Mr. Mangrove – oder der Vater der Bäume

Zum Tag des Baumes: Wie Mangroven in Vietnam Küstengebiete vor Stürmen und Überflutungen schützen.

2005 jagte Taifun „Damrey“ über die Ostküste Vietnams. Mit einer Geschwindigkeit von über 130 Stundenkilometer entwurzelte der Wirbelsturm in der Provinz Thanh Hoa Bäume, riss hunderte Häuser, Vieh und Reisfelder mit sich – und damit die Existenzgrundlagen tausender Menschen. Besonders hart traf es die Kommune Da Loc. Meterhohe Wellen durchbrachen den Deich – nur 500 Meter der Schutzmauer entlang des Küstenufers blieben unbeschadet. Warum? Weil ein Mangrovenwald die großen Wellen vor dem Deich abfing und damit Bodenerosion und die Überschwemmung von Feldern und Häusern verhinderte. Laut Angaben der Vereinten Nationen reduzieren 200 Meter Mangrovenwald die Kraft der Wellen um 75 Prozent.
„Für die Menschen hier war das ein Weckruf. Jahrzehntelang haben sie Mangroven abgeholzt, um Platz für andere Feldfrüchte zu schaffen und um den Stamm des Baumes als Feuerholz zu verwenden. Damrey hat uns daran erinnert, dass Mangroven die Auswirkungen von Stürmen und Überschwemmungen abschwächen und die betroffenen Regionen vor großen Schäden bewahren können“, erklärt CARE-Mitarbeiter Mr. Nghi. Dabei steht er mitten in  einer Mangrovenfarm und betrachtet liebevoll einen kleinen Setzling in seiner Hand. Wenn es einer wissen muss, dann Mr. Nghi. Seit über sieben Jahren pflanzt er Mangroven an den Küsten Vietnams. Wie viele? Das Zählen hat er mittlerweile aufgegeben, aber einige hundert Bäume müssen es gewesen sein.  Über 200 Hektar Mangrovenwald haben er und die Dorfbewohner in den letzten Jahren insgesamt gepflanzt.

Kleine Pflanze – große Wirkung

Vietnam ist eines der Länder, die weltweit am stärksten von Naturkatastrophen betroffen sind. In den letzten 50 Jahren litt das südostasiatische Land im Durchschnitt sieben Mal pro Jahr unter tropischen Stürmen oder Taifunen, in den letzten 20 Jahren gab es über 70 Fluten. In der Provinz Thanh Hoa, etwa 150 Kilometer von der Hauptstadt Hanoi entfernt, lebt jeder vierte Bewohner unterhalb der Armutsgrenze. Die Menschen hier ernähren sich von Fischerei, Landwirtschaft und dem Handel damit. Aber jeder Sturm, jede Flut zerstört ihre Existenzgrundlage komplett.
„Es gibt viele Möglichkeiten, sich vor Katastrophen zu schützen. Aber Mangroven zu pflanzen ist nicht nur der einfachste, sondern auch der natürlichste und sinnvollste Weg“, sagt Mr. Nghi, der seinen roten Motorradhelm auch auf der Farm anbehält, und streichelt die Blätter des kleinen Setzlings. „Wie Seide fühlt sich das an“, schwärmt er. Wenn Mr. Nghi inmitten der Mangrovenfarm steht, Setzlinge pflanzt, Müll und Ungeziefer von den Ästen pickt, kann man sich schwer vorzustellen, dass der kleine, quirlige Mann mit seinen strahlenden Augen ausgebildeter Jurist ist und früher hinter großen Aktenbergen und Gesetzesbüchern saß. „Für mich ist das eigentlich kein Widerspruch“, erklärt er. „Mangroven zu pflanzen ist einfach. Dafür zu sorgen, dass die Setzlinge zu großen Bäumen wachsen und diese später nicht abgeholzt werden, das ist die Kunst! Dabei hilft es mir sehr, Jurist zu sein.“ Das Land, auf dem die Setzlinge gezüchtet werden, gehört offiziell der Regierung. Aber die Dorfbewohner schließen Verträge mit ihr, um über das Land verfügen zu dürfen. Da hilft Mr. Nghis Wissen über Paragraphen.
Zusammen mit den Dorfbewohnern und der lokalen Regierung legt er Regeln fest, wer für welchen Part in der Mangrovenzucht zuständig ist.  „Am Anfang sind sie wie kleine Babys, sie müssen gehegt und gepflegt werden“, erklärt der zweifache Vater.  Zuerst muss die Erde für die Samen in Plastikbeutel gefüllt werden. Dann wird darin der Samen eines älteren Mangrovenbaums gepflanzt. In den ersten Monaten müssen die frisch gesäten Pflanzen immer wieder von Schädlingen befreit werden.  Dafür gibt es keine Maschinen, sondern nur die Hände. „Das ist das Mindeste, was wir für sie tun können.“ Anderthalb Jahre lang wachsen und gedeihen die Bäume in den von CARE angelegten Mangrovenfarmen, den „Kinderkrippen“, wie Mr. Nghi sie nennt. Dann werden sie an den Küsten angepflanzt.

