Jordanien: Wenn der Lohn zum Leben nicht reicht

Zehn Stunden Arbeit für einen Hungerlohn, acht Kinder, ständig Hunger: Wie überlebt Sana?

Ein vollbesetzter Minibus schlängelt sich eine malerische Bergstraße hinauf. Am Rand sind wunderschöne alte Olivenhaine zu sehen. Sana sitzt ruhig hinter einer der abgedunkelten Scheiben eines großen Fahrzeugs. Ihr Blick schweift über die Landschaft. Doch schon lange lösen die Felder keinerlei Ehrfurcht oder Faszination mehr in ihr aus, fast täglich legt sie die Strecke noch vor Sonnenaufgang zurück. Ist der Weg hinauf geschafft, erwartet die 36-jährige ein langer und anstrengender Tag. Sie ist eine von 15 überwiegend syrischen Flüchtlingen, die Arbeit auf einer Oliven-Plantage im Norden von Jordanien gefunden hat. „Um auf die Plantage zu kommen, muss ich einen privaten Bus nehmen, für den ich pro Fahrt einen Euro bezahle. Der Busfahrer versteckt uns hinter den dunklen Fenstern, damit uns die Polizei nicht sehen kann“, erklärt Sana.

In Jordanien erhalten Flüchtlinge aus Syrien keine Arbeitserlaubnis. Flüchtlinge, die dennoch arbeiten, riskieren von der Polizei erfasst, bestraft und im schlimmsten Fall zurück nach Syrien geschickt zu werden. Ein Risiko, das trotzdem viele eingehen, da es häufig der einzige Weg für sie ist, ihre Familie und sich selbst versorgen zu können.

Als alleinerziehende Mutter von acht Kindern bleibt auch Sana keine andere Wahl, sie arbeitet ohne eine Erlaubnis dafür zu haben. Doch obwohl sie fünf Tage die Woche als Olivenpflückerin auf dem Feld steht, kommt sie mit ihrem Lohn kaum über die Runden. „Ich arbeite wie ein Sklave, komme nach Hause und schlafe wie ein Stein“, beschreibt Sana ihren Tagesablauf. „Eigentlich bekomme ich etwa 7,50 Euro am Tag, doch wir hören auf zu pflücken, wenn es regnet und dann bekomme ich nur zwei bis drei Euro gezahlt.“ Eine dürftige Entlohnung für zehn Stunden harte, körperliche Arbeit unter dem ständigen Druck, immer mehr und immer schneller zu pflücken. Wie wertvoll sie als Arbeiterin ist, wird an den Olivensäcken gemessen, die sie am Tag füllt. Was sie und ihre Kinder auf den Teller bekommen, hängt also direkt von ihrer Schnelligkeit und der Kraft ihres Körpers ab. „Wir essen nur zwei Mal am Tag“, erklärt sie, „meine Kinder kennen den Geschmack von abwechslungsreichem, gutem Essen nicht. Ab und an leisten wir uns ein bisschen Hühnerfleisch, aber nur, wenn wir Lebensmittelgutscheine bekommen. Ehrlich gesagt kann ich mich aber gar nicht mehr daran erinnern, wann wir zuletzt welche erhalten haben.“

Bildung bestimmt die Zukunft

Von CARE hat Sana Bargeldhilfen in Höhe von insgesamt 235 Euro bekommen. Von dem Geld zahlt sie ihre Miete, Betriebskosten für einen kleinen Heizkörper und das Schulgeld ihres Sohnes. Dennoch lebt Sana mit ihren Kindern in misslichen Verhältnissen. Der Raum, in dem die neunköpfige Familie schläft, dient ihnen gleichzeitig als Küche, Esszimmer und Wohnzimmer. Um zur Toilette zu gelangen, müssen sie einen kleinen Hof überqueren. „Manchmal“, setzt Sana an, „nehme ich Loaj, 11, mit zur Arbeit, nur damit ich ihn von der Straße fernhalten kann. Denn dort gerät er oft in Schwierigkeiten.“

Während Sana arbeitet, passt die 15-jährige Fedaa auf ihre Geschwister auf. Da Sana nicht lesen und schreiben kann, ist es Fedaa, die ihnen bei den Hausaufgaben hilft. Ihr Bruder Qusai kann seit Kurzem dank bildungsgebundenen Bargeldhilfen von CARE wieder zur Schule gehen. In Syrien hat auch Fedaa die siebte Klasse besucht, doch heute ist sie zu wichtig in ihrer Rolle als Hausfrau und Mutterersatz. Wenn sie neben ihren Pflichten im Haushalt etwas Zeit findet, hilft sie auf der Olivenplantage aus. 

Eine schwierige Situation für Sana: „Ich bete jeden Morgen dafür, dass wir sicher nach Syrien zurückkehren und meine Kinder unter besseren Bedingungen als hier in Jordanien aufwachsen.“ Ihr ist die Bedeutung guter Bildung bewusst, gerade jetzt, wo sie alleine für ihre Familie sorgen muss. Mit CAREs Hilfe wurde sie auf eine Organisation aufmerksam, die Erwachsenen das Lesen und Schreiben beibringt. „Ich möchte in der Lage sein, Wörter zu erkennen“, sagt sie. „Ich möchte meinen Kindern bei den Hausaufgaben helfen und eine bessere Arbeit finden. Wir haben jetzt mit den Zahlen und dem Alphabet angefangen.“