Kirgisistan: „Wie sollen wir Frieden finden?“

Nach dem Gewaltausbruch im Juni liegen viele Wunden offen

Der Ausbruch gewalttätiger Ausschreitungen in Kirgisistan Anfang Juni hat zerstörte Häuser, verlorenen Besitz und traumatisierte Menschen zurückgelassen. Bei den Kämpfen zwischen usbekischen und kirgisischen Gruppen starben mehr als 300 Menschen, rund 400.000 Einwohner sind vor der Gewalt geflohen. Viele haben alles verloren, was sie besaßen.

In Osch, einer Stadt an der Grenze zu Usbekistan, brannten rund 2000 Häuser bis auf die Grundmauern nieder. Viele weitere Häuser sind teilweise beschädigt, aber kaum mehr bewohnbar. Die Bewohner sind zu Freunden und Bekannten geflohen, um dort Unterschlupf zu finden. Manche Familien nahmen 50 Vertriebene oder mehr auf und gaben ihnen Schutz. Obwohl sich das Leben in Osch wieder normalisiert, viele Märkte wieder geöffnet haben und Lebensmittel verkaufen, so haben die Einwohner noch immer Angst, ihre Häuser zu verlassen und zur Arbeit zu gehen. In einigen Stadtvierteln sind noch immer Barrikaden zu sehen, meist aus Autoreifen, Gartentoren oder Baumstämmen eiligst zusammengestellt, hinter denen sich die Bewohner zu schützen versuchen. Das Misstrauen zwischen beiden Bevölkerungsteilen, Usbeken als auch Kirgisen, ist hoch. Die Wunden der Gewalt sitzen tief.

Tränen der Großmutter

„Ich glaube an nichts mehr“, sagt die 87-jährige Usbekin Sharapakhan Adamalieva. „Ich habe meinen Laden verloren, er brannte vollständig aus. Was soll ich nun machen? Ich habe niemanden, der mich unterstützt.“ Die Großmutter von 30 Enkeln beginnt zu weinen. „Ich habe Angst. Mein Leben hat sich auf den Kopf gestellt.” Sie sitzt zusammen mit drei Frauen in einem schattigen Hinterhof. Eine der Frauen umarmt Sharapakhan Adamalieva ruhig und fest, während sie spricht. Alle vier haben geflohene Verwandte und Freunde aufgenommen. Die 60-jährige Abulfazieva Aigul beherbergt fünf Verwandte, unter ihnen Ilias, ein kleiner Junge im roten T-Shirt. „Wenn die Schule wieder beginnt im September, werde ich nicht hingehen können“, sagt der 11-jährige traurig. „Unser Haus wurde zerstört. Ich habe keine Schulbücher und keine Schulmaterialien mehr.“  

CARE hat ein Untersuchungsteam nach Kirgisistan entsendet, das bereits im Land arbeitende Hilfsorganisationen unterstützt. Zudem übergab das Team Wasserreinigungstabletten an eine Partnerorganisation zur Reinigung verschmutzen Wassers. Doch es wird lange dauern, bis die Wunden in Osch wieder verheilt sind. „Wir haben Angst. Wir trauen niemandem mehr“, sagt Abulfazieva Aigul. „Wie sollen wir jemals wieder Frieden finden?“.

 

Lesen Sie hier den Blog von CARE-Mitarbeiterin Sandra Bulling aus Kirgisistan.