Mali: 35 Leben, 735 Tage und….1001 Geschichten

„Wir sind glücklich zusammen und werden es auch bleiben“

 

übersetzt von Marlies Binder

Ein Tag, eine Woche, ein Monat…die Zeit vergeht rasend schnell, genau so schnell wie sich die Leben der Mitglieder der Kara Bara Spargruppe verändert haben.

Mittlerweile ist es zwei Jahre her, dass 35 Frauen aus der Gemeinde Bara Sara, einem kleinen Dorf in der malischen Provinz Gao, sich mit uns in Verbindung setzten. Erinnerungen? Eine Menge…Zweifel? Einige…Aber vor allem: Hoffnung! Wir reisten zurück in das kleine Dorf, um herauszufinden, was sich seit unserem letzten Besuch verändert hat.

Am 4. März 2011, als zum ersten Mal in der Geschichte Malis eine Frau, Cissé Mariam Sidibe Kaïdama, zur Ministerpräsidentin ernannt wurde, trafen wir Fatouma, Oumou, Mariam, Batouma, Binta und die anderen engagierten Mitglieder der Kara Bara Gruppe. Sie wollten uns an ihrem Alltag teilhaben. Es waren fast alle da. Außer Hawa Dibo, die gerade ihr einjähriges Kind verloren hatte.

„Das war Allahs Wunsch“ wäre vor zwei Jahren die Reaktion der Gruppe gewesen. Heute ist Fatouma, die Präsidentin von Kara Bara, frustriert über den Tod des Kindes. „Die Gruppe zahlte die Kosten für einen Arzt, und wir versuchten, das Kind untersuchen zu lassen! Die Transportkosten waren gedeckt und wir mobilisierten alle, um ein Fahrzeug zu bekommen. Aber es war schon zu spät. Der Durchfall war zu heftig.“

Früher hätte nur Hawas Familie sie unterstützt. So wollte es die Tradition: Jeder sorgt nur für die eigene Familie. Diesmal aber traten sogar die Mitglieder anderer Dörfer der Spargruppe in Aktion und versuchten, Hawa zu helfen. Frauen mobilisierten Männer, Nachbarn mobilisierten Freunde – die ganze Gemeinde wollte helfen.

 

Die Kara Bara Frauen: Sparen macht unabhängig 

Als wir fragten, was sich seit der Gründung der Kara Bara Spargruppe für sie verändert habe, reagierten die Mitglieder der Gruppe überrascht. „Wir wissen gar nicht, womit wir beginnen sollen…so vieles ist anders…..Wir kennen uns mittlerweile gut und haben persönliche Beziehungen zueinander entwickelt. Jeder hat jetzt ein kleines Unternehmen und genügend Geld für tägliche Ausgaben“, sagte uns ein Mitglied.

Fatouma beschreibt die Situation noch genauer. „Ich weiß, wie ich nahrhaften Getreidebrei für meine Kinder zubereiten kann, ich weiß mehr über Hygiene, meine Kleidung sieht besser aus und mein Mann hört nicht nur mehr auf mich, sondern auch auf andere Frauen der Gemeinde. Das ist wirklich eine große Veränderung.“

„Wer hätte sich vor einigen Jahren je träumen lassen, dass ich es wage, mich vor eine Männerversammlung zu stellen und für die Anliegen von Frauen zu kämpfen? Ich selbst hätte gesagt, dass dies in unserer Gemeinde völlig unmöglich ist,“ bekräftigt Binta Dibou, die ebenfalls Präsidentin des Dorfnetzwerks der Spargruppe ist.

„Vor einigen Monaten hörten Binta Aly und ich, dass sich die Mitgliedschaft des lokalen Gesundheitsmanagement Komitees ändern wird und dass es hierfür ein Treffen geben würde. Also gingen wir hin und warteten, bis die Liste der Mitglieder verlesen wurde. Nur Männer!

Ich unterbrach den Sprecher und fragte ihn, seit wann die Gemeinde nur aus Männern bestünde? Sind sie diejenigen, die die Kinder zum Arzt bringen oder ihnen das Licht der Welt schenken? Ihr könnt euch nicht vorstellen, was für ein Gemurmel wir damit auslösten. Und am Ende des Tages war Binta Aly Mitglied des Komitees. Die einzige und erste Frau in der Geschichte unserer Gemeinde!“ sagt Binta stolz. „Und ratet, was die Männer dazu sagten? Euer Sparverein hat dir beigebracht, so taff zu sein,“ fügt Binta Aly lachend hinzu.

 

„Wir sind glücklich zusammen und wir werden es auch bleiben“

Wenn wir darüber sprechen, was anders sein sollte, ist es schwierig, eine Antwort zu bekommen. Diese beiden letzten Jahre haben so viele positive Veränderungen mit sich gebracht. „Was soll ich sagen? Zum ersten Mal verstehen wir uns auch über die Grenzen der Kasten hinweg“, sagt Batouma Menta Sangaré, die Griotte . „Wir sind glücklich zusammen und wir werden es auch bleiben“.

Oumou Dibo lächelt und fügt hinzu: „Wir haben sogar Einkommens steigernde Maßnahmen ins Leben gerufen. In meinem Fall weiß ich jetzt viel über Ressourcenmanagement und einfache Buchhaltung. Mich hat das Sparen so selbstbewusst gemacht, dass ich meinen kleinen Reishandel erweitern will. Letztes Jahr hatten wir eine Art Bank für Getreide, die uns einen Gewinn von 100 Prozent einbrachte. Wir überlegen gerade, ob wir das dieses Jahr wiederholen, aber mittlerweile gibt es noch andere Gruppen, die das gleiche tun, nachdem sie unseren Erfolg gesehen haben...“.

 

Zusammenhalt statt Isolation

Stolz schaut Fatouma die anderen an. „Mein Ehemann respektiert mich“ sagt sie. „Ich habe mich der Welt geöffnet und die Möglichkeit bekommen, Menschen wie Dir zu begegnen, die mir zuhören und mir gute Ratschläge geben. Wir haben sicherlich viele Informationen zusammengetragen, aber als Präsidentin der Gruppe beim Bürgermeister eingeladen zu werden, um bei Treffen die Frauen zu repräsentieren, ist für mich ein unverhoffter Wandel.“

„Es ist wahr“, sagt Batouma, „und für mich als eine Griotte sehr wichtig. Wir haben immer in der Gemeinschaft gelebt, aber nie waren wir gleichberechtigt. Und in meinem Fall, war die Isolation noch größer, da ich aus einem anderen Dorf stamme.

Als ich nach der Heirat hier ankam, war ich alleine, ich hatte nur die Familie meines Ehemanns. Außerdem ist auch vieles besser für die anderen Kara Bara Frauen geworden! Wir, die Griotte Frauen sind ebenso die lokalen Friseure und jetzt haben wir so viele Aufträge wie nie zuvor“, lacht sie mit den anderen.