Kongo: „Ich werde anderen Frauen davon erzählen"

Vergewaltigungen sind in der Demokratischen Republik Kongo zur Zeit keine Seltenheit. Viele Frauen trauen sich nicht, über ihre schrecklichen Erlebnisse zu sprechen.

„Mein Mann hat mich verlassen. Er hat gehört, dass ich vergewaltigt worden bin. Er wird nie wieder zu mir zurückkommen.“ Marie hat sieben Kinder und ist mit einem achten schwanger. Sie sitzt aufrecht während sie spricht, ihr Blick ruht fest auf ihren Zuhörern. „Mein Mann ist in den Norden nach Bunia gegangen. Dort sucht er nach Arbeit, um die Kinder zu ernähren. Ich habe versucht geheim zu halten, was mir passiert ist. Das versuche ich immer noch, aber irgendjemand hat es ihm erzählt.“
Im Norden des Kongos werden Mädchen und Frauen jeden Tag Opfer sexueller Gewalt. Aber geredet wird hierüber nicht. Frauen werden von ihren Ehemännern, Familien und Gemeinden diskriminiert und gemieden, wenn sie vergewaltigt werden. Sie denken, dass sie Schande über die Gemeinschaft bringen.
Marie und ihre Familie wurden – wie insgesamt fast 130.000 Menschen – aus ihrem Zuhause vertrieben. Marie musste nicht zum ersten Mal fliehen: Bereits im August wurde sie aus ihrem Heimatdorf Ngungu in der Region Masisi vertrieben, weil sich dort verschiedene bewaffnete Gruppen bekämpften und die umliegenden Dörfer angriffen. Sie suchte in einem Flüchtlingslager in Goma, der Hauptstadt Nord-Kivus, Zuflucht. Aber Sicherheit fand sie hier nicht:

 

Viele Frauen schämen sich, über ihre Vergewaltigung zu sprechen

„Ich habe das Lager verlassen, um Holz zu suchen, mit dem ich eine Hütte bauen wollte. Zwei Männer kamen zu mir und wollten mein Buschmesser haben. Sie haben sich das Messer genommen und dann haben sie mich vergewaltigt.“ Marie wurde von beiden Männern vergewaltigt, erzählt sie mit klarer Stimme. Dabei hat sie den Blick immer noch fest auf ihre Zuhörer gerichtet, ihre Hände ruhen in ihrem Schoß.
Die Vergewaltigungen laufen immer nach dem gleichen Muster ab: Frauen und Mädchen werden gezwungen, ihre Lager oder Dörfer zu verlassen, um Holz zu sammeln. Sie müssen dafür oft weite Strecken alleine zurücklegen. Gegen bewaffnete Männer sind sie wehrlos.
Lange Zeit hat sich Marie zu sehr geschämt, um über ihre Vergewaltigung zu sprechen. Sie hat immer noch Unterleibsschmerzen. Sie ist erst vier Monate nach dem Überfall zu einem Arzt gegangen. Aber da war es schon zu spät für eine Postexpositionsprophylaxe, die das Risiko einer HIV-Infektion hätte verringern können. Die Tabletten müssen innerhalb von 72 Stunden nach einem Risikokontakt eingenommen werden, um zu wirken.

Wunsch nach wirtschaftlicher Unabhängigkeit

Im November kam es zu erneuten Gewaltausbrüchen und Marie musste wieder fliehen. Sie verließ das Lager in Goma und suchte Schutz bei Verwandten in Minova, einer Stadt 30 Kilometer südlich von Goma. Vor ein paar Tagen kam sie nach Goma zurück, aber nur mit ihrem jüngsten Sohn. Ihre anderen sechs Kinder musste sie in Mineva zurücklassen, da sie nicht genug Geld hatte, um für sie alle Tickets zu kaufen. Als sie ins Flüchtlingslager zurückkam, war ihre Hütte zerstört. „Ich habe Angst Holz für eine neue Hütte zu sammeln.“ Jetzt hat sie vorerst eine Notunterkunft in einer Schule gefunden. Die Klassenzimmer sind total überfüllt, in einen Raum quetschen sich bis zu 300 Menschen.
Trotz ihrer verzweifelten Situation hat Marie einen Plan: „Ich warte auf die Essensausgabe. Ich werde das Essen verkaufen und mit dem Geld werde ich meinen Kindern ein Ticket kaufen.“ Marie verdient sich etwas Geld für Essen mit Feldarbeit.
CARE International arbeitet zusammen mit dem internationalen Flüchtlingskomitee in drei Flüchtlingslagern in der Nähe von Goma. Sie bieten Schulungen an, in denen Gemeindearbeiter lernen, wie sie sexuelle Übergriffe verhindern und den Opfern helfen können. Diese Gemeindearbeiter organisieren Veranstaltungen und versuchen, das Tabu der Vergewaltigungen zu brechen. Sie informieren so viele Menschen wie möglich darüber, dass die Frauen nicht an den Übergriffen Schuld sind. Sie sprechen auch darüber, dass die Frauen das Risiko einer Infektion senken können, wenn sie nach der Tat schnell genug zu einem Arzt gehen. So sollen mehr Menschen Verständnis für die Opfer sexueller Gewalt entwickeln und ihnen helfen. Zudem bieten CARE und das internationale Flüchtlingskomitee psychosoziale Unterstützung an, damit Opfer sexueller Gewalt ihre traumatischen Erlebnisse besser verarbeiten können.
Eine Umfrage in einem der Flüchtlingslager ergab, dass sich viele Frauen wünschen, eigenen wirtschaftlichen Aktivitäten nachzugehen. Daher organisiert CARE nun in drei Lagern Frauengruppen. Frauen, die Opfer sexueller Gewalt geworden sind, sollen sich bald eigene kleine Geschäfte aufbauen können. So können sie  wieder auf die Beine kommen und für sich und ihre Familie sorgen. Auch Marie ist bei dem Programm dabei. „Ja, ich werde an dem Programm teilnehmen. Und ich werde anderen Frauen erzählen, wie wichtig es ist, nach einer Vergewaltigung so schnell wie möglich einen Arzt aufzusuchen“, versichert sie uns, während sie ihren Sohn mit einem bunten Tuch auf ihren Rücken bindet und sich wieder an die Arbeit macht.