Kongo: Stirb oder akzeptier' dein Schicksal!

In der Demokratischen Republik Kongo ist es gefährlicher eine Frau zu sein, als ein Soldat.

Immer mehr Frauen aus Kitchanga flüchten in die Camps in Goma. Sie mussten aus ihrer Heimat fliehen, vor Gewalt und Kämpfen bewaffneter Gruppen. Eine Woche zu Fuß, durch Felder und Wälder – das ist die lange Reise vieler Frauen. Und sie ist alles andere als sicher. Oft müssen die Frauen harte Entscheidungen treffen. Die Auswahlmöglichkeiten: „Töte mich“ oder „mach was du willst, aber bitte töte mich nicht“.

Die ruhige, sanfte Marie* wählte letzteres. Sie war mit einer Gruppe von Frauen auf der Flucht, als sie das Camp Lac Vert fast erreicht hatten. In der Dämmerung wurden sie von bewaffneten Männern umzingelt. „Sobald wir sie sahen, wussten wir, was passieren würde“, erzählt Marie. Sterben oder sein Schicksal akzeptieren – das sind die kargen Wahlmöglichkeiten. Für Frauen im Kongo ist „Schicksal“ oft gleichbedeutend mit Vergewaltigung.

Vor den Augen ihrer Kinder wurden Marie und alle anderen Frauen im Wald vergewaltigt. Jetzt sind sie im Camp Lac Vert. Marie hält ihr vier Monate altes Baby auf dem Arm. Die 30-Jährige weiß nicht, wo ihr Mann ist. Sie haben sich auf der Flucht aus den Augen verloren. Er weiß nicht, was ihr passiert ist und Marie macht sich Sorgen wie er reagieren wird, wenn er es erfährt.

Marie ist vor einer Woche im Camp angekommen. Seitdem hat sie Schmerzen und schämt sich. „Mir tut alles weh“, sagt sie. Sie deutet auf ihren Unterleib, auf ihren Rücken und ihren Hals. Dann berührt sie ihren Kopf: „Kopfschmerzen… Ich kann nicht schlafen. Was passiert ist, hält mich wach.” Jetzt wartet sie in ihrem braunen Kleid darauf, von einem Mitarbeiter des „Hauses für Mütter“ untersucht zu werden. So heißt das Zelt, in dem Überlebende sexualisierter Gewalt empfangen werden.

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Marie hat erst am Tag zuvor vom „Haus für Mütter“ erfahren und brachte den Mut auf, herzukommen und um Hilfe zu bitten. Sie wird hier emotionale Unterstützung bekommen und eine Einweisung in ein nahegelegenen Krankenhaus, indem sie medizinisch versorgt wird. Um diesen Schritt überhaupt machen zu können, müssen die Frauen aber erst einmal wissen, dass eine solche Einrichtung existiert und dass sie sich dort Hilfe suchen können. Hier spielen die von CARE und seinen Partnern ausgebildeten Vermittler eine entscheidende Rolle. Sie sprechen mit den Überlebenden und ermutigen sie, Hilfe zu suchen.

Camp lac Vert, Kongo, Goma, Krise, CARE„Ich werde anderen Frauen sagen, dass sie dasselbe tun sollen, dass sie hier her kommen sollen“, sagt Marie. „Viele schämen sich und wollen nicht zugeben, was ihnen passiert ist.“ Sie berichtet weiter, dass die Männer, die diese schrecklichen Taten verüben, nie bestraft würden: „Wie können sie mit ihrem Gewissen leben? Sie tauchen aus dem Nichts auf und verschwinden wieder. Wer wird sie finden?”, fragt sie. Hoffnungslosigkeit und Resignation klingen in ihrer Frage mit. Ihre einzige Hoffnung ist, dass das Leben, wenn der Krieg endet, besser sein wird. Plötzlich bebt ihre Stimme und fast schon bittend sagt sie: „Sag den Menschen, dass sie uns helfen sollen, damit das hier endet. Damit wir wieder in unsere Heimat können.“

Für Neuankömmlinge wie Marie ist das Leben im Camp noch schwerer als für den Rest der Vertriebenen. Denn sie haben weder Unterschlupf, noch Zelte. Sie sind gezwungen unter freiem Himmel zu leben, auf den Felsen all das zu kochen, was sie zusammenkratzen können oder was ihnen hilfsbereite Nachbarn geben. Ihre bescheidenen Bündel mit ihrem Hab und Gut liegen zerstreut auf dem Boden und sind ein starkes Symbol für ihr Leben. Nachts können sie, wenn sie Glück haben, im Klassenraum des Camps unterkommen. Der wird tagsüber als Schule und als Verteilstelle für humanitäre Organisationen wie CARE genutzt, die Frauen und Kindern wie Marie und ihr Baby unterstützen.

*Der Name wurde geändert.

 

Hintergrund: Die Demokratische Republik Kongo hat eine der weltweit höchsten Raten sexueller Gewalt. Es ist hier gefährlicher eine Frau zu sein, als ein Soldat. Die Vergewaltigung von Frauen und Mädchen wird von bewaffneten Kämpfern als Kriegswaffe genutzt.  Auch wenn diese nur versuchen in die Sicherheit zu fliehen. Seit 1996 sind mindestens 200.000 Fälle sexueller Gewalt dokumentiert worden. Die meisten betreffen Frauen und Mädchen. Die tatsächlichen Zahlen liegen Schätzungen zufolge jedoch deutlich höher.