Jordanien: Kugeln durchs Fenster

Letztes Jahr ist Abu Anas aus Syrien geflohen. Heute hilft er anderen syrischen Flüchtlingen im Flüchtlingszentrum von CARE in Amman

Abu Anas begrüßt die Neuankömmlinge mit einem warmen Lächeln. Die syrische Familie, Mutter, Vater und zwei Söhne, sind erst vor zwei Wochen hier in Amman angekommen. Als die Bombardierung unerträglich wurde, verließen sie ihre Heimat Syrien. Sie flohen in der Nacht und hatten kaum Zeit, ihr Hab und Gut zu packen. Abu Anas bringt die Familie zu einer Reihe Stühle, wo bereits mehrere syrische Familien warten. Die Söhne schauen sich neugierig um und betrachten schüchtern die vielen syrischen Flüchtlinge: Manche warten ruhig, andere drängen sich um einen kleinen Schalter. Dort registrieren Abu Anas und seine Kollegen die Neuankömmlinge, hören sich ihre Geschichten an und erklären ihnen, wie CARE sie unterstützen kann. Im Hintergrund klingelt ununterbrochen ein Telefon. Ein Freiwilliger von CARE beantwortet Anfragen und beschreibt den Weg zum Flüchtlingszentrum. Es ist ein Raum voller Flüchtlinge, die alle die Erfahrung von Gewalt und Bomben in ihren syrischen Heimatorten teilen und alles zurücklassen mussten. In einem erbitterten Konflikt haben sie ihre Angehörigen, Freunde oder Nachbarn verloren.

Seit vor zwei Jahren der Konflikt in Syrien begann, kommen täglich hunderte und häufig tausende Flüchtlinge nach Jordanien. Inzwischen haben über eine Millionen Menschen das Land verlassen. In Jordanien kommen die meisten von ihnen in den armen Vororten von Amman, Mafraq oder Irbid an. Sie geben ihre Ersparnisse für die Miete und die wichtigsten Haushaltsartikel aus und können ihre Familien kaum ernähren.

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Einige Koffer, ein wenig Erspartes
Abu Anas versteht die Menschen, die hier ankommen – er ist selber Flüchtling. „Ich habe Homs, meine Heimatstadt, vor einem Jahr verlassen. Eine Kugel flog durch das Zimmerfenster meines Sohnes, das Glas zersplitterte auf dem Boden. Zum Glück war mein Sohn nicht im Raum. In diesem Moment wusste ich, dass wir weg müssen“, sagt Abu Anas. Er, seine Frau Abir und ihre fünf Kinder kamen mit einigen Koffern voller Kleidung und ihrem wenigen Ersparten in Jordanien an. „Wir sind nach Amman gekommen, weil wir hier für ein paar Wochen bei Freunden wohnen konnten. Dann habe ich am östlichen Stadtrand eine Wohnung für uns gefunden.“    

Abu Anas‘ Familie war nun zwar in Sicherheit, aber die Gewalt verfolgte sie bis in ihre Träume. „Meine Kinder hatten schreckliche Albträume. Meine Tochter Marwa hatte so große Angst, dass sie mich nicht aus der Wohnung lassen wollte. Sie schrie und schloss die Tür ab, weil sie Angst hatte, ich könnte nicht wiederkommen. Mein jüngster Sohn näherte sich keinem Fenster. Er hatte Angst, es könnte erneut eine Kugel einschlagen“, erinnert sich Abu Anas an seine ersten Monate in Jordanien. „Trotzdem sind die Flüchtlinge, die jetzt ankommen, noch schlechter dran als wir. Es gibt in Syrien keine Arbeit mehr, sodass sie schon monatelang kein Einkommen mehr hatten. Sie haben ihr Eigentum verloren und die schlimmste Gewalt erfahren, die man sich vorstellen kann.“

Heute, ein Jahr später, lassen Marwas Albträume langsam nach. Trotzdem macht sich ihr Vater Sorgen um das Wohlbefinden seiner Familie. Er zahlt im Monat umgerechnet etwa 190 Euro Miete, aber hat keine Ersparnisse mehr. Er darf in Jordanien nicht arbeiten und kein Geld verdienen. Abu Anas hat einen Universitätsabschluss und war in Syrien Französischlehrer. „Jetzt bin ich auf die Hilfe anderer angewiesen“, sagt er. Die Hilfe von Organisationen wie CARE, des Flüchtlingswerkes der Vereinten Nationen und anderen.

Wie der Vater, so der Sohn
Freunde haben Abu Anas vom Flüchtlingszentrum von CARE erzählt. Er besuchte das große Gebäude in einem armen Vorort von Amman sofort. „Ich habe nicht nur finanzielle Unterstützung erhalten, sondern konnte mich auch als freiwilliger Helfer melden“, erzählt er. „Mein Sohn Anas und ich helfen dem CARE-Team dabei, andere Syrer zu registrieren und zu unterstützen. CARE gibt uns jeweils einen kleinen Zuschuss für Transportkosten oder andere Ausgaben.“ Als die Familie floh, stand der 18-jährige Sohn kurz vor seinem Schulabschluss. „Die Arbeit bei CARE lenkt ihn ab, aber ich mache mir Sorgen um seine Zukunft“, sagt sein Vater. Anas hört den Neuankömmlingen geduldig zu, hilft bei der Registrierung, teilt Geld und Hilfsgüter aus oder verweist auf andere Sozialeinrichtungen. Er ist ein junger, talentierter Mann, der im von Gewalt zerrissenen Syrien seine Zukunft verloren hat.

Das Zentrum ist ein Erfolg, aber es fehlt an Geld
Seitdem CARE Jordanien Ende letzten Jahres das syrische Flüchtlingszentrum  im Osten Ammans eröffnet hat, haben hier bereits mehr als 11.000 Menschen Hilfe gesucht. Sie brauchen Bargeld, um ihre Miete zu bezahlen und Haushaltsartikel zu kaufen. Und sie sind auf gesundheitliche und psychologische Unterstützung angewiesen, um ihre traumatischen Erfahrungen zu verarbeiten. Mit mehr Geldern hofft CARE, weitere Flüchtlingszentren eröffnen zu können. So könnte mehr Menschen geholfen werden, die selbstständig versuchen zu überleben.

„An manchen Tagen kommen hier ganz Busladungen mit Flüchtlingsfamilien an. Sie kommen aus anderen jordanischen Städten hierher, weil sie von Freunden und Verwandten von unserem Zentrum gehört haben”, erzählt Abu Anas. Dieser engagierte Lehrer möchte anderen helfen, seine Familie in Sicherheit wissen und seinen Kindern eine Zukunft bieten. Er ist auch ein Mann, der hin und her gerissen ist zwischen dem Überleben in einem fremden Land und der Sehnsucht nach seiner Heimat. Er baut sich ein neues Leben auf und hofft doch nach Syrien zurück zu können. „Sobald die Gewalt ein Ende nimmt, werden wir zurückgehen. Aber vorher nicht”, sagt Abu Anas mit entschlossener Stimme.

Ruba Saleh von CARE Jordanien erklärt in diesem Video, wie und warum sie und ihr Team die Bedürfnisse der syrischen Flüchtlinge einschätzen.
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