes sitzen zwei weitere Söhne von Fawsa. Auch ihre Unterschenkel sind nach hinten gebogen, die kleinen Oberkörper eng daran gepresst. Sie krabbeln zu ihrer Mutter, versuchen, sich aufzurichten. Aber ihre Glieder tragen sie nicht. Drei der fünf Kinder von Fawsa leiden unter einer Erbkrankheit, die sie nicht richtig wachsen lässt. Sie können nicht laufen, nicht sprechen. Ohne Fawsa können sie nicht überleben. Fawsas Augen sind wie ein Brunnen, in den aller Schmerz und alles Leid dieser Welt gefallen zu sein scheinen, aber auch die unbändige Stärke einer Mutter, die ihre Kinder über alles liebt.

„Weinen kann den Schmerz, den ich fühle, nicht mehr ausdrücken“

Fawsa, ihr Mann Sadr und ihre Kinder flohen vor sechs Monaten aus Syrien, als ihr Heimatdorf Hamam in Syrien bombardiert und ihr Haus erst geplündert und dann abgebrannt wurde. Damals hatten sie noch sechs Kinder. Kurz vor seinem 18. Geburtstag und kurz vor der Grenze nach Jordanien starb ihr ältester Sohn Nour, auch er ist von Geburt an behindert gewesen. „Er hat das Wetter in der Wüste nicht vertragen, die Strapazen der Flucht waren zu viel für ihn. Wir konnten nichts machen, nur zu sehen, wie er stirbt.“ Fawsa weint nicht. Sie kann nicht mehr weinen, sagt sie. „Weinen kann den Schmerz, den ich fühle, nicht mehr ausdrücken.“

Im Flüchtlingslager Zaatari im Norden Jordaniens fanden sie zunächst Obdach, aber auch hier tobte der Wüstenwind, die Kinder litten unter dem Staub und der Hitze. Fawsa wollte nicht noch ein Kind verlieren. Ein paar Monate schlugen sie sich in Amman, der Hauptstadt Jordaniens, durch. Dort mieteten sie eine Einzimmerwohnung mit ihren letzten Reserven und schliefen auf mitgebrachten Matratzen aus Zaatari. Aber die Wohnung war zu teuer, zu feucht, die Treppen zu hoch, um die behinderten Kinder täglich hoch und runter zu tragen. „In Syrien hat sich ein Physiotherapeut um die Kinder gekümmert. Das können wir uns hier nicht mehr leisten“, erzählt Fawsa. Seit einigen Wochen bewegt sich ihr Sohn Ali gar nicht mehr. „Er hat keine Übung mehr, die Muskulatur wird immer schwächer.“

Individuelle Schicksale dürfen nicht untergehen

Um etwas finanzielle Sicherheit und Platz für die Kinder zu haben, nahmen Fawsa und Sadr einen Kredit auf und kauften ein Zelt. Außerhalb von Amman, ein paar Kilometer vom internationalen Flughafen entfernt, reiht es sich in ein Meer von Zelten. Verschwindet in Dächern von Plastikplanen und Pappe, Holz- und Blechabdeckungen, Wäscheleinen mit wenigen Kleidungsstücken, die syrische Flüchtlingsfamilien von Zuhause mitnehmen konnten. Von weitem ist ihr Zelt eines von vielen, ihr Schicksal eines von über zwei Millionen Menschen, die ihre Heimat seit Beginn des Konfliktes verlassen mussten. Innen sieht man Fawsa und Sadr. Eine Mutter und einen Vater von fünf Kindern, von denen drei nicht alleine laufen, nicht alleine leben können. Kinder, die sie tagelang durch die Wüste in die Sicherheit getragen haben, damit sie überleben. Eltern, die den wahrscheinlich schlimmsten Schmerz mit sich tragen müssen. Den Schmerz, ein Kind verloren zu haben, hilflos auf seinen Tod zu warten. Von außen ist es nur ein Zelt von vielen. Und doch wohnen in jedem Zelt individuelle Schicksale, die nicht in der Masse untergehen dürfen.