Kongo: „Wenn wir schweigen, wird es immer schlimmer!“

Joel ist selbst vor den Kämpfen geflohen. Jetzt unterstützt er Überlebende sexualisierter Gewalt.

Eigentlich ist Joel Grundschullehrer. Der 38-Jährige ist höflich und nachdenklich. Man kann sich vorstellen, dass er gut mit Schülern umgehen kann. So wie er jetzt gut mit den Frauen und Männern umgeht, denen er jeden Tag überlebenswichtige Ratschläge gibt.
Er ist einer von 24.000 Menschen, die im Flüchtlingscamp Lac Vert im Osten Kongos Zuflucht gefunden haben. Und er ist einer von 30 Vermittlern, die von CARE und seinen Partnern geschult wurden. Seine Aufgabe ist es, Trost zu spenden und die Überlebenden sexualisierter Gewalt darüber aufzuklären, wie und wo sie medizinisch versorgt werden können. Er arbeitet mit Frauen und Männern. Er gibt ihnen Ratschläge, was sie tun können um Vorfälle sexualisierter Gewalt zu verhindern. Er arbeitet auch mit Männern zusammen, damit sie gegen  Traditionen wenden, die Frauen und Mädchen der Gewalt aussetzen.

Er gibt Ratschläge wie: „Geht nicht alleine, sondern in einer Gruppe Feuerholz sammeln“ oder „Gib nicht deiner Frau die Schuld an dem was passiert ist! Es ist nicht ihre Schuld. Du musst sie unterstützten! Kümmere dich um medizinische Versorgung. Du weißt, dass auch deine Gesundheit in Gefahr sein kann.“
Jeden Tag sieht man ihn von Zelt zu Zelt laufen oder Zusammenkünfte besuchen, bei denen er seine Informationen verbreiten kann. „Schau meine Sandalen an“, sagt er und deutet auf seine ausgetretenen, blauen Hausschuhe. „Ich laufe so viel, dass ich bald etwas unternehmen muss. Sie fallen auseinander.“ Wie viele Menschen er jeden Tag trifft? „Viele“, sagt er und zeigt auf die vielen Zeilen in seinem Notizbuch. „Alleine in dieser Woche habe ich 13 Frauen getroffen, die vergewaltigt wurden und 19, die an genitalen Folgeschäden leiden. Außerdem noch zwei traumatisierte Männer, die mit jemandem sprechen mussten.“

Und leider wächst die Zahl der Frauen, die Opfer sexualisierter Gewalt werden: 36 Fälle gab es im Januar und mehr als 50 Fälle bis Ende März. Dieser Anstieg hat vor allem damit zu tun, dass zurzeit viele neue Flüchtlinge ankommen: Vor allem Frauen, die vor den jüngsten Kämpfen in Kitchanga flohen. Viele von ihnen wurden auf ihrer Flucht vergewaltigt, auf dem Weg ins Camp. Doch Joel entmutigen diese Zahlen nicht. „Mein Motto ist: stirb nicht, überlebe! Wenn wir nichts tun und schweigen, wird noch mehr Schlimmes geschehen!“ Er erzählt, was er sich wünscht: „Ich möchte die Zeit erleben, wenn es nur eine, höchstens zwei Vergewaltigungen im Monat geben wird. Oder vielleicht sogar gar keine“

Diese Hoffnung teilt auch Zawadi, eine Frau in ihren Dreißigern mit einem freundlichen Gesicht. Sie ist eine der neun von CARE ausgebildeten Mitarbeiter, die die Menschen emotional und sozial unterstützen. Sie übernimmt die Arbeit, wo Joels Part getan ist. Sobald die Frauen wissen, dass es Anlaufstellen für sie gibt, kommen sie ins “Haus für Mütter”. Das Haus ist zwar nur ein großes, halbleeres Zelt, aber für die Frauen ist es ein sicherer Hafen.
Zawadi stellt sicher, dass sich alle Ankömmlinge wohlfühlen. Sie weiß, was sie brauchen. Sie bietet ihnen seelische Unterstützung und überweist sie in das nahegelegene Krankenhaus. Sie arbeitet seit Januar im „Haus für Mütter“. „Ich bekomme nichts dafür, dass ich das hier tue, aber ich werde es weiter machen. Diese Arbeit ist wie ein Geschenk“, erklärt sie. Glaubt sie, dass sie etwas zur Verbesserung der Situation beitragen kann? „ Nicht ‘etwas’“, berichtigt sie, „sondern sogar sehr viel!“

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