Kongo: Wo jeden Tag Frauen vergewaltigt werden

Josephine lebt mit ihren acht Kindern in einem Flüchtlingscamp in Goma. Seit sie vergewaltigt wurde unterstützt ihr Ehemann sie nicht mehr.

Fragt man Frauen im ländlichen Afrika, wann sie geboren wurden, antworten sie ausnahmslos überrascht und voller Unsicherheit: „Ich glaube das war 1981 oder 1982.“ Fragt man die vertriebenen Frauen, die in den zerstreuten Flüchtlingscamps in Nord-Kivu leben, wann sie aus ihren Dörfern flohen, antworten sie: „Wir sind irgendwann im August geflohen“ oder „wir sind seit ein oder vielleicht zwei Monaten hier“. Fragt man dieselben Frauen, wann sie vergewaltigt wurden, werden sie sagen: „Am 22. Oktober 2012“, „letzten Freitag“ oder „gestern“.

Bei Josephine war es im letzten Herbst, am 22. Oktober, am späten Nachmittag. Die 37-Jährige sammelte am Rande des Flüchtlingscamps Lac Vert in Goma Feuerholz. Sie war allein und sie war müde. Sie machte sich Sorgen und fragte sich, was sie ihren acht Kindern am Abend zu essen geben würde. Sie war im fünften Monat schwanger.

Josephine ist mit ihren Kindern seit August im Camp Lac Vert. Sie flohen vor den Kämpfen in ihrer Heimatregion Masisi und suchten Unterschlupf. Auf dem Weg zum Camp haben sie und ihr Mann sich aus den Augen verloren. Seitdem haben sie telefoniert und er hat ihr ein paar Mal Geld geschickt. Aber seit sie ihm erzählt hat, was passiert ist, hat sie nichts mehr von ihm gehört. „Ich glaube nicht, dass er es akzeptiert hat. Obwohl er mir das gesagt hat. Seit ich es ihm gesagt habe, hat er mich nicht mehr kontaktiert. Er hat auch aufgehört Geld zu schicken. Er unterstützt die Kinder in keiner Weise.“

Sie blickt auf. Sie berührt ihr Gesicht, ihre Augen. Dann erzählt sie weiter.

„Es war schwer nachdem es passiert ist. Schmerzhaft. Ich blutete viel und konnte nicht mal laufen. Nachdem das Baby geboren war, fühlte ich mich etwas besser. Aber die Leute reden hinter meinem Rücken über mich.“ Ihre Stimme wird heiser als sie weiterspricht: „Sie sprechen nicht mit mir. Sie fassen nicht einmal das Baby an. Sie sagen: ‚Wie kann sie ein Baby haben, ohne Mann?‘“

Aber sie muss hier leben. Sie kann nirgendwo hin. „Ich weiß nicht, ob die Kämpfe aufgehört haben. Ich lebe hier, im Elend. Ich kann gar nicht erklären, wie schwer mein Leben ist.“ Sie schaut auf das schlafende Baby in ihren Armen. „Ich habe nicht einmal Socken, die ich dem Baby anziehen kann.“ Sie erinnert sich an ihr Leben vor den Unruhen: ein Mann, ein großes Haus, Essen für jeden, ein kleines Geschäft. „Und jetzt guck dir dieses Zelt an. Hier gibt es nichts.”

In diesem Video erzählt Josephine ihre Geschichte.

Das schlimmste ist, dass sie sich ständig Sorgen um ihre Kinder macht, besonders um die vier Mädchen. Die älteste ist 14 Jahre alt. „Was, wenn ihr dasselbe passiert wie mir? Manchmal verläuft sie sich im Camp. Dann weiß ich tagelang nicht, wo sie ist. Was mir passiert ist, ist nicht nur mein Problem. Es ist das Problem vieler Frauen hier. Wenn ich höre, dass jemand dasselbe durchgemacht hat wie ich, dann suche ich sie und bringe sie ins Krankenhaus.“

Es ist wichtig, darüber zu reden, was passiert ist, sagt sie. Und Hilfe zu suchen. „Das war, als würde ich meine Seele zurückbekommen. Wenn ich mit niemandem spreche, dann bleibe ich in meinem Zelt und weine.“ Ihr Traum? Ihre Kinder wieder zur Schule schicken zu können. Sich keine Sorgen machen zu müssen. Wieder friedlich leben zu können. An einem festen Ort zu sein. Aber jetzt ist sie hier. Auf dieser verbrannten Erde, inmitten flatternder Zelte. Und sie leidet. Wo jeden Tag Frauen vergewaltigt werden. Und wo Frauen sich gegenseitig helfen. 

 

Hintergrund:
Insgesamt leben im östlichen Kongo 2,6 Millionen Vertriebene. Umfassendere und bessere medizinische Notversorgung für Frauen, die vergewaltigt wurden, ist dringend notwendig. Auch Zufluchtsorte, psychologische Betreuung und Zugang zu Wasser und sanitären Anlagen werden dringend benötigt. CARE unterstützt die Menschen in drei Camps in Goma.
CARE schult Vertriebene, damit sie Überlebende sexualisierter Gewalt darüber informieren können, wie und wo sie Unterstützung erhalten. Insgesamt hat CARE in Lac Vert und den anderen beiden Camps bisher 90 weibliche und männliche Vermittler ausgebildet. CARE unterstützt Überlebende sexualisierter Gewalt außerdem mit Bargeldauszahlungen, damit sie davon Nahrung kaufen oder ihren Kindern Bildung ermöglichen können. Etwa 200 Frauen und Männer in Lac Vert haben bereits Bargeld von CARE erhalten. Josephine war eine von ihnen.