Libanon: Gute Nachbarn, enge Verbündete

Im Libanon ist jeder vierte Einwohner syrischer Flüchtling. Das macht das Leben oft schwierig – aber Taghreed hat Hanaa.

„Niemand kann die Last eines anderen tragen, nicht einmal die eines Familienmitglieds“, sagt Syrerin Taghreed. „Einen Monat lang zog meine Familie von Haus zu Haus, bei keiner unserer Verwandten konnten wir dauerhaft bleiben.“ Im Juli 2012 mussten Taghreed und ihre Familie ihr Zuhause in der syrischen Stadt Homs verlassen. Der Grund für ihre Flucht? Arbeitslosigkeit. „Mein Mann und ich fanden keine Jobs mehr. Unsere Stadt war wegen des Konfliktes von der Außenwelt abgeschnitten. Ich wollte ein besseres Leben für meine Kinder, deswegen verließen wir unsere Heimat“, erzählt sie. Damals lebte ihr Mann bereits im Libanon. Taghreed war hochschwanger und floh mit ihren sechs Kindern und den Schwiegereltern nach Damaskus. Erst im Mai 2013 traf sich die gesamte Familie im Libanon wieder.

„Im Libanon machten wir viele schlimme Erfahrungen. Eine unserer Vermieterinnen stellte sich gegen uns, weil wir Syrer sind. Sie kam in unser Haus, schrie uns an und beschimpfte mich vor meinen Kindern – nur wegen unserer Herkunft“, erinnert sich Taghreed.

Wenn aus Nachbarn Freunde werden

Die Beziehung zwischen Taghreed und ihrer aktuellen Vermieterin Hanaa ist ungewöhnlich für eine syrische Geflüchtete und eine Libanesin. „Als ich Hanaa zum ersten Mal sah, war ich erleichtert. Ich wusste sofort, dass sie ein guter Mensch ist. Wir sind wie Schwestern”, so Taghreed. Jeden Tag trinken die beiden gemeinsam Kaffee auf der Terrasse. Hanaa kommt Taghreed häufig in ihrer Wohnung besuchen, um Zeit mit der syrischen Familie zu verbringen. Hanaa setzt sich auch für das Wohlergehen von Taghreeds Kindern ein. „Wenn ich höre, dass sie auf der Straße von anderen Kindern geärgert werden, verteidige ich sie“, sagt Hanaa. „Reicht es nicht, dass die Familie ihre Heimat verlassen und dabei alles zurücklassen musste? Sollten wir ihnen nicht helfen, statt ihr Elend zu verschlimmern?“   

Seit einem Jahr wohnt Taghreeds Familie im Haus von Hanaa. Die Miete bezahlt das Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen. Hanaa und Taghreed werden zusätzlich von CARE und lokalen Partnerorganisationen unterstützt. Unter dem Motto „Eine Nachbarschaft“ soll das Verhältnis zwischen syrischen Flüchtlingen und libanesischen Familien verbessert werden. Sie werden mit Haushaltsgegenständen und Sanitäranlagen wie etwa Wasserhähnen und Heizkörpern ausgestattet. Auch über Heirat und Familienplanung informiert CARE Frauen wie Taghreed und Hanaa. „Ich habe zwei Töchter im Alter von 14 und 15 Jahren, die beide schon einen Heiratsantrag bekommen haben“, berichtet Taghreed. „Ich bin absolut dagegen, dass meine Töchter so früh heiraten. Dank der Beratung von CARE habe ich nun die passenden Argumente, um meine Entscheidung durchzusetzen und meine Töchter vor einer frühzeitigen Ehe zu schützen. Sie sind noch zu jung, um zu verstehen, was es bedeutet, zu heiraten. Zuerst müssen sie ihre Ausbildung beenden, das ist im Moment das Wichtigste.“

Der Lebenstraum – zurückgelassen für ein Leben auf der Flucht

Taghreed wohnt mit ihrem Mann, sieben Kindern und ihrer kranken Schwiegermutter zusammen. „Mein Schwiegervater hatte Herzprobleme. Er verstarb kurz nach unserem Umzug“, erzählt Taghreed traurig. „Meine Schwiegermutter besaß ein mehrstöckiges Haus in unserem Heimatdorf in Syrien. Sie hat es Stein für Stein selbst gebaut und ihre Ersparnisse dafür aufgebraucht. Sie war so glücklich, als sie fertig war. Doch seit sie das Haus zurücklassen musste, geht es ihr schlechter. Die meisten von uns haben mittlerweile gesundheitliche Probleme. Ich war dreimal beim Arzt, seit wir im Libanon angekommen sind. Meine Ohren und meine Augen schmerzen. Als wir noch Zuhause lebten, beschwerten wir uns nie. Doch jetzt jammern wir ständig. Das Leben im Exil macht uns zu schlechteren Menschen.

Hilfsorganisationen wie CARE unterstützen Familien im Libanon mit Bargeld, da es für Flüchtlinge schwierig ist Arbeit zu finden. „Mein Mann arbeitet manchmal, aber er bekommt dafür kein Geld, weil er ein Flüchtling ist. Er kann sich nicht beschweren und fühlt sich hilflos und niedergeschlagen deswegen. Ich erzähle ihm nichts von meinen gesundheitlichen Beschwerden, weil ich ihn nicht noch zusätzlich belasten will. Hanaa ist die einzige Person, der ich mich voll und ganz anvertraue. Sie kennt alle meine Geheimnisse. Abgesehen von Hanaa ist das Zusammenleben mit den Menschen hier schwierig. Doch als Geflüchtete ist es für uns normal, dass sich die Menschen in unserer Nähe unwohl fühlen. Das verstehe ich sogar, weil es im Libanon viele Probleme gibt. Ich versuche immer, sie sehr freundlich zu behandeln und bekomme dann im Gegenzug ihre Freundlichkeit zurück – das funktioniert ganz gut.“

 

Die ungewöhnliche Geschichte von Taghreed und Hanaa gibt es auch zum Anschauen in unserem Video.

Weitere Informationen zur Arbeit von CARE in Syrien finden Sie hier.