Laos: Neue Wege

In Laos wächst die Wirtschaft. Doch auf dem Land leben viele Menschen in großer Armut.

Mah Lee war vier Jahre alt, als sie die Spritze bekam, die ihr Leben für immer veränderte. Ihre Mutter hatte sie zu einer Krankenschwester ins Nachbardorf gebracht, um ihre Kleine impfen zu lassen. Doch dabei ging etwas schief. Mah Lee erkrankte schwer, war zeitweise gelähmt. Seitdem zieht die heute 23-Jährige beim Gehen den linken Fuß nach. An vielen Orten dieser Welt wäre das nicht so gravierend. Doch Mah Lee lebt in Phonh, einem kleinen Dorf in der südlaotischen Provinz Sekong.

Ein Leben verändert sich

Die nur dünn besiedelte Region ist bitterarm. Jede Hand in den Familien wird gebraucht. Traditionell arbeiten vor allem die Frauen von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Frühmorgens holen sie Wasser herbei, stampfen Reis und kochen das Essen, bevor sie mit auf das Feld gehen, um danach wieder zu kochen. Auch die Kindererziehung ist alleinige Frauensache. Wer hier nicht „funktioniert“, rückt an den Rand, wird für immer abhängig vom Wohlwollen anderer. Ein Schicksal, das auch Mah Lee bevorstand. Während ihre Geschwister zur Schule gingen, verzichtete sie auf den Unterricht, um ihre Eltern zu entlasten. Jahre später, während alle Gleichaltrigen um sie herum heirateten und Familien gründeten, blieb die hübsche junge Frau ledig, lebte weiter unter einem Dach mit ihren Eltern und vier weiteren Verwandten.

2011 aber veränderte sich ihr Leben erneut grundlegend - dieses Mal zum Guten. „Eine Mitarbeiterin von CARE kam ins Dorf“, erzählt sie. Dabei lächelt sie Chris Wardle an, den Programmdirektor von CARE in Laos. Er hatte seinerzeit ein Programm ins Leben gerufen, das auf die Hilfe für Behinderte ausgerichtet war. 13 Dörfer in der Provinz Sekong erhielten Besuch, 93 Menschen mit Behinderung wurden ausfindig gemacht. „Ihnen allen boten wir die Chance, sich auf die eine oder andere Weise selbständig zu machen, um ein eigenes Einkommen zu erzielen“, sagt Wardle. Mehr als die Hälfte wagte den Schritt, darunter auch Mah Lee. Als Zehnjährige hatte sie in dem kleinen Laden ausgeholfen, den die Eltern zeitweise betrieben. Nun half ihr CARE, einen eigenen auf die Beine zu stellen.

CARE Projekt, Kinder am Tisch von Mah LeeErst Waschpulver und Seife – dann Kekse und Schulhefte

„Angefangen habe ich mit Waschpulver, Seife und Zigaretten“, sagt Mah Lee. „Nach und nach habe ich Nudeln, Softdrinks, Kekse und Schulhefte mit in das Angebot aufgenommen.“ Bei den planmäßigen Besuchen durch CARE-Mitarbeiter zeigte sich bald, dass Mah Lee ihren Laden im Griff hat. „Sie meint es ernst und geht planvoll mit ihren Einnahmen um“, sagt Wardle. Hatte CARE sie zunächst wegen ihrer Behinderung unterstützt, geschah dies bald auch deswegen, weil sie zu den zehn erfolgreichsten Projektteilnehmern zählte. CARE bot ihr an, den Laden zu erweitern. Mah Lee absolvierte mit den anderen neun Förderkandidaten einen Business-Workshop. Danach bekam sie Stühle, einen Tisch und ein Wellblechdach zur Verfügung gestellt. Die Männer in ihrer Familie bauten ihr einen überdachten Sitzbereich.

Und die neue Geschäftsausstattung ist der Grund, warum CARE-Chef Wardle heute hier ist. Zu ihr gehört auch ein Barbecue-Grill – ein lang gehegter Wunsch der Kleinunternehmerin. Dort brät sie gerade kleine Spieße mit Wasserbüffelfleisch, bestrichen mit Sojaöl und pikant gewürzt, zum Preis von umgerechnet 10 Cent. Prompt locken die Appetithäppchen Laufkundschaft an - vier Knirpse belagern den Grill und lassen sich von Mah Lee bedienen. „Wir wollen junge Frauen wie Mah Lee unabhängig machen, sie beim Aufbau einer eigenen Existenz unterstützen“, sagt Wardle. Der Grillgeruch und die Kundschaft lassen vermuten, das Mah Lee auf dem besten Weg dahin ist.