Niger: 40 hungrige Bäuche mehr

Nichts ist mehr so, wie es mal war: Seit im Norden Nigerias Gewalt herrscht, fliehen Hunderttausende ins Nachbarland Niger. Über 80 Prozent finden bei Gastfamilien wie der von Rahamatou Zuflucht.

„Eine Kuh muss ihre Hörner mit sich tragen, ganz gleich, wie schwer sie sind“, erzählt Rahamatou Ousmane und lacht aus vollem Herzen – ein Lachen, das ansteckt. Die 42-jährige Mutter von fünf Kindern trägt ein grünes Kopftuch und ein Kleid aus demselben Stoff. Sie lebt in Nguel Kolo, einem kleinen Dorf im Osten des Niger, nahe der nigerianischen Grenze gelegen. Doch von welcher Last genau spricht Rahamatou? Sie hat sieben Brüder, die alle in Nigeria lebten und arbeiteten. Als bewaffnete Truppen dort Dörfer und Städte angriffen, wollten die Brüder ihre Frauen und Kinder schnellstmöglich in Sicherheit bringen. Rahamatou nahm sie bei sich auf: sieben Schwägerinnen und etwa 30 Kinder. „Ich weiß nicht einmal, wie viele es ganz genau sind“, berichtet sie. Gleich neben ihrer bescheidenen Hütte hat sie eine provisorische Behausung aus Holzstöcken für ihre Verwandtschaft aufgebaut. Die anderen Frauen sind in der Nachbarschaft untergekommen und Rahamatou bezahlt die Kosten, die für die Unterkunft anfallen.

Zwei Flüchtlingscamps im Osten des Niger befinden sich derzeit im Aufbau. Doch über 80 Prozent der Flüchtlinge aus Nigeria haben Zuflucht in Gastgemeinden gefunden. Die Gastgeber nehmen die Flüchtlinge herzlich auf und teilen ihr Essen mit ihnen – und das in einer Region, in der Nahrungsmitteln und Trinkwasser immer knapp sind.

„Ich mag die Abendstunden“, erzählt uns Rahamatou. „Dann kann ich mich ein wenig ausruhen. Wir verbringen fast den ganzen Tag damit, Essen aufzutreiben.“ In den ersten zwei Monaten waren sie und ihre sieben Schwägerinnen ganz auf sich alleingestellt. Jetzt erhalten sie monatlich Essensrationen von CARE. Doch das reicht nicht aus, um auch die Kinder ihrer Schwägerinnen satt zu bekommen. Rahamatou ist eine unglaublich starke Frau, deren Ehemann noch zwei weitere Gattinnen hat. Sie zuckt mit den Schultern, als sie auf ihn zu sprechen kommt. Er ist selten da und sie muss ihre Kinder alleine versorgen. Eins ihrer Kinder ist bereits verheiratet, die anderen vier ernährt Rahamatou mit dem Verkauf von Räucherstäbchen und Gemüse auf dem Markt. Doch wie soll sie davon nun fast 40 Menschen versorgen?

Rahamatou und ihre Schwägerinnnen sitzen vor dem Haus, wo sie sich ein schattiges Plätzchen gesucht haben. „Sie ist sechs Jahre alt, kaum zu glauben, oder?“, erzählt uns Rahamatou und deutet auf eine ihrer Nichten. Sie leidet unter einem neurologischen Defizit und kann sich nicht auf den Beinen halten. Die Mutter der Kleinen wimmert leise und hält ihre Tochter ganz zärtlich im Arm, wie einen zerbrechlichen Schatz. Wenn die Mutter ihr jüngstes Baby stillt, übergibt sie die Kleine an den Bruder. Der trägt das kranke Mädchen vorsichtig auf dem Rücken. Wird sie überhaupt eine Überlebenschance haben? In Nguel Kolo gibt es nur dürftige medizinische Versorgung, das nächste Krankenhaus ist fern. „Viele der Kinder leiden unter chronischem Husten, der durch den Sand hier in der Sahelzone ausgelöst wird. „Unsere Kinder haben großes Heimweh“, berichtet Hawa Chaibou, eine 32-jährige Schwägerin von Rahamatou, die ebenfalls etwas zum Einkommen der großen Familie beisteuert. „Sie sind es gewöhnt, draußen zu spielen, sich frei zu bewegen. Jetzt sind wir hier und warten jeden Tag darauf, endlich in unsere Heimat zurückzukehren.“

Und was passiert bis dahin? Rahamatou wird sich weiterhin um ihre geflohenen Schwägerinnen, Neffen und Nichten kümmern. Sie wird jeden Morgen aufwachen und wissen, dass es nicht genug zu essen für alle gibt. Dass das Geld nicht ausreicht. Doch das wird sie nicht davon abhalten, weiter zu kämpfen. Denn Rahamatou ist stark, mutig und großzügig. Sie wird die Verantwortung für ihre geflüchteten Verwandten tragen, genau wie die Kuh, die ihre Hörner immer mit sich tragen muss.

Die Flüchtlingsströme von Nigeria in den Osten des Niger halten weiter an. CARE hat seine humanitäre Hilfe deshalb ausgeweitet, um sowohl geflohene Familien als auch die Gastgemeinden zu unterstützen. CARE verteilt Nahrung, Haushalts- und Hygieneartikel, sowie Bargeld. Ein Nothilfeteam ist in der gesamten Region tätig: Die Helfer reparieren Wasserstellen, versorgen die Flüchtlingscamps mit Trinkwasser und bietet den Flüchtlingen Transport von der Grenze in eines der zwei Flüchtlingscamps. Seit April 2015 hat CARE bereits rund 72.000 Menschen in der Region Diffa, in Niger, mit notwendigen Hilfsgütern erreicht.

 

 

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