Jordanien: Wenn Schule Frieden und zu Hause bleiben Krieg bedeutet

Zeinab und Farsidheh flohen mit ihren Familien aus Syrien nach Jordanien. Die beiden 15-jährigen verpassten drei Jahre Schulunterricht, doch sie gaben nicht auf und sitzen nun endlich wieder auf der Schulbank.

Können wir es wagen oder nicht? Wird wieder geschossen? Sind die Panzer weggerollt, die Flugzeuge mit ihren Bomben außer Reichweite? Fragen, die sich Zeinab und Farsidheh fast zwei Jahre lang jeden Morgen vor der Schule stellen mussten. „Meistens sind wir zu Hause geblieben. Es war einfach zu gefährlich“, erklären die Cousinen, die heute beide 15 Jahre alt sind. Als ihr Haus in Daraa im Südwesten Syriens bei schweren Angriffen bis auf die Grundmauern niederbrannte war auch zu Hause bleiben keine Option mehr. Zusammen mit ihren Familien flüchteten sie vor dem Krieg in Syrien ins Nachbarland Jordanien. Fast ein Jahr lang gingen Zeinab und Farsidheh nicht zur Schule. „Am Anfang haben wir überhaupt gar nicht daran gedacht, hier zur Schule zu gehen. Wir waren fest davon überzeugt, dass wir ganz bald wieder zurück nach Hause, in unsere alte Schule können“, sagt Farsidheh, ihr sanftes Gesicht mit ihren haselnussbraunen Augen umrandet von einem weißen Kopftuch. „Aber der Krieg ging weiter, wurde immer schlimmer. Wir wollten, dass unsere Töchter in Freiheit leben können, mit allen Chancen, die das Leben bietet“, erklärt Siham, Zeinabs Stiefmutter.

„Manchmal tut es auch weh, zur Schule zu gehen“

Sieben Schulen wiesen die Mädchen ab. „Entweder hatten wir nicht die richtigen Dokumente oder die Schulen waren bereits randlos überfüllt, die Wartelisten voll“, erklärt Siham. Die Schule, die sie schließlich aufnahm, ist über eine Stunde Fußmarsch von ihrer neuen Bleibe entfernt. "Ich wollte meine Tochter nicht so weit alleine gehen lassen. Ich habe Angst um sie, sie kennt sich hier nicht aus“, sagt Siham mit ihrer kraftvollen Reibeisenstimme, die eigentlich klingt, als könne sie jeden mit ihrem Klang in die Flucht schlagen. Umgerechnet 30 Euro im Monat kostet es eine Familie in Jordanien durchschnittlich, ein Kind mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Schule zu schicken, Schulhefte und Stifte zu kaufen. Geld, das Sihams Familie nach einem Jahr Flucht nicht mehr hat. Aber Zeinab und Farsidheh, die in ihrer Schule in Syrien Tischnachbarinnen waren, wollten nicht aufgeben. Zusammen mit anderen syrischen Flüchtlingsmädchen und Müttern in der Nachbarschaft beschlossen sie, sich einen eigenen Bus zu mieten. Einen kleinen Bus, den sich die Mütter leisten, dessen Kosten sie durch insgesamt 20 Mädchen teilen können.

Nach fast drei Jahren gehen Farsidheh und Zeinab jetzt seit einigen Wochen wieder zur Schule. Ein Jahr müssen sie nachholen. „Es ist mir egal, dass fast alle jünger sind als ich“, sagt Zeinab. „Ich möchte meinen Abschluss machen.“ Die letzten vier Wochen waren für die beiden Mädchen nicht einfach. Um den Stoff aufzuholen, sitzen sie nach der Schule bis Mitternacht über ihren Büchern, stehen um sechs Uhr auf, um noch eine Stunde vor der Schule ihre Hausaufgaben zu Ende zu machen. „Die Fächer hier sind anders, und über jordanische Geschichte oder Geographie wusste ich vorher nichts“, erklärt Zeinab. „Manchmal tut es auch weh, zur Schule zu gehen“, sagt Farsidheh. „Sie erinnert mich an meine Freunde in Syrien, meine Lehrer, den Schulweg.“ Diese unbeschwerte Zeit ist nur noch eine Erinnerung. Von ihren Freundinnen haben sie seit über einem Jahr kein Lebenszeichen mehr gehört. „Wenigstens ist Zeinab wieder in der gleichen Klasse wie ich. Aber in Jordanien kann mich Zeinab nur von hinten sehen, weil sie viel größer ist als ich.“ Wie in vielen jordanischen Klassenzimmern lernen mit Zeinab und Farsidheh fast 50 andere Schulkinder – viele von ihnen syrische Flüchtlingskinder. Damit alle sehen können sitzen die größeren Schüler hinten, die kleineren vorne.

„Ich möchte ein Medikament erfinden, das gegen Traurigkeit hilft“

Zeinab und Farsidheh träumen davon, Apothekerin und Ärztin zu werden. „Ich habe so viele Menschen leiden gesehen, ich will Lösungen anbieten, helfen können. Mich nicht mehr so machtlos fühlen“, erklärt Farsidheh ihren Berufswunsch. „Und ich möchte ein Medikament erfinden, das gegen Traurigkeit hilft“, sagt Zeinab.

Für ihre Brüder Ahmed und Basim ist der Traum von Bildung erst einmal ausgeträumt. Sie mussten ihr Ingenieurs- und Jurastudium gegen Schubkarrenfahren und Steine schleppen auf Baustellen tauschen, um die Familie zu finanzieren. „Sie haben ihre Zukunft verloren. Wie kann man etwas verlieren, was eigentlich noch vor einem liegt?“ sagt Siham, und fängt leise an zu weinen.

Wie lange Zeinab und Farsidheh noch zur Schule gehen, ihre Familien sich den Schulbus leisten können, steht allerdings in den Sternen. Der Winter kommt, die Familie braucht Geld für warme Decken und Heizungen, die Baustellen, auf denen die Brüder arbeiten, machen Winterpause. Vor einigen Wochen haben Zeinabs und Farsidhehs Familien sich im Flüchtlingszentrum von CARE registriert, um mit Bargeld unterstützt zu werden und ihre Töchter nicht aus der Schule nehmen zu müssen. „Wir müssen rund 200 Euro Miete im Monat zahlen, dazu kommen Wasser, Nahrungsmittel und Medikamente. Schule ist wichtig, sehr wichtig. Aber ohne sie verhungern, verdursten oder erfrieren wir wenigstens nicht.“