Mali: Kleine Veränderungen, große Wirkung

Mit 14 wurde Tanny verheiratet. Heute leitet sie Spargruppen und kämpft gegen Kinderheiraten.

Allen, die Tanny, ein junges Mädchen aus Timbuktu, kennen, war klar, dass aus ihr mal was Großes werden könnte: Politikerin, Wissenschaftlerin, Lehrerin oder Ärztin. Sie träumte davon, irgendwann eine Universität zu besuchen und zu studieren. Aber als sie gerade 13 Jahre alt war, zerplatzte ihr Traum wie eine Seifenblase: Ihr Vater verheiratete sie.

„Du kostest uns zu viel“, waren seine Worte. Tanny versuchte, sich zur Wehr zu setzen. Auch ihr Onkel und ihre Tante versuchten, ihn davon abzuhalten. Aber die Entscheidung war bereits gefallen, denn „in einer armen Familie ist ein junges Mädchen wie ein Dorn, der entfernt werden muss, bevor er sich entzündet.“

Aus der Traum vom Studium. Mit 14 Jahren wurde Tanny verheiratet

So wurde die 14-jährige Tanny Frau eines 26-jährigen „Marabout“. Marabouts in Mali sind meistens religiöse Führer und Gelehrte, Absolventen einer Koranschule. Ihr Mann wollte, dass Tanny weiter die Schule besucht. Aber sein Vater war dagegen. Und weil „niemand die Entscheidung des Familienoberhaupts in Frage stellen darf“, musste Tanny zuhause bleiben. Die Neuigkeiten aus der Schule erfuhr sie nun nur noch aus zweiter Hand, von ihren ehemaligen Klassenkameradinnen.

Es würde naheliegen, dass Tannys Geschichte genauso endet wie die tausender junger Malierinnen, die kurz nach der Hochzeit ein Kind nach dem anderen in die Welt setzen. Aber Tanny hatte etwas anderes mit ihrer Zukunft vor.

Mit 17 änderte sich Tannys Leben. Zum Guten. Sie entschloss sie sich, ihre Zeit sinnvoll zu nutzen und etwas mit ihrer Zeit und Energie anzufangen. Sie begann, sich in einer Spargruppe zu engagieren. CARE hilft jungen Frauen, Spargruppen und andere Aktivitäten auszubauen, um den Frauen mehr Entscheidungsmacht zu geben. Für Tanny war besonders wichtig, dass sie endlich wieder aus ihrem Haus raus kam, Leute treffen und gleichzeitig ein bisschen Geld sparen konnte, um einmal ein eigenes kleines Unternehmen zu gründen.

Mit dem Anbau von Gemüse sichert Tanny ihr Einkommen

Tannys Vorhaben verlief gut. Mit dem geliehenen Geld baute sie Gemüse an. Salat, Tomaten und Zwiebeln schmeckten nicht nur ihrer eigenen Familie, sondern sie konnte das Gemüse auch verkaufen und so die Haushaltskasse aufbessern. So wurde aus Tanny eine zufriedene, junge Hausfrau, die ihr Leben in kleinen Schritten immer weiter verbesserte.

Mit 18 toppte Tanny ihren bisherigen Erfolg: Sie wurde zur Präsidentin der Sektion „Unterstützung“ der Gruppe gewählt. Sie war sich sicher, dass sie zu jung für die Aufgabe als Präsidentin sein würde. Doch ihre Mitstreiter bestanden darauf, dass auch sie sich zur Wahl stellt. Und ihre Bewerbung war erfolgreich. Nun vertritt sie insgesamt 150 Frauen. Ihre neue Stelle nutzt sie auch dafür, sich gegen frühe Heiraten auszusprechen.


„Ich tue jetzt alles, was in meiner Macht liegt, um gegen Kinderheiraten anzugehen. In unserem Netzwerk tun Eltern das ihren Kindern nicht mehr an. Sogar in meiner eigenen Familie ist es mir gelungen, etwas zu ändern: Meine Schwestern sind 16 und 18 Jahre alt und gehen noch zur Schule. Sie werden etwas aus ihrem Leben machen, und die Dinge werden sich verändern – inch´allah, so Gott will“ Tanny ist zuversichtlich.

Bei frühen Schwangerschaften kommt es oft zu Komplikationen

„Ich habe selbst viel durchmachen müssen. Und ich habe durch meine eigene Erfahrung gelernt, dass Mädchen und ihre Eltern in diesem Teil von Mali nicht genügend darüber wissen, welche Folgen eine frühe Heirat für den jungen Körper hat. Bei vielen Mädchen kommt es während der Schwangerschaft oder Geburt zu Komplikationen, auch mit tödlichen Folgen. Viele junge Frauen werden aber auch oft unfruchtbar, einerseits durch Geschlechtskrankheiten, andererseits durch Schwangerschaften, die ihre kleinen Körper zu sehr belasten.

Was hat Tanny als nächstes vor? Sie lernt gerade, am Computer zu arbeiten und im Internet Informationen für ihre Kampagne zu finden.
Und was sagt ihr Schwiegervater dazu? „Er soll sich am besten um seine eigenen Angelegenheiten kümmern!“, lacht Tanny. „Er muss akzeptieren, dass sein Sohn und mein Mann eine gebildete Frau will. Er hat verstanden, dass es besser für alle ist, wenn ich meinen Bildungsweg fortsetzen kann. Ich würde gerne an eine Berufsschule gehen“, sagt sie.

Tanny hat Angst, dass sie keine Kinder kriegen kann

Nach unserer Unterhaltung verlassen wir den kühlen, dunklen Raum und treten hinaus ins Freie. Als wir uns verabschieden und „nach dem Weg fragen“, wie es in der einheimischen Tradition üblich ist, lädt mich Tanny plötzlich zu einem kleinen Spaziergang ein. „Ich möchte Dir meinen Garten zeigen.“


Ich bin überrascht und folge ihr. Ibrahim und Lollo, zwei Mitglieder von CAID, der lokalen Partnerorganisation, die CARE dabei hilft, das Programm zur Stärkung von Frauen und Mädchen in Mali umzusetzen, kommen nicht mit.
„Ich konnte es nicht vor den Männern sagen, aber seitdem ich verheiratet bin, war ich nie schwanger. Jetzt macht sich mein Mann Sorgen. Er fragt, warum andere Frauen, die jünger sind als ich, schon Mütter sind, während es bei mir immer noch dauert.“

Während wir uns unterhalten, kommt uns eine Frau entgegen. Neben ihr läuft ein kleines Kind, auf dem Rücken trägt sie ein Baby. Tanny wirft mir einen traurigen Blick zu. „Ich kenne sie aus der Schulzeit, sie ist ein Jahr jünger als ich. Ich weiß, dass es nicht gut ist, so jung Kinder zu bekommen, doch jetzt hat sie zwei und ich habe noch nicht einmal eines. Glaubst Du, das hat etwas mit meiner frühen Heirat zu tun? Bin ich vielleicht unfruchtbar?“


Ich versuche, sie zu ermutigen. Ich sage ihr, dass sie jung und gesund ist, und sicher alles in Ordnung ist. Und dann, plötzlich, habe ich eine Vision: eine wunderschöne, intelligente Frau, Ende dreißig, die ihren Kindern auf einem Computerbildschirm ein Satellitenbild von Timbuktu zeigt. Und auch das ist, wie so vieles zuvor, durchaus realistisch.