Kawkab – oder der Stern der Gastfreundschaft

In Irbid leben Jordanier mit mehr als 120.000 syrischen Flüchtlingen zusammen. Die Jordanierin Kawkab ist eine von ihnen und berichtet zum Opferfest Eid al-Adha, wie sie Unterstützung leistet.

Die Stadt Irbid im Norden Jordaniens hat sich heute schick gemacht: Es ist der erste Tag von Eid al-Adha, dem wichtigsten Fest für die rund 1,4 Milliarden Muslime weltweit. Die Jungen tragen Pullunder, die Mädchen adrette Kleidchen mit Strumpfhosen, die Väter Anzüge mit Hemden und Frauen die traditionelle Thoub. An den Straßenrändern drängen sich hunderte von Schafen und warten auf ihren Käufer. Traditionell wird während des Festes ein Tier geschlachtet, ihr Fleisch wird dann mit Freunden und Verwandten, aber auch mit den Armen und Hungrigen geteilt. Im Radio mahnt der Moderator vor allem auch an die syrischen Nachbarn in Not zu denken, mit ihnen zu teilen und ihnen etwas Wärme und Gastfreundschaft fernab der Heimat zu schenken.

Der 50jährigen Kawkab Ababneh muss das keiner sagen. Noch am selben Tag, als die ersten Mitglieder der syrischen Flüchtlingsfamilie neben ihr einzogen, klopfte sie an ihre Tür, stellte sich vor, bot ihre Hilfe an. „Ich erinnere mich noch gut, wie sie sagten, dass sie nicht lange bleiben werden. Dass sie planen, morgen, spätestens übermorgen wieder in die Stadt Dar’aa, nach Hause zurückzukehren“, erzählt Kawkab. „Das ganze erste Jahr lebten sie aus dem Koffer, meldeten ihre Kinder nicht in der Schule an, waren immer auf Abruf, bereit, jederzeit aufzubrechen.“ Kawkab hat sie ermutigt, die Kinder anzumelden, aus der Wartezeit keine vertane, verlorene Zeit zu machen. Als der Schulleiter die Kinder nicht aufnehmen wollte, weil ihre Zeugnisse unter Schutt und Asche in ihrer Schule in Syrien begraben lagen und sie sie nicht vorweisen konnten, ist Kawkab schnurstracks in sein Büro marschiert, hat erfolgreich Druck gemacht. Sie ist mit der Familie zu Behörden gegangen, hat ihnen mit Wasserkanistern und Küchengeräten ausgeholfen. Vor allem aber hat sie ihnen das Gefühl gegeben, willkommen zu sein, einen Freund, eine Familie, eine Stütze in der Fremde zu haben.

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Heute feiert Kawkab bereits das zweite Eid-Fest mit der Familie, einige spärliche Möbel haben sie erst vor ein paar Monaten aufgestellt. Die Koffer sind immer noch gepackt, zur Rückkehr allzeit vorbereitet. Während Kawkabs Besuchen geht es irgendwann immer auch um Syrien, über Familienmitglieder und Freunde, die umgekommen sind, um zerstörte Häuser, zerbombte Geschäfte, geplatzte Träume und die verlorene Zukunft. „Ihr Leben besteht nur noch aus Erinnerungen, ihren Lebensantrieb ziehen sie aus der Hoffnung, wieder zurückzugehen, ihre Freunde, ihre Familie, ihre Heimat wiederzusehen“, erklärt Kawkab.

Auch oder vor allem an diesem hohen Feiertag erzählt die Familie Kawkab von Syrien. Von ihren Traditionen, wie sie am Morgen Brot gebacken, ihr Haus dekoriert haben, mit Verwandten und Bekannten zusammengetroffen sind. Heute können sie mit denjenigen, die noch leben, nur über Handy Kontakt halten. Die Nachrichten sind selten gut. Ein Bruder wurde verhaftet, eine Tochter hat ihr ungeborenes Kind verloren, nachdem ein Mann neben ihr erschossen wurde. Aber „Eid Kibir“, wie der Feiertag auch genannt wird, soll von „größter Freude“ sein, wenigstens für die Kinder haben die Mütter deswegen kleine Plastikhüte und Flummis gekauft und versuchen, ihnen etwas Normalität und Freude zu geben.

„Kawkabs Freundschaft und Unterstützung bedeutet uns sehr viel, sie hilft uns, diese schweren Zeiten durchzustehen“, sagt Samiha, eine der insgesamt 21 syrischen Flüchtlinge, die neben Kawkab leben. „Ich helfe einfach gerne“, winkt Kawkab ab. Es sind Menschen wie Kawkab, die mit ihrer Großzügigkeit und Gastfreundschaft die Flüchtlingskrise in Jordanien nicht zu einer noch größeren Katastrophe werden lassen. Die, obwohl sie selbst durch den Flüchtlingsstrom mit höheren Mieten und Preisen, überfüllten Schulklassen und Krankenhäusern zu kämpfen haben, alles tun, um die über eine halbe Millionen syrischen Flüchtlinge zu unterstützen. Und das alles in einem Land, das selbst nur sechs Millionen Einwohner hat und in der Vergangenheit bereits zehntausende irakische und palästinensische Flüchtlinge aufnahm. „Wo sollen die Kinder, Mütter und Väter denn sonst hin?“ fragt Kawkab. „Ich kann mir kaum vorstellen, wie es ist, alles hinter sich lassen und fliehen zu müssen. Wenn ich dieses Leid wenigstens etwas mildern kann, dann bin ich glücklich.“ Ob Kawkabs Gastfreundschaft auch ein bisschen etwas mit ihrem Namen zu tun hat? Aus dem Arabischen übersetzt heißt Kawkab „Stern“. Für die Nachbarschaft leuchtet er jedenfalls sehr hell. Spenden Sie jetzt online!