Myanmar: Gemeinsam nachhaltigen Fortschritt erzielen

CARE-Länderdirektor Brian Agland spricht über die schwierige Situation in Myanmar und erklärt, wie CARE die Menschen vor Ort unterstützt.

Myanmar ist eines der vielfältigsten und facettenreichsten Länder der Welt. Auf einer Fläche, die ungefähr doppelt so groß ist wie Deutschland, leben circa 50 Millionen Menschen, die mehr als 135 ethnischen Gruppen zugehörig sind.

Doch trotz seines Ressourcenreichtums zählt Myanmar zu den ärmsten Ländern Asiens. Die politische und wirtschaftliche Isolation während der Militärdiktatur von 1962 bis 2011 hinterließ schwere Folgen für die Bevölkerung. Es mangelt an ausgebauten Straßen und gut ausgestatteten Krankenhäusern. Die meisten Menschen haben keinen Zugang zu medizinischer Versorgung und viele Kinder und Jugendliche können nicht zur Schule gehen.

Im Interview spricht CARE-Länderdirektor Brian Agland über die schwierige Situation in Myanmar und erklärt, wie CARE die Menschen vor Ort unterstützt:

Herr Agland, Sie sind CARE-Länderdirektor in Myanmar. Was heißt das und wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?

Nun ja, mein Arbeitsalltag ist wahrscheinlich nicht so glamourös, wie viele ihn sich vorstellen. Ich verbringe sehr viel Zeit in Meetings. Als Länderdirektor bin ich für ungefähr 250 Mitarbeiter verantwortlich, verwalte ein Budget von circa 7,2 Millionen Euro pro Jahr und führe Verhandlungen mit Geldgebern unserer Projekte. Da ich schon lange in Myanmar tätig bin, werde ich oft zu  Gesprächen mit  der Regierung eingeladen. Ein Teil meiner Arbeit macht auch die Reise in entlegene Projektregionen aus. Das gibt mir die Möglichkeit, mit den Mitarbeitern vor Ort zu reden. Dabei liegen mir nicht nur der Erfolg der Projekte, sondern auch ihre Arbeitsverhältnisse, ihr Lohn oder andere persönliche Ansprüche oder Bedürfnisse am Herzen. Ich möchte sicherstellen, dass CARE-Mitarbeiter sich wohlfühlen und gerne arbeiten.

Seit wann ist CARE in Myanmar tätig?

Seit 1994. Begonnen haben wir mit einem kleinen Projekt in der Rakhaing Provinz, an der Grenze zu Bangladesch. Auch heute ist CARE noch im Grenzgebiet aktiv. Doch wir weiten unsere Projekte auch auf urbane Gebiete aus, da viele Menschen auf der Suche nach Arbeit in größere Städte ziehen.

Trotz der politischen Änderungen und Verbesserungen in den letzten zwei Jahren, leben viele Menschen immer noch in Armut. 70 Prozent der Bevölkerung wohnt in abgeschnittenen ländlichen Gebieten und viele der Fortschritte aus dem Rest des Landes haben sie noch nicht erreicht. Diese Menschen können sich oft nur von eigenen Feldern ernähren. Für sie ist es besonders schlimm, wenn sie ihr Land, oft unrechtmäßig, an Golfplätze oder große kommerzielle Felder und Plantagen verlieren.

In der Vergangenheit wurde Myanmar schon öfter von Naturkatastrophen heimgesucht. Wie haben Sie das erlebt?

Im Jahr 2008 traf Zyklon Nargis auf Myanmar und tötete nach offiziellen Angaben ungefähr 130.000 Menschen und weitere 100.000 Menschen wurden damals als vermisst gemeldet. Bislang war Nargis die schwerste Naturkatastrophe, die das Land in seiner Geschichte getroffen hat.

Ich trage sehr lebhafte Erinnerungen von dieser Katastrophe mit mir. Die Wassermassen zerstörten unser CARE-Büro und hinterließen Trümmer. CARE leistete damals Nothilfe für die Betroffenen. Heute kann ich sagen, dass die internationale Gemeinschaft der Hilfsorganisationen aus der Katastrophe lernen konnte. Wir demonstrierten der Regierung, dass wir effektive Hilfe leisten. Daraus ist eine gute Verbindung entstanden. Heute arbeiten wir eng mit politischen Entscheidungsträgern und anderen Hilfsorganisationen zusammen und realisieren Maßnahmen, die uns vorher nicht gestattet wurden. 

Wie hilft CARE den Menschen in Myanmar? 

Wir haben zwei große sogenannte Leitprogramme. Das eine konzentriert sich auf die Menschen in isolierten ländlichen Gebieten, hauptsächlich entlang der Grenzen von Myanmar. Die Menschen dort sind nicht nur wegen ihrer isolierten Lage im Nachteil, sondern auch weil sie zum großen Teil ethnischen Minderheiten angehören. Sie haben oft keinen gerechten Zugang zu Ressourcen wie Land, auf dem sie Nahrung anbauen könnten. CARE arbeitet  viel mit diesen Menschen zusammen und stellt sicher, dass sie Felder bestellen können, Zugang zu sauberem Trinkwasser haben, medizinisch versorgt werden und ihre Rechte und Probleme Gehör finden.

Diese Projekte machen ungefähr 40 Prozent unser gesamten Tätigkeiten in Myanmar aus. Die anderen 60 Prozent konzentrieren sich auf einen für uns neuen Bereich: urbane Gebiete und Städte. In den letzten sechs Monaten haben wir einen kleinen Betrag an Finanzierung erhalten und sehen viel Potential, diese Projekte weiter auszubauen. Denn aktuell sind wir eine der wenigen internationalen Hilfsorganisationen, die in den städtischen Gebieten Myanmars aktiv sind.


