Liberia: Zurück zur Würde

Lisa Zayza sah ihren Mann und ihre beiden Kinder an den Folgen des Ebola-Virus sterben. Nun kämpft sie für die Zukunft ihres kleinen Sohnes.

Ma Lisa ist eine starke Frau. Doch die Ebola-Epidemie, die im März 2014 ihr Heimatland Liberia erreichte, hätte ihren Überlebenswillen fast gebrochen. „Ich habe mir den Tod noch nie so sehr gewünscht wie an dem Tag, an dem ich meine Familie verlor. Als ich aus dem Krankenhaus entlassen wurde, wusste ich nicht, was ich fühlen sollte. Sollte ich mich freuen, dass mein Sohn und ich noch lebten oder sollte ich traurig sein, weil ich meinen Mann und zwei meiner Kinder verloren hatte? Ich war verletzt und verwirrt, aber ich wusste, dass ich für mein Baby kämpfen musste“, erzählt sie.

Ma Lisa heißt eigentlich Lisa Zayza. Sie ist 42 Jahre alt und lebt im Zentrum von Monrovia, der Hauptstadt Liberias. Als die Ebola-Epidemie ihren Höhepunkt erreichte, steckte sich ihr Mann, Krankenpfleger und Alleinverdiener, bei einem Patienten an. Unbemerkt brachte er das Virus mit nach Hause und infizierte seine Frau und ihre drei gemeinsamen Kinder. Die ganze Familie kämpfte in einer Ebola-Behandlungsstation um ihre Leben. Innerhalb von zwei Wochen starben Lisas Mann und zwei ihrer Kinder. Sie selbst und ihr jüngster Sohn George überlebten.

Auf sich allein gestellt

Lisa, die zuvor vollkommen von ihrem Mann abhängig war, verlor auf einen Schlag jegliche Unterstützung. Hilfesuchend wandte sie sich an entfernte Verwandte und Nachbarn. Doch niemand hatte Mitleid mit ihr. „Ich sah meine Familie qualvoll sterben und meine Bekannten halfen uns nicht. Es war eine sehr schwierige Zeit. Mein Mann hatte vorher den Haushalt geführt. Nun musste ich mich um alles allein kümmern. Ich machte mir große Sorgen um meinen Sohn. Wie sollte er zur Schule gehen, sich anziehen und essen? Meine Gedanken kreisten Tag und Nacht. Ich hatte Albträume und schlafwandelte. Ich dachte schon, ich werde verrückt. Es gab niemandem, mit dem ich über meine Probleme sprechen konnte“, erklärt Lisa.

Sparen für ein neues Leben

Doch dann wurde Lisa Mitglied einer von CARE unterstützten Hilfsgruppe für Überlebende der Ebola-Epidemie. Bei den Gruppentreffen tauschten sich Betroffene und Überlebende über ihre Situation aus. CARE-Mitarbeiter leisteten psychologische Beratung und Seelsorge. Obwohl sie die Angebote zuerst nicht wahrnehmen wollte, ist Lisa heute eine regelmäßige Teilnehmerin. Zusätzlich organisierte CARE betriebswirtschaftliche Trainings für die Mitglieder der Hilfsgruppe. Das Training ermutigte Lisa dazu, sich 2.175 Liberische Dollar, umgerechnet etwa 23 Euro, zu leihen und in ihrem Vorgarten einen kleinen Marktstand zu eröffnen. Zunächst verkaufte sie Obst. Damit verdiente sie genug, um ihr Angebot um Holzkohle zu erweitern.

Lisa nimmt nun an einer Kleinspargruppe in ihrer Gemeinde teil. Sie hat angefangen zu sparen und hat auch einen kleinen Kredit bekommen, mit dem sie ihr Geschäft vergrößern und für die Zukunft ihres Sohnes sorgen will. „Die Gruppe hat mir wirklich geholfen. Ich konnte mit Leidensgenossen sprechen, die verstanden, wie ich mich fühlte. Ich hörte ihnen zu und sie ermutigten mich. Ich war nicht mehr alleine. Das Training hat mir genug Mut, Motivation und Wissen gegeben, um ein kleines Geschäft zu öffnen. Ich muss nicht mehr für das Schulgeld meines Sohnes betteln, sondern habe genug Geld für Essen und kann auch im nächsten Semester das Schulgeld bezahlen. Ich habe meine Würde zurückbekommen“, freut sich Lisa.