„Meine Schwester will mich nicht besuchen“

Cholera in Haiti: Viele Infizierte werden isoliert, stigmatisiert und von ihren Familien verstoßen


Übersetzt von Johanna Mitscherlich

Die Cholera bedroht nicht nur das Leben vieler Menschen, sondern sie reißt auch ganze Familien auseinander. Die siebzehnjährige Choumika Achelius sitzt auf einem Krankenhausbett in Gonaives und starrt ins Leere. Sie trägt ein süßes weißes Nachthemd, ihre Haare trägt sie kurz und stachelig. Ihr ganzer Körper und Geist sind von der Cholera geschwächt, sie sieht ganz zerbrechlich aus. Aber trotz ihrer Krankheit sieht man, dass dieses hübsche Mädchen normalerweise dem ein oder anderen jungen Mann auf der Straße den Kopf verdreht.

Choumika hatte seit Sonntag vor einer Woche starke Unterleibsschmerzen und dachte erst, es sei eine normale Magenverstimmung. Aber fünf Tage später musste sie sich immernoch übergeben und hatte starken Durchfall. Einer ihrer Neffen hatte auch Cholera, und sie hatte im Radio davon gehört. Am Ende ist sie also endlich ins Krankenhaus gegangen – ganz alleine. Sie erklärt, warum sie erst so spät einen Arzt aufgesucht hat: „Ich dachte, dass ich keine Cholera kriegen kann, wenn ich pflanzliche Medikamente einnehme.“ Die letzten 50 Jahre sind in Haiti keine Cholera-Fälle aufgetreten. Da wundert es nicht, dass die Menschen nichts über das Risiko, die Symptome und die notwendige Behandlung wissen.

Aber die Unkenntnis ist nicht nur lebensbedrohlich, sondern führt auch dazu, dass Kranke stigmatisiert und isoliert werden. „Meine ältere Schwester will mich nicht besuchen, weil sie Angst hat, sich anzustecken“, erzählt Choumika. Seit die Krankheit ausgebrochen ist, haben die CARE Teams so ein Verhalten oft erlebt. Viele Patienten dürfen keine öffentlichen Busse mehr nehmen, kranke Familienmitglieder werden ausgestoßen und es wird viel gemunkelt über die Kranken. Gott sei Dank ändert sich das – langsam, aber sicher. „Die Gemeinden ändern ihr Verhalten gegenüber den Infizierten“, erklärt Salomon Cassagnol, der für das Gesundheitsteam von CARE arbeitet. „Gestern Nacht habe ich gesehen, wie 15 Leute einen Cholera-Kranken ins Krankenhaus getragen hat – 15 Kilometer weit!“

In der Region um Gonaives herum baut CARE ein Netzwerk von mehr als 450 Freiwilligen auf. Normalerweise beschäftigen sich die Freiwilligen mit AIDS-Vorbeugung. Aber im Moment  arbeiten sie unter Hochdruck, um über die Cholera aufzuklären: „Wascht Eure Hände und reinigt Euer Wasser mit Chlor! Bringt Menschen, die Symptome von Cholera zeigen, ins Krankenhaus! Und wenn jemand wieder gesund in Euer Dorf zurückkehrt, heißt ihn willkommen!“

Für Choumika wird es sicherlich keine große Willkommensparty geben, wenn sie aus dem Krankenhaus wieder nach Hause kommt. Aber hoffentlich kann sie mit ihrem neuen Wissen über die Cholera ihrer Schwester erklären, dass diese sie weder ausgrenzen noch meiden muss. Ganz im Gegenteil: Die Schwester hätte einige Gründe, um auf Choumika stolz zu sein. Diese hübsche junge Frau ist fest entschlossen, die Einstellungen in ihrem Dorf positiv zu verändern. „Ich möchte Krankenschwester werden“, sagt sie. Mit ein bisschen Glück wird schon in ein paar Jahren eine talentierte junge Krankenschwester im Krankenhaus von Gonaives zu finden sein. Hoffentlich wird die Cholera in Haiti dann Vergangenheit sein.