Wie vielen Menschen hilft CARE ungefähr?

In den ländlichen Gebieten mag die Zahl nicht besonders hoch erscheinen, da wir in Gegenden tätig sind, die sehr gebirgig und dünn besiedelt sind. Dort sind einzelne Dörfer oft kilometerweit voneinander entfernt. Im Rakhaing-Staat arbeiten wir besonders mit Rohingya, einer muslimischen Volksgruppe, welche nicht als einheimische Bevölkerungsgruppe angesehen wird und deshalb keinen Anspruch auf die myanmarische Staatsbürgerschaft stellen kann. Wir arbeiten mit Gemeinden von ungefähr 170 Dörfern, wobei  jedes Dorf aus ungefähr 400 Menschen besteht.

In den städtischen Gebieten lässt sich eine Zahl schlecht fest machen, da viele Menschen indirekt von unserer Arbeit profitieren. Wir arbeiten zum Beispiel an der Verbesserung der Arbeitsrechte oder der Errichtung von Unterkünften für Frauen in den Städten. Diese Maßnahmen haben eher einen Langzeiteffekt.

Was sagen Menschen vor Ort über die Arbeit von CARE?

Uns sind die Meinungen und Gedanken der Menschen, denen wir helfen, sehr wichtig. Unsere Arbeitsweise baut sich darauf auf. Ein Teil davon drückt sich darin aus, dass wir hauptsächlich einheimische Mitarbeiter beschäftigen. Sie sprechen die Sprache und sind in den Gemeinschaften bekannt. Wir kommen nicht mit einer vorgefertigten Liste von Maßnahmen, sondern gehen in die Dorfgemeinschaften und identifizieren mit Hilfe der Menschen vor Ort, wie geholfen werden kann und wer die Hilfe am dringendsten benötigt.
Wir fühlen uns der Gemeinschaft und dem Erfolg unserer Maßnahmen verpflichtet. Deshalb errichten wir verschiedene Möglichkeiten für die Menschen, ihre Meinungen und Bedürfnisse zu teilen, um eventuelle Probleme mit Hilfsgütern oder Mitarbeitern zu lösen. Unsere Vorgehensweise orientiert sich sehr stark an der Gemeinde und ich denke, die Menschen schätzen das sehr.

Was die Seite der Geldgeber anbelangt, wurden wir vor ungefähr einem Jahr von der EU für direkte Zuwendungen ausgewählt. Das heißt wir bekommen Gelder, ohne dass wir uns um sie beworben haben. Das ist für mich ein sehr schönes Zeichen für den Respekt, welchen wir als Hilfsorganisation bekommen.

Konnten Sie bereits anhaltenden Fortschritt in Regionen, welche von CARE unterstützt werden, beobachten?

Wir errichten viele Wassersysteme in den bergigen Regionen. Diese werden nicht durch kostspielige Pumpen, welche Benzin verbrauchen, angetrieben, sondern durch die Schwerkraft. Das Wasser wird auf einem Berg gespeichert und kann von dort selbstständig in die Dörfer gelangen.

Im Kachin-Staat, im nördlichsten Teil des Landes, haben wir eine Verwaltungsstrategie mit den Bewohnern erstellt. Unter der Kontrolle und Verwaltung der Dorfbewohner werden Bäume gepflanzt und die Wasserpipeline instand gehalten. Wir organisieren Wasserkomitees, welche mit den Dorfbewohnern sprechen um Geld für die Wartung der Leitungen zu sammeln. Diese Komitees funktionieren auch noch Jahre nach unserer eigentlichen Arbeit.

Was war eine der persönlich eindrucksvollsten Erfahrungen, die Sie in den vergangenen Jahren während der Arbeit mit den Menschen in Myanmar gemacht haben?

Ich habe über Jahre sehr viel Leidenschaft für den Chin-Staat im Westen von Myanmar an der indischen Grenze entwickelt. Die Gegend ist wunderschön und sehr gebirgig. Ein Dorf vom anderen trennt oft nicht weniger als ein drei- oder vierstündiger Fußmarsch. CARE war dort für eine lange Zeit die einzig aktive Hilfsorganisation und ich habe immer noch Kontakt zu Menschen vor Ort.
Wenn ich die Gegend heute besuche, beeindruckt es mich sehr, dass ich die tatsächlichen Änderungen und Verbesserungen beobachten kann. Es sind zum Beispiel an den Berghängen nun Terrassen errichtet. So kann auch an steilen Abhängen effektiv angebaut werden, und die Bauern müssen keine gefährliche Brandrodung mehr betreiben. Mit Hilfe der Terrassen können sie über das ganze Jahr Pflanzen anbauen. Auch wurden viele kleine Brücken errichtet und die Infrastruktur verbessert.

Gern denke ich auch an ein Projekt im Rakhaing-Staat zurück. Dort gibt es sehr viele Konflikte zwischen ethnischen Gruppen wie den buddhistischen Arakanesen und den muslimischen Rohingya. Wir haben es trotzdem geschafft, mit beiden Gruppen zusammenzuarbeiten und Bäume in kahl gerodeten Wäldern zu pflanzen.

Sie arbeiteten zwar an unterschiedlichen Stellen, haben jedoch gegenseitig ihre Grundstücke besucht,  um voneinander zu lernen. In Anbetracht der Konflikte, welche oft zwischen den beiden Gruppen im Land herrschen, wäre das normalerweise undenkbar gewesen! Das sind für mich besonders schöne Erinnerungen.