Jordanien: Schwanger auf der Flucht

Sahab lebt mit ihrem Mann und ihrem Sohn in einem selbstgebauten Zelt in der kargen Umgebung außerhalb von Amman, Jordaniens Hauptstadt. Seit sie auf der Flucht ist, sorgt sie sich um das Wohlergehen ihrer Familie.

Eine dreiviertel Stunde Fahrt vom Zentrum der Hauptstadt Amman entfernt schlängelt sich eine holprige Straße durch karges, helles Land. Gegenüber von stählernen Fabriken, deren Abgas sich mit kleinen weißen Wolken zu hellgrauen Bällen am Himmel vermischt, erstreckt sich ein Meer von Zelten. Hölzerne und gusseiserne Stäbe stützen weiße Plastikplanen, von denen die Sonne grell reflektiert. Vor den Zelten spielen Kinder neben großen Fässern voller Regenwasser, rostigen Käfigen mit Hühnern, Ziegen und kleinen brennenden Müllhaufen. In einem dieser Zelte sitzt die 24jährige Sahab auf einer dünnen, braunen Matratze. Der Wind reißt die Plastikplane an den Ecken wie einen Vorhang auf, lässt die Glühbirne aufflackern, die an der Zeltdecke baumelt. Sahabs blaues Kopftuch legt ihr Gesicht frei, die dunklen Schatten unter ihren Augen, die tiefe Furche auf ihrer Stirn. Spuren monatelanger Flucht und Sorge.

Kugeln haben ihre Träume in der Luft zerschossen

Ihre eine Hand streicht über die Haare ihres anderthalbjährigen Sohnes Mohamed, ihre andere Hand ruht auf ihrem Bauch, der von einem lila Kleid bedeckt ist. Sahab ist im sechsten Monat schwanger, im Januar erwartet sie einen kleinen Jungen. „Ich werde in diesem Zelt meine Kinder großziehen“, sagt sie, als müsse sie sich selbst davon überzeugen. Sie fügt leise hinzu: „Das hier darf nicht die Zukunft sein, die ich meinem ungeborenen Sohn bieten kann.“ Ihr Mann Ali holt sein Handy aus der Tasche seines langen, braunen Gewandes und zeigt das Bild eines kleinen Hauses, um das herum Olivenbäume stehen und Schafe grasen. Dann, ein weiteres Bild desselben Hauses. Schwarzer Ruß an den noch stehenden Außenwänden, Geröll und Stein, eine Ruine, gefüllt mit Überbleibseln von Möbeln, Kleidern, Erinnerungen an ein Leben, das die Bomben innerhalb von Sekunden zerstört haben. Kugeln haben ihre Träume in der Luft zerschossen und in Straßengräben hinter sich gelassen. Sabah, Ali und ihr kleiner Sohn verließen ihre Heimat Hamam, flohen nach Jordanien. Sabah zeigt durch den Zelteingang über die anderen Zeltdächer hinweg auf eine hochgeschossene Mietbaracke, etwa 100 Meter entfernt. „Da haben wir zuerst gewohnt. Aber 150 Euro Miete und weitere 50 Euro für Wasser und Strom konnten wir nicht lange von unseren Ersparnissen zahlen.“

Ali beschloss, der Familie eine neue Unterkunft zu bauen, für die sie nicht jeden Monat Miete zahlen müssen, ein bisschen Sicherheit in der Fremde zu schaffen. Der 26jährige nahm einen Kredit auf, kaufte Plastikplanen und Stäbe, sammelte Holzplatten, Styropor und Pappe auf einer Mülldeponie in der Nähe. Einen Monat später stand ihr Zelt, damals das fünfte auf dem sandigen Schuttplatz, auf dem heute, ein paar Monate später etwa 100 Zelte stehen. Mit ihnen in dem etwa 15 Quadratmeter großen Zelt schlafen Alis sieben Geschwister und seine Mutter. „Sie ist hier verrückt geworden“, sagt Ali, der in Syrien studiert hat. Alis Vater ist noch in Syrien. Er wartet. Wartet seit über einem Jahr darauf, dass sein 20jähriger Sohn aus dem Gefängnis freigelassen wird. „Meine Mutter glaubt, dass mein Bruder gar nicht mehr lebt. Mein Vater aber macht sich jeden Tag auf den Weg zum Gefängnis, um ihn abzuholen. Aber er kehrt alleine zurück.“

Die Kälte lässt auch Hoffnungen einfrieren

Ali und seine zwei 13- und 14-jährigen Brüder arbeiten auf einem Großmarkt. Sie packen Kisten, hieven Kartons auf die Ladeflächen der LKWs, die die Ware in die Supermärkte der Region bringen. Etwa fünf Euro verdienen sie so durchschnittlich am Tag. Geld, von dem Sahab vor allem Medikamente und Nahrungsmittel kauft. Ihr Sohn, Mohamed, ist ständig krank, hat hohes Fieber. „Der Staub lässt ihn husten und die Flugzeuge lassen ihn zusammenschrecken. Ich mache mir Sorgen um seinen Körper, aber vor allem um seine Seele. Er spielt nicht, wie Kinder spielen sollten. Er isst nicht, wie Kinder essen sollten. Er hat keine Zukunft, wie sie Kinder haben sollten.“ Sahab selbst ist ständig schlecht, die Schwangerschaft schwächt sie. Vor einigen Wochen hat Ali sich und seine Familie im Flüchtlingszentrum von CARE im Amman registriert, damit er und seine Familie den kommenden Winter überstehen. „Wir haben keine Decken oder Heizung, um uns zu schützen, keine warme Kleidung.“ Mit den kälter werdenden Temperaturen, die in Jordanien die Null-Grad-Marke knacken, friert auch Sahabs Hoffnung ein. Die Hoffnung einer Mutter, ihren Kindern Sicherheit und Gesundheit bieten zu können. Die Hoffnung, ihr ungeborenes Kind in Syrien und nicht auf der Flucht zur Welt zu bringen, die Hoffnung, ihre Kinder in ihrer Heimat großzuziehen.