Kenia: Von Nanighi zu Youtube

CARE hilft Dorfgemeinschaften in Kenia dabei, sich auf längere Dürren besser vorzubereiten und sich an die klimatischen Veränderungen anzupassen

Die Frauen in dem Dorf Nanighi im Nordosten Kenias haben viel zum Thema Dürre zu sagen. Aber häufig werden sie überhört. Wenn sie unter sich sind, sprechen die Frauen dagegen offen: Über hungrige Kinder in ihren Dörfern, über Rinder, die verdursten, bevor sie zum Marktplatz kommen und darüber, wie sie ihre Familien und Nachbarschaften verlassen müssen, um anderswo Geld zu verdienen. 

Im Sommer 2011 rissen die schlechten Nachrichten aus dem Horn von Afrika nicht ab: Kenia, Somalia und Äthiopien waren von einer der schlimmsten Dürren seit 60 Jahren betroffen, über 12 Millionen Menschen benötigten humanitäre Hilfe.  Allein in Kenia litten 2,4 Millionen Menschen unter dem ausbleibenden Regen, der Wasserknappheit und den ausgetrockneten Böden. CARE arbeitet bereits seit Jahrzehnten im Nordosten des Landes, um die Gemeinden in der Vorsorge gegen Dürre zu unterstützen. Das „Adaption Learning Programme for Africa“ läuft über fünf Jahre und hilft Dorfgemeinschaften, sich besser an den Klimawandel anzupassen. 

Zurück nach Nanighi: CARE hilft den Frauen dabei, dass ihre Stimmen auch gehört werden – nicht nur, weil sie die Auswirkungen des Klimawandels am eigenen Leib spüren und beschreiben können. Sondern auch, damit in der Gemeinde, vor allem bei den Männern, ein größeres Bewusstsein für die Sorgen der Frauen geschaffen wird. Gemeinsam mit CARE-Mitarbeitern und lokalen Journalisten entsteht ein Fotoprojekt. Zuhören, dokumentieren, auswerten – all das gehört dazu, wenn man den Ärmsten der Armen bei der Anpassung an den Klimawandel beistehen will. 

Die Geschichten der Frauen bauen auf Diskussionen mit der Dorfgemeinde auf. Was sind die schlimmsten, sichtbarsten Auswirkungen des Klimawandels? Wie betreffen sie wen in der Gemeinde? Natürlich können lokale Behörden und Hilfsorganisationen eine Menge technischer Unterstützung leisten, Pläne erarbeiten und Vorschläge machen. Aber die besten, am engsten an die Realität in Nanighi gebundenen Ideen kommen von den Menschen selbst.

CARE lässt drei Gruppen ihre Geschichten erzählen: Frauen, ältere und jüngere Männer. Jeder von ihnen ist auf eigene Weise von der Dürre betroffen. Die Frauen leiden besonders unter dem Sterben der Viehherden und den Krankheiten, die durch die Dürre ausgelöst werden. Sie befürchten, dass sich die Dürre im Nordosten Kenias ausdehnt und verschlimmert. Ihre Geschichten zeigen aber auch, wie sie die Probleme angehen: Sie gründen Spargemeinschaften, so genannte „Karussells“. Damit können sie ihre wirtschaftlichen Aktivitäten, zum Beispiel das Fertigen von Matten, den Verkauf von Tee oder die kleinen Gemischtwarenstände gegenseitig unterstützen.

 Jede Geschichte ist es wert, erzählt zu werden. Um den verschiedenen Stimmen gerecht zu werden, wurden lokale Journalisten und die Mitarbeiter von CARE technisch geschult. Die Dorfbewohner arbeiteten mit ihnen in einem zwei Tage dauernden Workshop, um zu entscheiden, welche Lösungsansätze es gibt. Auch für die lokalen Journalisten war das wichtig. Vieles davon war ihnen vorher gar nicht bewusst.

„Ich habe gesehen, dass die Gemeinschaft sich nicht einfach mit den Veränderungen abfindet, sondern versucht, sich anzupassen“, erzählt Abdisalan Ahmed von Standard Media. „Ich dachte immer, CARE hilft nur im Krisenfall. Aber hier sehe ich, dass schon lange mit den Gemeinden gearbeitet wurde, damit sie sich selbst helfen können.“

Nachdem die Geschichten der Gemeinschaft erzählt waren, kehrten die Journalisten und die Mitarbeiter von CARE zum Dorf Nanighi zurück, um die Schilderungen aus den Geschichten mit den Frauen- und Männergruppen zu fotografieren. Jede Gruppe durfte sich aussuchen, was mit der Kamera festgehalten wurde. Die Frauengruppe entschied sich dazu, die Unterernährung der Kinder und kranke Tiere abzulichten, um zu zeigen, wie hart die Situation ist. Sie wollten aber auch ihre Geschäftsinitiativen wie den Milchverkauf zeigen, um mehr Unterstützung dafür zu bekommen. 
 
 Zusammen mit den Journalisten arbeiteten die CARE-Mitarbeiter das Material zu Videos und Texten aus und präsentierten den Geschichtenerzählern und den Dorfvorstehern dann die fertigen Filme. „Manche Frauen fühlen sich nicht ganz wohl, weil sie normalerweise bei Dorfversammlungen nicht sprechen. Deswegen wollten wir die Männer eigentlich bitten, die Versammlung nach der Präsentation ihrer Videos zu verlassen“, berichtet Tamara Plush vom Klimawandel-Team von CARE. „Aber die älteren Männer waren anderer Meinung. Sie wollten die Frauen anhören, da sie doch Teil der Gemeinschaft seien. Das war ein starkes Zeichen und man konnte den Stolz auf den Gesichtern der Frauen sehen. 

Nachdem der Film gezeigt wurde, entschieden die Frauen nicht nur, dass der Film in zukünftigen Versammlungen wieder gezeigt werden kann, sondern auch, dass ihre Geschichte überall erzählt werden darf. Auch in anderen Dörfern, in denen CARE arbeitet, auch den kenianischen Politikern und der ganzen Welt – damit alle sehen, welche Auswirkungen der Klimawandel auf sie hat. Von Nanighi zu Youtube. Und damit hinaus in die ganze Welt.

 
 „Wir wissen jetzt, dass wir unsere Eindrücke und Sorgen ausdrücken und mit der Gemeinde teilen müssen“, berichtet die 29-jährige Asha Klas Abdullahi. „Auch die Älteren im Dorf schätzen uns jetzt mehr. Das gibt uns wiederum mehr Selbstvertrauen, unsere Geschichten zu erzählen." Veränderung fängt mit Kommunikation an. Das haben die Frauen von Nanighi eindrucksvoll bewiesen.