„Heute wissen wir, wie wichtig Mangroven für uns sind“

In Dorfversammlungen wurden besonders engagierte Teilnehmer gewählt, die sich um die Mangroven kümmern, als Chefzüchter, sozusagen. Jede Familie hatte eine Stimme, um die Dorf-Vertreter zu wählen – damit wird Verantwortung und Mitsprache der Gemeinden gefördert.
 Eine der Freiwilligen ist Bui Thi Din. Wie die anderen Freiwilligen aus der Gemeinde hat Mr. Nghi ihr alles beigebracht, was sie über Mangroven wissen muss. „Wir nennen ihn hier alle Mr. Mangrove. Er weiß alles über Mangroven“, lacht Thi Din. Dabei geht es aber nicht nur darum, wie man Mangroven pflegen muss oder was der Unterschied zwischen den Sorten „Kandelia“ und „Sonneratia“ ist. Es geht vor allem auch um ihre Wertschätzung. „Heute wissen wir, wie wichtig Mangroven für uns und das Überleben unserer Dörfer sind. Deswegen pflegen wir sie und schützen sie vor Feuerholzdieben“, erklärt Thi Din, die in der Frauen-Vereinigung aktiv ist.
„Mangroven sind Alleskönner. Es gibt keine Pflanze, die so viel leistet wie eine Mangrove: Der Baum schützt nicht nur den Deich und die Menschen, sondern verbessert auch das Ökosystem,  reduziert Emissionen und dient als Filtersysteme gegen die Verschmutzung der Küstengebiete. Außerdem ermöglichen Fische, Muscheln und Krabben, die sich in den Mangroven ansiedeln, den Küstenbewohnern zusätzliches Einkommen“, zählt Mr. Nghi die Vorteile der Mangroven auf. Bei jedem Vorzug streckt er einen anderen Finger in die Höhe, um mit dieser Gestik die Bedeutung zu betonen. „Auch im Kampf gegen die Auswirkungen des Klimawandels sind Mangroven wirksam.“  Mr. Mangrove hat dabei nicht nur Thanh Hoa, sondern vor allem auch das Mekong-Delta von Vietnam  im Blick. Laut Weltbank ist das südostasiatische Land mit seinen 3.200 Kilometern Küste eines der fünf Länder, die am stärksten vom steigenden Meeresspiegel betroffen sein werden. Bei einem Anstieg des Meeresspiegels um nur einen Meter wären im Mekong Delta riesige landwirtschaftliche Flächen – und damit über 20 Millionen Menschen – bedroht.
Das Ministerium für Landwirtschaft und ländliche Entwicklung hat die Manager des Mangroven-Projekts von CARE bereits zu sich eingeladen, um die Erfahrungen der letzten Jahre für andere Regionen Vietnams zu nutzen. „Menschen informieren, mit ihnen diskutieren, ihr Wissen nutzen, sie einbinden, verantwortlich machen und die Erfolge ständig kontrollieren“ – Mr. Nghis Rezept stieß hier auf großen Widerhall.
 „Es ist so viel günstiger, Mangroven zu pflanzen, als später wieder alles aufbauen zu müssen“, sagt Mr. Nghi. Die Weltbank bestätigt das: Jeder in Katastrophenvorsorge investierte Euro spart zwei bis sieben Euro an Nothilfe und Wiederaufbau. „Ein letzter Vorzug von Mangroven fällt mir noch ein“, lacht Mr. Nghi. „Sie sehen einfach schön aus, oder?“