Medizinische Versorgung: Ein Rennen gegen die Zeit

Ein junger Mann in dem überfüllten Lager Opotovacs in Kroatien ist der 23-jährige Mohammed. In perfektem Englisch bittet er um Hilfe für seinen vier Jahre jüngeren Bruder Mahmoud.

Bis vor ein paar Wochen haben die beiden Brüder Mohammed und Mahmoud versucht, das Beste aus ihrem Leben in ihrer Heimatstadt Aleppo zu machen. In den letzten fünf Jahren, die geprägt waren von gewalttätigen Konflikten in Syrien, studierten die Brüder weiter. Mohammed studierte Telekommunikationswissenschaften, Mahmoud Medizin. Den tagtäglichen Luftangriffen und Terroranschlägen auf den Straßen ihres Landes zum Trotz, bemühten die beiden sich stets um „Normalität“ in ihrem Alltag. Mit gesenktem Kopf zogen sie durch die Straßen, blieben soweit es ging zu Hause und konzentrierten sich voll und ganz auf ihr Studium.

Doch vor circa einem Monat veränderte sich alles

Mahmoud wurde vor der Apotheke, in der er ein Praktikum für sein Medizinstudium durchführte, bei einem Anschlag schwer verletzt. „Es ist ein Wunder, dass ich überlebt habe. Jemand warf das Geschoss aus nur sieben Meter Entfernung in meine Richtung. Mein ganzer Körper war übersät mit Splittern.“, berichtet Mahmoud während er seinen von Wunden und Narben gezeichneten Oberkörper zeigt. „Überall waren Splitter. In meinen Beinen, Armen und auch in meinem Kopf- hier fühl selbst! Ich hatte innere Blutungen von einem Stück, das sich tief in meinen Kopf gebohrt hatte.“ Sein rechtes Bein war gebrochen. Die Ärzte in Syrien versuchten es zu stabilisieren und entfernten ihm zahlreiche Splitter aus seinem Körper.

Für Rasheen, den Vater der beiden, war dies der Moment der Entscheidung. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte keiner aus der Familie –  weder Rasheen noch seine Frau oder die Kinder – darüber nachgedacht ihr Heimatland zu verlassen. Die Situation in Syrien war schlimm, aber es war ein Leid und ein Terror, den sie kannten. Wiederum wussten sie nicht, was sie außerhalb Syriens erwartete oder wohin sie gehen sollten. Doch kurz nach dem Anschlag ging Rasheen zu seinem Sohn: „Er schwur bei seinem Leben, dass er alles tun würde, um mich aus diesem Land zu bringen.“, erklärt Mahmoud mit Tränen in seinen Augen. Auch die restliche Familie kann ihren Schmerz beim Gedanken an diesen Moment nicht zurückhalten.

„Ich hatte keine andere Wahl. Meine Kinder sind meine Seele, erklärt der weinende Vater seine Entscheidung.

Die beschwerliche Flucht nach Europa

18 Tage brauchte die Familie bis sie im Süden Kroatiens ankam. Von dort müssen sie nun noch drei weitere Länder durchqueren, um ihr Ziel Deutschland zu erreichen. Dort, so wurde ihnen von griechischen Ärzten gesagt, könnte Mahmoud die medizinische Hilfe bekommen, die er dringend braucht. 

Die ohnehin schon so gefährliche und anstrengende Reise war für den verletzten Mahmoud besonders schwierig. Er musste den ganzen Weg auf Krücken bewältigen. „Die Reise war furchtbar hart bisher, aber ich hatte ja keine andere Wahl. Besonders die Routen, meist illegal, von Syrien in die Türkei, durch Berge und Täler und ständig im Regen waren unglaublich schwer für mich.“ Bis zu 24 Stunden lang musste er zum Teil auf den Beinen bleiben, berichtet Mahmoud. Die dicken Schwielen an seinen Händen sind nicht zu übersehen. 

Die Dringlichkeit der Behandlung und der richtigen medizinischen Versorgung von Mahmouds Verletzungen treibt alle an. Jeder von ihnen zählt innerlich die Sekunden, in denen Mahmoud nicht behandelt wird. Die Familie ist kurz vor einem Zusammenbruch. Sie sind erschöpft und haben Angst. Aber sie geben nicht auf. Der Wunsch der beiden Brüder ist es, sobald es Mahmoud wieder besser geht, ihr Studium in Europa fortzusetzen. „Wir haben es in Syrien versucht,“, erklärt der Medizinstudent Mahmoud, „aber es war so schwer. Dort gibt es keine Arbeit für uns, keine Zukunft. Ich habe gehört, dass das Medizinstudium in Deutschland sehr gut sein soll. Aber mein eigentlicher Traum wäre es, in England weiter zu studieren.“

Die freiwilligen Helfer von CARE in Kroatien bemühen sich, besonders hilfsbedürftigen Menschen wie Mahmoud schnelle Hilfe zukommen zulassen. Sie versuchen, sie bei der Registrierung und Verteilung vorrangig zu betreuen. So können sie schnellstmöglich mit einem der Busse dorthin gebracht werden, wo sie die benötigte Hilfe erhalten können. Die Schnelligkeit, mit der die Menschen die Camps an den Grenzen wieder verlassen, erschwert diese Arbeit. Doch es ist ein Versuch, gerade den besonders schwer Betroffenen ein wenig unter die Arme zu greifen.  

Zwischen der Trauer um ihre verlassene Heimat und der Sorge um Mahmoud mischt sich aber auch ein wenig Hoffnung. „Wir werden jetzt ein neues Leben starten.“, sagt die Mutter der Brüder zuversichtlich.