Nepal: Die Angst sitzt tief

Sameer ist Englischlehrer in einer Dorfschule in Gorkha. Nach den beiden starken Erdbeben sorgt er sich besonders um die psychische Gesundheit seiner Schüler.

Sameer hastet steile Hänge hinunter. Seine Flip-Flops machen ein klackendes Geräusch, während er durch sein Dorf hoch in den Bergen von Gorkha läuft. Die atemberaubende Landschaft kann nicht hinwegtäuschen über den Schaden, den das Erdbeben hier angerichtet hat: Unzählige Trümmerberge, die einmal Häuser waren, haben Kleidung, Nahrung und Möbel unter sich begraben. „Natürlich ist das Ausmaß der Zerstörung verheerend“, sagt Sameer. „Weitaus größere Sorgen mache ich mir aber um die Menschen, die Traumatisches erlebt haben. Besonders Kinder sind davon betroffen.“

Sorge um die Schüler

Sameer ist Englischlehrer einer Dorfschule. In den letzten Wochen besuchte er seine Schüler in Notunterkünften. Um die Notunterkünfte zu errichten, stellte CARE unter anderem Seile und Werkzeug zur Verfügung. Keiner traut sich in den Häusern zu schlafen. Nicht einmal die Menschen, deren Häuser noch stehen. Die Angst vor Nachbeben ist zu groß. Sameer unterhält sich mit den Kindern und möchte wissen, wie sie zurechtkommen. Viele erzählen ihm davon, wie sie sich vor dem Erdbeben retteten. Sie haben alles verloren, Spielzeug, Kleidung, ein Dach über dem Kopf. Manche verloren sogar Familienmitglieder. „Viele Eltern berichten davon, dass ihre Kinder ihnen auf Schritt und Tritt folgen. In der Nacht machen  sie ins Bett und sind zu verängstigt, um einzuschlafen.“

Gorkha gehört zu einer der Regionen, die durch das Erdbeben mit am schlimmsten getroffen wurden. Nach Einschätzungen der Regierung wurden mehr als 80 Prozent der Häuser von rund 270.000 Menschen stark beschädigt oder komplett zerstört. Es bleibt weiterhin eine enorme Herausforderung, die schätzungsweise 1000 entlegenen Bergdörfer zu erreichen. Menschen sind dort dringend auf Nahrung, Kleidung und Notunterkünfte angewiesen.

Kinder leiden unter Traumata

In einer Woche öffnen die Schulen in Nepal wieder ihre Türen. Doch rund 25.000 Klassenräume wurden verwüstet. Auch die Schule, in der Sameer unterrichtet, wurde beschädigt. 870.000 Kinder zwischen 3-18 Jahren können nach Angaben der Vereinten Nationen derzeit in Nepal nicht zur Schule gehen. „Die Regierung hat uns mit Zelten ausgestattet, damit wir so schnell wie möglich mit dem Unterricht fortfahren können. Aber ich glaube nicht, dass alle Schüler schon wieder in der Lage sind, am Unterricht teilzunehmen. Die meisten von ihnen haben großes Glück gehabt und wurden nicht verwundet, doch sie tragen innere Wunden. Sie sind sehr verängstigt und müssen mit den traumatischen Erlebnissen zurechtkommen“, so Sameer. Er hat die letzten Nächte damit verbracht, sich im Internet über den Umgang mit Traumata bei Kindern zu erkundigen. Schülern bietet er die Möglichkeit an, über die Katastrophe  zu sprechen und hofft, dass sie so die schlimmen Erlebnisse früher oder später verarbeiten können. „Es ist jetzt besonders wichtig für diese Kinder, dass sie wieder einen geregelten Tagesablauf haben und in die Schule gehen können. Sie sollten lernen, spielen und eine unbeschwerte Kindheit genießen.“

Betrachtet man die Dorfschule von außen, fallen nur ein paar wenige Risse rauf. Doch als Sameer die Tür zum Klassenzimmer öffnet, schießen ihm prompt die Tränen in die Augen. Er schüttelt fassungslos den Kopf. Zerbrochene Fliesen liegen überall verteilt, die einstürzenden Wände haben Tische, Stühle und Tafeln mit sich gerissen. Zwischen den Trümmern liegen Bücher, Blöcke und Stifte verstreut.

Glück im Unglück

Einige Wochen, bevor sich das erste Erdbeben ereignete, feierte die Schule ihr 50-jähriges Jubiläum. Sameer war hier selbst einmal Schüler. „Wenn mich die Trauer überkommt, weil es meinen Schülern nicht gut geht und die Schule nur noch ein Trümmerhaufen ist, versuche ich mich daran zu erinnern, dass wir Glück im Unglück hatten. Es hätte uns noch schlimmer treffen können. Ich will mir gar nicht ausmalen, was passiert wäre, hätte das Erdbeben nicht an einem Samstag das Land erschüttert. Samstag ist kein Schultag. Niemand befand sich im Schulgebäude. Hätte das Erdbeben uns an einem Wochentag getroffen, wären die meisten der 750 Schüler jetzt vielleicht schwer verletzt oder tot.“ Sameer schweigt einen Moment. Er scheint die schrecklichen Gedanken schnell aus seinem Kopf vertreiben zu wollen. „Es liegt noch eine Menge Arbeit vor uns, aber wir werden diese Schule wiederaufbauen“, sagt er mit Entschlossenheit. „Mit Unterstützung von Hilfsorganisationen wie CARE werden wir in Zukunft Häuser erdbebensicherer bauen. Was ich in der Schule gelernt habe und was ich Kindern als Lehrer beibringe, kann nicht so leicht erschüttert werden. Nicht einmal von einem der stärksten Erdbeben, die es je in Nepal gegeben hat.“