Kosovo: Alles Käse?

CARE unterstützt landwirtschaftliche Entwicklung im Kosovo.

Hier oben, in den Bergen im Osten des Kosovo, scheinen die Uhren noch etwas langsamer zu ticken. Saftig grüne Hügel ziehen sich bis zum Horizont, neben kleinen Bauernhöfen grasen hunderte Ziegen. Um den Hals tragen sie kleine Glocken, deren Konzert von einem leichten Wind über die Landschaft getragen wird. Eine Idylle, gut eine Fahrtstunde von der Hauptstadt Pristina entfernt? Der Schein trügt: Obwohl die Gegend für ihre guten landwirtschaftlichen Produkte bekannt ist, lebt jeder zweite hier unterhalb der Armutsgrenze. Häufig mangelt es an Wissen um effiziente Produktionsabläufe, an Geräten und auch an der breiten Vermarktung der Produkte. 

Avni Syla, Ziegenbauer im kleinen Dorf Bresalce, weiß das nur zu gut. „Viele Farmer hier machen ihren Käse immer noch per Hand, in kleinen Töpfen auf dem Herd“, erklärt der zweifache Familienvater. Traditionell wird die Ziegenmilch auf einer Flamme erhitzt, bis sie zum Käse fermentiert. Aber das dauert lange, etwa zwei bis drei Tage. Auch Avni hat so bis vor einigen Monaten seinen Käse hergestellt. „Viel kam dabei nicht rum – es reichte gerade einmal für den Eigenbedarf. Verkaufen konnten wir nur wenig davon.“ 

Käse „made in Kosovo“

Um die Landwirtschaft in der Region anzukurbeln, unterstützt CARE zusammen mit der Europäischen Union (EU) Bauern wie Avni. Stolz präsentiert der 43-Jährige mit seinen ausgetretenen Stoffpantoffeln den Besuchern seine Produktionsstätte, die ihm von CARE zur Verfügung gestellt wurde. In dem weißgekachelten Raum, der an Avnis Hof angeschlossen ist, stehen Kühler, 600 Liter-Tanks und große Becken, in denen die Ziegenmilch gereinigt wird. „Unsere traditionelle Herstellungsweise entspricht nicht den Hygienestandards der EU. Aber mit meinen neuen Geräten und dem Wissen um Hygiene und Produktion ist das kein Hindernis mehr.“

Heute kann Avni in nur wenigen Stunden über 600 Liter Ziegenmilch verarbeiten – das ist fast zehnmal so viel wie vorher. Es gibt aber nicht nur mehr Käse, der auch noch besser schmeckt - es wissen auch mehr Menschen von dieser Delikatesse „made in Kosovo“. Mit Hilfe von CARE und der EU haben sich schon viele neue Kunden gefunden: Hotels und Restaurants in Pristina, aber auch in anderen Ländern haben Interesse. Mit CARE zusammen hat Avni einen Businessplan mit einem Vertriebskonzept erstellt. „Ich wusste vorher einfach nicht, was ich anders machen kann, um mehr produzieren und verkaufen zu können.“

Ziegenbauern seit Generationen

Für den Start der nächsten Ziegenkäse-Saison im Mai bereiten sich die umliegenden Bauern deswegen jetzt auf die größere Nachfrage vor. Einige von ihnen haben sogar schon weitere Ziegen gekauft, damit sie mehr Milch an Avni verkaufen können. Avni sucht bereits nach Personal, denn seine Frau Bedrije und er können die Produktion längst schon kaum mehr alleine stemmen. „Ich liebe meinen Job. Ich bin den ganzen Tag draußen in der Natur, mit meinen Tieren“, erzählt Avni. „Und jetzt kann ich davon nicht nur meine Familie besser ernähren, sondern auch weitere Menschen beschäftigen. Das ist großartig.“ 
Seine Familie hat seit Generationen Käse hergestellt, soweit Avni zurückdenken kann. Aber so viel Ziegenkäse, wie er heute produziert und verkauft – das ist in dem kleinen Dorf an der Grenze zu Serbien neu. Und irgendwann werden seine zwei Söhne das Geschäft übernehmen. So wie Avni es von seinen Eltern übernommen hat. „Wir haben seit Generationen hart gearbeitet. Dass unser Ziegenkäse jetzt zur Spezialität wird und einen Markt bekommt, das spornt uns an.“ 

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Selbst der Landwirtschaftsminister des Kosovo war schon zu Besuch auf Avnis Bauernhof. „Er hat mir gesagt, dass er noch nie so leckeren Ziegenkäse gegessen hätte. Er hat so viel davon gegessen, dass ich ihm das auch glaube“, lacht der 43-Jährige. Und Avni selbst? Kann er manchmal keinen Käse mehr sehen? „Vom Ziegenkäse kann ich nicht genug kriegen. Er passt einfach zu allem: zum Raki oder Brot, zu jeder Mahlzeit“, erzählt er und hält dabei die Ziege Rrushde auf dem Arm. Avni streichelt ihr liebevoll über den Kopf. Von seinen über 100 Ziegen ist keine einzige namenlos. Wahre Leidenschaft in den sanften Hügeln des Kosovo.