Jordanien: Harte Arbeit statt Schulbank

Über 550.000 Menschen sind seit Beginn des Bürgerkrieges von Syrien nach Jordanien geflohen. Viele von ihnen sind Kinder, die nun arbeiten müssen, statt in die Schule zu gehen.

Vor etwas über einem Jahr war Bader noch ein ganz normaler 15-jähriger Junge. Er ging in die 10. Klasse eines Gymnasiums, traf sich nach dem Unterricht mit seinen Freunden zum Breakdance, hatte manchmal Blödsinn im Kopf und wollte nach seinem Abschluss Englischlehrer werden.

Dann erreichten der Krieg, die Bomben, der Tod und das Feuer seine Heimatstadt Al-Hirak im Süden Syriens. Tagelang war seine Stadt unter Beschuss, eine Rakete zerstörte die Hälfte des Hauses, in dem er mit seinen Eltern, seinen zwei Schwestern und seinem Bruder lebte. Das Bekleidungsgeschäft seiner Eltern brannte fast vollständig aus, doch die Familie blieb. Aber dann kam der Tag, der für die Familie alles veränderte: Baders 17-jähriger Bruder war auf dem Weg nach Damaskus, um neue Ware für den Laden seiner Eltern zu bestellen, als er verhaftet wurde. Seither sitzt er im Gefängnis, wo genau, das weiß keiner. Baders Eltern hatten Angst, dass auch er ihnen entrissen werden könnte und flohen über Umwege ins Nachbarland Jordanien.

Sechs Tage die Woche, acht Stunden am Tag

Hier in Irbid lebt Bader jetzt mit seinem Vater, seiner Großmutter und seinen zwei Schwestern. Seine Mutter ist im Juli nach Syrien zurückgekehrt. Es hieß, ihr ältester Sohn würde aus dem Gefängnis entlassen. Vier Monate später wartet sie immer noch auf die Freilassung. Alle paar Wochen besucht sie verschiedene Krankenhäuser in der Region um Al-Hirak, hoffend, dass sie ihren Sohn nicht als einen der Toten identifizieren muss.

Wie in vielen syrischen Flüchtlingsfamilien muss der Sohn Bader nun das Überleben der Familie sichern. Sechs Tage die Woche, von 9 bis 18 Uhr reinigt Bader Vogelkäfige, füttert die Tiere und verkauft sie auf dem lokalen Markt. Er verdient umgerechnet vier Euro am Tag, 96 Euro im Monat. Damit kann die Familie etwa die Hälfte der Miete für ihre kleine Zweizimmerwohnung bezahlen. Im Moment haben sie noch ein paar Ersparnisse. Baders Vater sagt, dass das Geld noch genau für zwei Monate reicht. Und dann? „Wenn wir keine andere Möglichkeit finden, gehen wir nach Syrien zurück oder ins Zaatari-Camp.“ Der Vater selbst kann nicht arbeiten. Er ist auf der Flucht in die Zacken eines Eisenzauns gestürzt und kann sein rechtes Bein nun kaum bewegen.

Zwar darf auch Bader in Syrien nicht legal arbeiten, aber anders als für seinen Vater bedeutet ein Verstoß gegen dieses Gesetz für ihn nicht die Abschiebung. Wenn die Polizei kommt, zieht Bader die Kapuze seines schwarzen Pullis mit dem Schriftzug „Argentina“ über den Kopf, verschwindet im Getümmel des Marktes und dem Meer aus schreienden Händler, wird zu einem von tausenden bummelnden und einkaufenden Menschen.

„Das ist nicht die richtige Reihenfolge“

Bader mag seinen Job, hat einen netten Chef, liebt die Vögel und ist ein echtes Verkaufstalent. Sein Vater ist stolz auf ihn. Aber Bader vermisst seine Schule, seine Freunde, er vermisst es, zu lesen und zu lernen. „Ich arbeite, weil ich keine andere Wahl habe, weil meine Familie sonst nicht über die Runden kommt. In einer idealen Welt, wenn das Leben in Syrien noch so wäre, wie es sein sollte, würde ich erst meine Schule beenden, dann studieren, dann Vollzeit arbeiten. Nicht schon jetzt. Das ist nicht die richtige Reihenfolge.“ Sobald er zurück nach Syrien kann, sagt Bader, will er Tag und Nacht büffeln, seine Prüfungen nachholen und seinem Traum, Englischlehrer zu werden, ein Stück näher kommen. „That would be great“, sagt er auf Englisch und grinst stolz.

Nach der Arbeit trifft sich Bader mit seinen Freunden, manche von ihnen kennt er noch aus seiner Heimat. Sie machen das, was sie auch in Syrien gemacht haben: Breakdance. Auf einer der Straßen in Irbid führen sie Shows vor kleinem Publikum auf. „Die meisten Zuschauer sind syrische Flüchtlinge wie wir. Deswegen stellen wir auch keinen Hut oder eine Sammelbox auf. Wir wollen sie kostenlos unterhalten, sie glücklich machen.“

Bader hatte auch in Syrien Vögel, insgesamt 52 Brieftauben. Als er das letzte Mal mit seiner Mutter sprach, sagte sie, dass die Vögel bei jedem Bombenangriff verschwinden und dann, sobald es wieder ruhig ist, nach einigen Tagen wieder nach Hause zurückkehren. „Vögel sind an ihre Heimat, ihren Besitzer gewöhnt“, sagt Bader, und reibt sich dabei den ersten Flaum, der über seinen Lippen wächst. „Sie haben es gut. Sie müssen nicht arbeiten, können einfach zurückfliegen. Ich wünschte, es wäre auch für Menschen so einfach.“