Jordanien: Leben ist das kostbarste Gut

Haleemah überlebte den Syrien-Konflikt und kämpft nun um ein sicheres Leben in Jordanien

Nach mehrfachem Klopfen öffnet sich langsam die Tür. Mit einem schüchternen Lächeln bittet Haleemah Drar Al-Ali das CARE-Team hinein. Sie sitzt auf einer dünnen Matratze, trägt ein grünes Kleid und ein lose geknotetes Kopftuch. Sie lebt mit ihrem Bruder Mohammad, seiner Frau und ihren zwei Kindern in Mafraq, im nördlichen Jordanien. Sie alle sind aus dem Dorf Dara’a geflohen. Dara‘a liegt in einer südlichen Region Syriens, in der der Konflikt vor fast zwei Jahren entflammte.

„Ich bin im August letzten Jahres nach Jordanien gekommen. Mein Dorf wurde bombardiert und soweit ich gehört habe, sind alle Häuser zerstört“, sagt Haleemah. Die 37-jährige Frau hat die Grenze eines Nachts allein überquert. Es war ein mühsamer Weg, denn sie ist behindert und kann nur mit ihrer Krücke laufen. „Seit ich ein Jahr alt bin, ist eines meiner Beine gelähmt“, erklärt sie und schaut auf die krumme Eisenkrücke, die an der Wand lehnt.

 Haleemah, ihr Bruder und seine Familie waren schon arm bevor sie nach Jordanien kamen. Als Flüchtlinge kämpfen sie ums Überleben. „Wir haben nichts. Mein Bruder hat versucht als Tagelöhner zu arbeiten, aber oft arbeitet er da zwölf Stunden am Tag und wird sehr schlecht bezahlt.“ Mohammad hatte Ende letzten Jahres einen Zusammenbruch und erholt sich nur langsam. Zur körperlich anstrengenden Arbeit und seelischen Traumata kam die tägliche Sorge um die Ernährung der Familie. Diese Last konnte er nicht mehr tragen. „Er hat in Dara’a viele Nachbarn sterben sehen“, sagt Haleemah leise. Als Mohammad seine Kraft verlor, verlor die Familie auch ihr Einkommen. „Wir konnten letzten Monat die Miete nicht bezahlen. Jetzt verlangt der Vermieter, dass wir sie sechs Monate im Voraus zahlen, aber wir haben kein Geld. Wie sollen wir das schaffen?“, fragt Haleemah verzweifelt.

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Barfuß in der Kälte

Die Familie besitzt kein einziges Möbelstück: Kein Bett, keinen Schrank, kein Sofa. Nur einige Matratzen mit Wolldecken liegen auf dem Boden. Die wurden von einer lokalen Organisation gespendet. Es ist kalt und feucht – die Realität des harten Winters in Jordanien. Ein Heizkörper kämpft gegen den Luftzug, der durch Boden und Fensterrahmen dringt. Aryam und Kalid, Haleemahs Nichte und Neffe, kauern barfuß auf dem eiskalten Boden. Sie haben Angst und erschaudern jedes Mal, wenn draußen ein Feuerwerkskörper knallt. „Es erinnert sie an die täglichen Bombardements“, sagt Haleemah.

Der syrischen Familie fehlt alles: Nahrung, Kleidung, Haushaltsartikel, Geld. Oft können sie sich kein Wasser leisten und nutzen das aus dem Wasserhahn. „Die Kinder werden krank und haben regelmäßig Durchfall“, erzählt die 37-jährige dem CARE-Team, das Mafraq besucht, um die Situation der Flüchtlinge noch besser einschätzen zu können.

Seit der Konflikt vor fast zwei Jahren ausgebrochen ist, haben Hunderttausende Syrer in Jordanien Schutz gesucht. Viele finden in Flüchtlingscamps Unterschlupf. Die meisten aber fliehen in die armen Vororte von Städten wie Amman, Irbid oder Mafraq. „Es ist schwer sich hinsichtlich der Zahlen ein umfassendes Bild der Flüchtlinge in den Städten zu machen. Doch es ist klar, dass viele von ihnen Hilfe brauchen“, sagt Ruba Saleh, Teil des CARE-Teams, das syrische Flüchtlinge unterstützt.

„Indem wir den Flüchtlingen zuhören, finden wir heraus, was sie brauchen und können unsere Nothilfe entsprechend anpassen und planen.“ Ende letzten Jahres hat CARE ein Flüchtlingszentrum im östlichen Amman eröffnet. Dort bekommen die Flüchtlinge Matratzen, Heizkörper, Decken und Bargeld, mit dem sie zum Beispiel ihre Miete bezahlen können. Mehr als 20.000 Syrer erhielten 2012 Unterstützung von CARE. Die Nachricht von CAREs Einsatz verbreitet sich wie ein Lauffeuer. Täglich kommen Flüchtlinge, die außerhalb Ammans leben und bitten um Hilfe. „Wir hoffen mit mehr Geldern ähnliche Zentren in Städten wie Mafraq eröffnen zu können“, sagt Ruba.

Obwohl Haleemah und ihre Familie auf jede Art von Hilfe angewiesen sind, sind sie glücklich zu leben. „Unser Leben ist elend und wir haben kein Geld, aber wir haben die Gewalt in Syrien überlebt. Wir sind sicher hier”, sagt ihr Bruder Mohammad traurig. Seine Frau Wala’a ist im siebten Monat schwanger. Da der Konflikt in Syrien kein Ende zu nehmen scheint, wird das Kind in Jordanien zur Welt kommen. Ein Flüchtlingskind, das in Sicherheit geboren wird. Seine Zukunft ist jedoch ungewiss.

Ruba Saleh von CARE Jordanien erklärt in diesem Video, wie und warum sie und ihr Team die Bedürfnisse der syrischen Flüchtlinge einschätzen.
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